Teeniepop aus einer anderen Galaxie

Der junge US-Star Billie Eilish sorgt für das Highlight beim Frequency Festival in St. Pölten


GERHARD STöGER

FALTER:WOCHE, FALTER 33/19 vom 13.08.2019

Foto: Kenneth Cappello

Der New Musical Express existiert zwar nur mehr als Onlinemedium, seinem Hang zu Superlativen ist das einstige britische Popkulturzentralorgan aber treu geblieben: Billie Eilish erklärte er demgemäß zum „most talked about teen on the planet“. Der deutsche Musikexpress, der vorerst noch gedruckt erscheint, wollte da nicht nachstehen und stellte kurzerhand eine Verbindung zwischen der US-Musikerin und dem anderen jungen Menschen her, über den gegenwärtig alle Welt spricht: „Billie Eilish ist die Greta Thunberg der Popmusik.“

Billie Eilish ist gerade einmal 17 Jahre alt. Auf Instagram hat sie über 34 Millionen Follower, die Klickzahlen auf Youtube liegen im mittleren dreistelligen Millionenbereich – pro Lied, nicht insgesamt –, die Streamingplattform Spotify rechnet die Zugriffe auf ihre Musik in Milliarden, und als heuer Ende März ihr Debütalbum „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ erschienen ist, tauchten 14 (!) ihrer Lieder gleichzeitig in den Top 100 der US-Charts auf.

Die Sängerin mit dem Faible für androgyne Kleidung und seltsam gefärbte Haare zählt derzeit zu den größten Teeniepopstars der Welt, ihre Lieder dienen Millionen als Soundtrack zur ersten großen Lebenskrise, der Pubertät. Nur klingt Eilish, und das macht dieses Phänomen so spannend, wie kein Teeniepopstar zuvor. Ihre Musik ist düster, avantgardistisch, experimentierfreudig, garstig, zart, unterkühlt und verspielt. Leicht konsumierbar hingegen, Formatradiokriterien entsprechend oder aus einem Guss geformt ist sie nicht.

Mal singt Eilish herzzerreißende Klavierballaden, dann wieder dreht sie den Bass so brutal auf, dass das Ergebnis gleichzeitig wie ein Tanzbodenfeger und ein Klangtotalschaden anmutet. Sie kann zur Ukulele ein liebliches Kinderlied anstimmen und es mit einem wuchtigen Beat sogleich auf eine andere Ebene heben, an die große Poptragödin Lana Del Rey erinnern und im nächsten Moment selbstvergessen durch einen elektronischen Nebel tänzeln. Intimität und Distanz, ein stetes Wechselspiel.

„When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ sei mehr Playlist als in sich schlüssiges Album, haben manche angemerkt. Tatsächlich kennt Eilish als Kind ihrer Zeit keine stilistischen Reinheitsgebote und keine Selbstbeschränkungen.

Jeder Song ist ein neues Abenteuer, jede Idee darf eigene kreative Wege gehen. Aber ein besonderer gemeinsamer Vibe – glitzernder emotionaler Sternenstaub womöglich, oder, sachlicher ausgerückt, schlicht und einfach große Popsensibilität – hält doch wieder alles schlüssig zusammen und macht Billies „Playlist“ zum modernsten Popalbum des Jahres.

Thom Yorke, der Sänger der vielerorts kultisch verehrten britischen Pop-Trauerweide Radiohead, hat die junge Kollegin heuer nach einem Konzert Backstage besucht. „You’re the only one doing anything fucking interesting nowadays“, soll er zu ihr gesagt haben, sinngemäß übersetzt also: „Niemand macht gerade so etwas Interessantes wie du.“ Nur dass Yorke sein Lob noch das entscheidende Bisschen stärker betont hat.

Die unglaubliche Karriere der am 18. Dezember 2001 als Billie Eilish Pirate Baird O’Connell geborenen Künstlerin aus Los Angeles hat vor drei Jahren mit der traurigen Ballade „Ocean Eyes“ begonnen, natürlich im Internet. Produziert hat sie es mit ihrem älteren Bruder Finneas daheim im Jugendzimmer als Therapiemaßnahme: Eine schwere Trainingsverletzung hatte Eilishs angehende Tanzkarriere abrupt beendet, sie vorübergehend mehr oder weniger bewegungsunfähig gemacht und in Depressionen gestürzt.

Bis heute entsteht Billie Eilishs Musik in dieser speziellen Paarkonstellation im vertrauten Ambiente. Die Eltern – beide Schauspieler, die Mutter auch Musikerin – hatten die Geschwister zuhause unterrichtet; Hollywood-Glamour wehte keiner durchs Haus O’Connor: Wie so viele andere Mädchen liebte die junge Billie Pferde, Reitstunden waren finanziell aber nicht drin. Also hat sie sich diese durch die Hilfe bei der Pflege der Tiere selbst erarbeitet.

Das US-Magazin Rolling Stone hat die Musikerin für eine kürzlich erschienene Titelgeschichte begleitet, wie sie ihr altes Lieblingspferd besucht. Es gehört zu den stärksten Momenten eines an starken Momenten nicht armen Porträts. Ein anderer erzählt von den viel zu kleinen Motelzimmern, die sich Billie Eilish mit den Eltern und ihrem Bruder zu Zeiten erster Konzert-
reisen teilen musste.

Die Umstände haben sich geändert, ihre Eltern sind auf Tour nach wie vor mit dabei. Am 15. August kommt Billie Eilish erstmals nach Österreich – und sorgt bereits zur Eröffnung nachmittags um 18.25 Uhr für das künstlerische Highlight des ansonsten mäßig aufregend programmierten Frequency Festivals im St. Pölten. Karten gibt es dafür längst keine mehr.

Frequency Festival, St. Pölten, 15. bis 17.8.

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