Als in Wien die Sonne aufging

Vor 25 Jahren kam „Before Sunrise“ ins Kino – mit Wien in einer der Hauptrollen. Was ist vom Besuch Hollywoods geblieben?

Birgit Wittstock, Gerhard Stöger
STADTLEBEN, FALTER 06/20 vom 04.02.2020

In der Abhörkabine im Plattenladen von Christoph Teuchtler spielt eine der ikonischen Filmszenen von „Before Sunrise“ – die Kabine war jedoch nur Requisite
(Foto: Patrick Rieser)

Das letzte Mal ist gerade einmal sechs Monate her. Tex Rubinowitz saß nachmittags bei Kaffee und Zeitung im Café Sperl in Mariahilf, da fragten ihn zwei junge Iren, ob er ein Foto von ihnen machen könne. „Nein, ich möchte lesen“, antwortete er. Also baten sie eine Frau. Aus dem Augenwinkel beobachtete Rubinowitz wie die beiden Daumen und kleine Finger abspreizten, um einen imaginären Telefonhörer zu formen; wie sie, sich in der Koje gegenübersitzend, nach vorne lehnten und einander ansahen. Da schoss es ihm ein: die Telefongeste aus dem Film. „Kennt ihr ‚Before Sunrise‘? Wisst ihr, dass die Szene genau hier gedreht wurde?“, fragte er. „Ja“, antworteten sie. „Und wir wissen auch wer du bist. Du bist die Kuh.“

Ein Vierteljahrhundert ist es her, da startete am 27. Jänner 1995 „Before Sunrise“ in den US-Kinos. Richard Linklaters Film erzählt die Geschichte des US-Amerikaners Jesse und der Französin Celine, die einander bei einer sommerlichen Reise durch Europa zufällig im Zug begegnen und in der Folge einen Tag sowie vor allem eine lebensverändernde durchquatschte Nacht in Wien verbringen. Die romantisch-kitschige „Boy meets girl“-Story hat eigentlich drei Hauptdarsteller: Julie Delpy, Ethan Hawke – und die Stadt. Mit einem Minibudget von 2,5 Millionen Dollar gedreht, wurde der Independent-Film mit einem weltweiten Einspielergebnis von 23,1 Millionen Dollar zwar kein großer kommerzieller Erfolg, Linklater gewann jedoch den Silbernen Bären der Berlinale als bester Regisseur. Obwohl die Kritiken durchwachsen waren, weil viele die altklugen Dialoge nervten, avancierte „Before Sunrise“ zum Generation-X-Klassiker.

Wien spielt dabei eine besondere Rolle. Die Stadt sollte nämlich nicht imperiale Kulisse, sondern Szene und Zeitgeist stellen. Geblieben ist ein Dokument vom Wien der 90er-Jahre. Ein Film, der wirkt wie ein altes Fotoalbum, in dem viele der bekannten Gesichter von lokalen Szenefiguren erschreckend jung und vertraute Orte irgendwie fremd aussehen. Die alte Bim, die vielen Raucher, die wenigen Autos auf dem Ring, der Prater ohne kitschige Vorplatzbauten – im Film öffnet sich ein Zeitfenster. „Es war die Ära von Helmut Lang und Kruder und Dorfmeister. ‚Before Sunrise‘ hat perfekt in diese Stadt und in diese Szene gepasst“, sagt Wolfgang Ramml, der Co-Produzent des Films. „Für Wien war das ein einmaliges Projekt – vielleicht das erste internationale Lebenszeichen seit ‚Der dritte Mann‘“.

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