Noch immer am Leben
Ein Land, ein Gefängnis: Die eritreische Lyrikerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu war sechs Jahre in Haft. Jetzt lebt sie in München
Wenn Yirgalem Fisseha Mebrahtu ihre Gedichte liest, steht sie auf. Während sie die kehligen, melodiösen Laute des Tigrinischen, ihrer Muttersprache, formt, wirft sie dem Publikum eindringliche Blicke zu. Sich der Präsenz der zierlichen Frau zu entziehen, ist kaum möglich. Die Texte handeln von der tiefen Verzweiflung in der Gefangenschaft, von trotziger Hoffnung und Menschen, die es noch schlimmer getroffen hat als die Lyrikerin selbst, wie sie im Gedicht "Meine großen Brüder" betont. Sie kam nach sechs Jahren Gefangenschaft frei. Viele andere sind noch in Haft.
Yirgalem Fisseha Mebrahtu, 38, wurde in Eritrea in Adi-keih geboren, 100 Kilometer von der Hauptstadt Asmara entfernt. Als sie zehn Jahre alt war, endete der 30-jährige Unabhängigkeitskrieg mit der Loslösung Eritreas von Äthiopien. Die versprochene Freiheit mündete in eine Diktatur, verkörpert von einem ehemaligen Freiheitskämpfer, Isayas Afewerki, der bis heute an der Macht ist.