Buch der Stunde

Österreichisches Sittenbild mit finaler Läuterung

Sebastian Fasthuber
Feuilleton, FALTER 42/19 vom 16.10.2019

Vergangenes Wochenende fielen gleich zwei Marathon-Weltrekorde. Am Samstag lief Eliud Kipchoge in Wien als erster Mensch die 42,195 Kilometer in unter zwei Stunden, tags darauf stellte Brigid Kosgei in Chicago einen neuen Frauen-Weltrekord auf (siehe auch Seite 46). Der neue Roman von David Krems dreht sich ebenfalls um einen Dauerläufer. Beim Vienna City Marathon hält ein unbekannter Athlet erstaunlich lang mit dem Führungsduo mit. Es handelt sich um einen Asylwerber namens Bumble, der durch eine Spitzenleistung auf seine schwierige Lage aufmerksam machen will.

Der verkrachte Reporter Fabian heftet sich an seine Fersen. Eigentlich hat Walter, der Chefredakteur eines Revolverblatts, bei ihm lediglich einen Bericht über den Marathon bestellt. Doch Fabian wittert eine gute Geschichte - und seine Chance, nach privaten wie beruflichen Tiefschlägen wieder auf die Beine zu kommen. Bei seinen Recherchen nimmt er die Hilfe seiner einstigen Studienfreundin Sonia in Anspruch, die im Innenministerium arbeitet. Die beiden stoßen auf krumme Machenschaften um einen Vorgesetzten Sonias und den Leiter einer Flüchtlingsunterkunft.

"Fast ein Wunder" erzählt, beginnend mit Fabian, aus vier Perspektiven die Ereignisse einer Woche. Auch der alternde Zeitungsmacher Walter, die Alleinerzieherin Sonia und Super-Lauftalent Bumble kommen zu Wort. Auf diese Weise ergibt sich ein unschönes österreichisches Sittenbild zwischen Ausländerfeindlichkeit, Männerseilschaften und Verstrickungen zwischen Politik und Medien.

David Krems ist kein Moralisierer, der mit erhobenem Zeigefinger Missstände anprangert. In erster Linie geht es ihm um seine Figuren, die allesamt in Krisen stecken. Im Paarlauf schließlich dürfen sie ihre Läuterung erleben. Sprachlich bleibt "Fast ein Wunder" brav und unauffällig. Dafür gelingen Krems eindringliche Szenen mit filmischer Anmutung. Im Falle einer Adaption bei Walter bitte an Erwin Steinhauer denken!

Buchpräsentation am 28.10. in Magdas Hotel

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