„Ich gehe von keiner Unruhe aus“

Vor ihrem Arena-Open-Air: Soap&Skin über „Faust“, die Elbphilharmonie und Andreas Gabalier


GERHARD STöGER

FALTER:WOCHE, FALTER 37/19 vom 10.09.2019

Foto: Poly Maria

Anfang April begeisterte Anja Plaschg alias Soap&Skin im ausverkauften Konzerthaus beim Auftakt der Tour zu ihrem aktuellen Album „From Gas to Solid / You Are My Friend“. Bei aller Konzentration und Intensität wirkte die Musikerin auf der Bühne gelöst wie nie zuvor. Eine erfolgreiche Europatournee später gibt es nun am Freitag in der Open-Air-Arena eine weitere Gelegenheit, Soap&Skin mit ihrem Ensemble live zu erleben. Restkarten sind noch erhältlich.

Falter: „Wenn es mir darum ginge, mich wohlzufühlen, würde ich wahrscheinlich keine Konzerte spielen“, haben Sie vor Jahren im Falter erklärt. Täuscht der Eindruck, oder hat sich das geändert?

Anja Plaschg: Ich kann nach wie vor nicht sagen, dass ich mich auf der Bühne wohlfühle. Aber ich habe im Laufe der Zeit verstanden, dass es eine gewisse Entspannung braucht, um gut sein zu können. Mittlerweile kann ich diese Entspannung in den Muskeln und im Körper halten. Im Hirn bin ich noch nicht so weit, da erlebe ich immer noch Black-outs.

Sie spielten kürzlich in der Hamburger Elbphilharmonie. Ausgerechnet dort gab es technische Probleme?

Plaschg: Mitten im Konzert ist an einer der intensivsten Stellen für 15 Sekunden die Tonanlage ausgefallen, ja. Ein Totalabsturz, „System Fail“ stand rot auf dem Tonpult. Erklärung gibt es dafür keine, da die Technik in der Elbphilharmonie 1A ist, ich hatte das in all den Jahren auch noch nie erlebt.

Wie haben Sie reagiert? In die Stille gebrüllt? Leise „fuck“ gemurmelt?

Plaschg: Es hat einige Sekunden gedauert, bis ich verstanden habe, was los ist. Davor dachte ich, die Realität verzerrt sich, gerade so, als würde man eingesaugt werden. Als Krönung gab es gegen Ende des Konzerts noch ein ohrenbetäubendes Geräusch, von dem man erst danach erfahren hat, dass es der Diabetesalarm einer alten Frau war. Das war amüsant.

Auf den Tempel der Hochkultur folgt nun die alte Punkerhütte Arena. Wie passt die Unruhe der unbestuhlten Open-Air-Bühne zu Soap&Skin?

Plaschg: Ich habe dort einmal ein Konzert von Sigur Rós gesehen, das bezaubernd, schön und ruhig war. Ich gehe von keiner Unruhe aus, nur weil die Menschen stehen müssen.

Woran arbeiten Sie gerade?

Plaschg: Songs sind seit der Veröffentlichung meines aktuellen Albums noch keine entstanden, aber ich habe viele Ideen und freue mich schon darauf, neue Sachen zu machen. Mit Ruth Beckermann habe ich im Sommer an einer James-Joyce-Installation für die Salzburger Festspiele gearbeitet, und ich verabschiede mich auch gerade von meiner Überzeugung, nie wieder etwas am Theater zu machen. Außerdem gibt es ein größeres deutsches Opernprojekt zum Thema „Faust“, das sich derzeit in der Planungsphase befindet. Meine Aufgabe wäre es, den Machismo rauszuholen und die Figur des Gretchen neu zu interpretieren. Das klingt zwar spannend, kann aber natürlich sehr schnell sehr ermüdend sein. „Je mehr, desto besser“, heißt es über das Ausmaß meiner Rolle, und ich muss jetzt eben entscheiden, was ich mir zumute.

Andreas Gabalier wollen Sie sich nicht zumuten: Sie haben die Nominierung zum „Album des Jahres“ beim Musikpreis Amadeus abgelehnt, weil er ebenfalls zur Wahl stand. Nimmt man den steirischen Schlagersänger damit nicht zu wichtig?

Plaschg: Ihn als unwichtig zu bezeichnen, wenn allein in Wien 50.000 Menschen zu seinem Konzert rennen, wäre naiv. Gabalier selbst ist tatsächlich nicht sonderlich wichtig. Was er repräsentiert, was er auslöst und was die Massen dazu bewegt, zu ihm zu kommen, aber durchaus.

Er ist eben die Galionsfigur des heterosexuellen, patriarchalen, konservativen Österreich. Man könnte einfach achselzuckend sagen: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Plaschg: Sogar die New York Times war bei seinem Konzert in Wien. Da wurde ich um ein Interview gebeten, das ich auch gegeben habe, aber ich frage mich doch: Warum machen die das? Die New York Times?!? Es ist eine traurige Spirale: Je mehr Kritik es an Gabalier gibt, desto mehr stachelt er seine Fans zu einer Kampfhaltung auf. Ginge es nur um seine musikalischen Fähigkeiten, wäre tatsächlich Achselzucken angebracht. Aber er hat etwas Hetzerisches mitsamt eindeutigen Botschaften, das ist das Gefährliche.

Was erhoffen Sie sich von der Wahl Ende September?

Plaschg: Da jetzt doch gerade alles gut läuft, wäre mein Wunsch, dass die Übergangsregierung prolongiert und noch für ein Weilchen alles schön diplomatisch geregelt wird.

Und was glauben Sie ernsthaft?

Plaschg: Ich bin nicht besonders hoffnungsvoll, was sich aktuell aber leider nicht auf Österreich beschränkt.

Arena, Open Air, Fr 18.00 (Einlass)

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