Wenn es brennt

Mit dem Beginn dieses Schuljahrs wird die Schulsozialarbeit neu aufgestellt. Während sich die einen zur Rettung von Posten beglückwünschen, beklagen die anderen Personalmangel


BIRGIT WITTSTOCK

STADTLEBEN, FALTER 37/19 vom 10.09.2019

Illustration: P.M. Hoffmann

Es ist der erste Schultag nach den Ferien und Maria Grausam hat bereits alle Hände voll zu tun. Etwa 20 Mädchen und Buben sind nicht aufgetaucht, keiner weiß, warum. „Da lohnt es sich gleich nachzufragen“, sagt sie. Andere hätten sich über die Ferien in einen „personifizierten Hilfeschrei“ verwandelt, wie sie es formuliert: Sie sind abgemagert oder sehen verwahrlost aus. Bei ihnen nach dem Rechten zu sehen und mit ihnen nach Lösungen für ihre Probleme zu suchen ist Grausams Job. Sie ist eine von 52 Sozialarbeiterinnen und -sozialarbeitern, die in 120 sogenannten Wiener Brennpunktschulen arbeiten, das sind meist Neue Mittelschulen oder Polytechnische Schulen mit hohem Migrationsanteil in einkommensschwachen Gegenden.

Grausam ist an fünf Schulen in der Brigittenau im Einsatz. Fünf Schulen, das sind rund 1300 Schülerinnen und Schüler, ungezählte Namen, die es sich zu merken gilt und pro Schule etwa 60 Jugendliche, die intensive Betreuung brauchen. „Mehrfachkontakte“ nennt sich das im Sozialarbeiterjargon. „Wenn ich gerade keine Ressourcen mehr habe, bleibe ich während der Pausen in meinem Beratungszimmer.“ Andernfalls verliere sie den Überblick über die, an sie herangetragenen Probleme. „Ich muss mich dann sammeln und das Tempo herunterschrauben, sonst kann es passieren, dass ich etwas Wichtiges übersehe.“

Die Schule, und die Brennpunktschule im Besonderen, ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Politiker aller Couleur einigen können, wenn sie Wurzeln und Lösungsansätze gesellschaftlicher Probleme diskutieren. Denn sämtliche politischen Debatten, ob über Armut, Integration oder Gewalt, kommen irgendwann auf das Thema Schule. Dass die Schule mehr ist als ein Ort der Bildung, dass hier Schienen für Biografien und gesellschaftliche Entwicklungen gelegt werden, ist in den diversen Gesellschaften der westlichen Welt längst angekommen, weshalb Länder wie Finnland, die Niederlande oder auch Dänemark seit Jahren ins Schulwesen investieren und in Schweden eine Vollzeitsozialarbeiterstelle pro Schule Standard ist. Während die Ausgaben dieser Länder gemessen an ihrem Bruttoinlandsprodukt deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegen, investiert Österreich unterdurchschnittlich wenig.

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