Der Weltempfänger

Missverständnisse pflastern den Weg, auf dem der Nobelpreisträger eigensinnig voranschreitet. Einige hätten sich ausräumen lassen, hätten Peter Handkes Kritiker sein Werk gelesen

Sigrid Löffler
FEUILLETON, FALTER 42/19 vom 15.10.2019

Foto: BARBARA GINDL / APA / picturedesk.com

Schwer vorstellbar: Peter Handke, klassisch manierlich im Frack, wie er in Stockholm artig dankend den Nobelpreis aus der Hand des schwedischen Königs entgegennimmt. Der Nobelpreis hat zwar bisher alle gezähmt und Mores gelehrt. Auch Handke?

Man wird sehen, welcher Handke in Stockholm aufkreuzen wird – der duldsame Eigenbrötler oder der jähzornige Rappelkopf? Welchen Handke-Modus müssen wir am 10. Dezember gewärtigen – Sanftmut oder Sanftwut? Die internationalen Reaktionen deuten jedenfalls darauf hin, dass Streit angezettelt werden soll, genauer: Der alte Streit aus dem vorigen Jahrhundert um Handkes Balkan-Schriften soll in Neuauflage wiederaufleben, diesmal auf der Weltbühne des Nobelpreises. Allenthalben wurden die Vorwürfe von 1996 um Handkes politisch-moralische Haltung im Jugoslawienkrieg und seinen Auftritt beim Begräbnis von Slobodan Milošević wieder hervorgegoogelt. Die alten Anschuldigungen haben sich inzwischen verselbstständigt und losgelöst von jedem Kontext. Sie sind verschlagwortet, werden aber verschärft durch neue Anwürfe wie „Apologet des Völkermords“. Hässliche Protestaktionen sind zu erwarten.

Was dabei meist übersehen wird: Peter Handke hat sich in diesem Vierteljahrhundert in radikalen Selbstbefragungen mehrfach revidiert, während die Vorwürfe auf dem Stand von 1996 verharren. Hatte die mediale Öffentlichkeit diesen Autor schon damals vielfach schlecht gelesen und damit seinen störrischen Trotz und seine jugoslawischen Zorngesänge der 1990er-Jahre provoziert, so hat sie ihn seither, so scheint’s, gar nicht mehr gelesen.

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  1555 Wörter       8 Minuten

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