Zuerst belohnt, dann normiert und bestraft

Wien startet ein Pilotprojekt, das ökologisches Wohlverhalten belohnt. Social-Scoring-Projekte zeigen: In der digitalisierten Gesellschaft schlummert autoritäres Potenzial

Adrian Lobe
MEDIEN, FALTER 07/20 vom 11.02.2020

Illustration: Oliver Hofmann

Wer viel mit dem Rad fährt oder zu Fuß geht, darf gratis aufs Popkonzert. Die Stadt Wien hat eine Blockchain-basierte App entwickelt, die klimafreundliches Verhalten mit Kulturgutscheinen belohnt. „Mittels Motion Tracking misst die App aktiv zurückgelegte Wege und erkennt automatisch, ob man zu Fuß geht, mit dem Rad fährt oder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt“, heißt es auf der Website des Projekts. Pro 20 Kilogramm eingesparter CO2-Emissionen erhält man einen „Kultur-Token“, den man in teilnehmenden Kultureinrichtungen wie zum Beispiel Museen einlösen kann. Wer das Auto stehen und seine Bewegungen tracken lässt, bekommt Kultur geboten. Das Pilotprojekt „Kultur-Token“ soll zunächst „in einer kleinen, geschlossenen Test-Community“ erprobt werden, im heurigen Herbst soll die App dann für alle Wiener zur Verfügung stehen.

Zwar betonen die Beteiligten, dass bei dem Token-Projekt Datenschutz und Privatsphäre gewahrt werden. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, als würde bei diesem „spielerischen Bonussystem“ bloß die Maluskomponente aus jenem chinesischen Sozialkreditsystem ausgebaut, das in diesem Jahr verpflichtend eingeführt wurde und direkt aus der Netflix-Dystopie-Serie „Black Mirror“ stammen könnte. Wer in China bei Rot über die Ampel geht oder betrunken Auto fährt, bekommt Punkteabzüge. Wer Blut spendet oder die Regierung in sozialen Medien lobt, erhält Punkte gutgeschrieben. An den Score sind wiederum Verwaltungsleistungen und Bonifikationen gekoppelt. Bürger, die einen hohen Score haben, erhalten Steuererleichterungen oder eine bevorzugte Behandlung im Krankenhaus. Man braucht nicht mehr den Knüppel, um die Menschen zu disziplinieren, es genügen Punkteabzüge.

Auch für den Wiener Kultur-Token gilt: Überwacht werden muss der Nutzer ja trotzdem, auch wenn seine Daten anonymisiert werden und das Ganze freiwillig ist. Aus machttheoretischer Sicht ist dieses Projekt insofern interessant, als hier Gamifizierungselemente mit Nudging zur Erreichung eines politischen Ziels kombiniert werden. Die Bürger werden quasi per App regiert, ihre Körper, um mit Foucault zu sprechen, einer digitalen Disziplin unterzogen. Gut möglich, dass demokratische Systeme in Zukunft ihren Werkzeugkasten aktualisieren müssen, dass die Digitalisierung sie vielleicht sogar dazu zwingt, bestimmte codeförmige Steuerungsmodi zu implementieren, dass Herrschaft insgesamt klickhafter und möglicherweise autoritärer wird.

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