"Das Virus zwingt uns in die Einsamkeit"

Die Krise als Chance: Burgtheater-Direktor Martin Kušej über die Kunst in Zeiten der Pandemie

INTERVIEW: STEFANIE PANZENBÖCK
Lexikon, FALTER 13/20 vom 25.03.2020

Alles bleibt leer. Das Burgtheater, eine der größten Bühnen Österreichs, musste, wie alle anderen Kulturbetriebe des Landes, schließen. Dem Haus entgehen wöchentlich im Schnitt 230.000 Euro an Karteneinnahmen. Gemeinsam mit dem Betriebsrat wurde nun eine Vereinbarung unterzeichnet, um einen Großteil der 520 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken. Damit werden Entlassungen in weiterer Folge vermieden.

Premieren müssen verschoben werden, weil während einer Probe die Schauspielerinnen und Schauspieler den aktuell notwendigen Abstand nicht einhalten können. Zudem ruht die Produktion von Bühnenbildern und Kostümen. Auch das Burgtheater hofft auf staatliche Unterstützung bei der Bewältigung der Krise

Der Direktor des Burgtheaters, Martin Kušej, hat sich in seine Heimat, nach Kärnten, zurückgezogen. Dort arbeitet er, wenn zwischen den Besprechungen über Corona-Maßnahmen Zeit bleibt, an einer neuen Inszenierung, "Maria Stuart" von Friedrich Schiller. Über den elektronischen Postweg teilte er mit dem Falter einige Gedanken zur Krise. Es geht um Solidarität und Überwachung, um die Angst und die Leere.

Falter: Herr Kušej, welcher Begriff beschreibt Ihre aktuelle Situation am besten?

Martin Kušej: Fassungslosigkeit. Leere. Ich fühle mich wie ein Bergsteiger in der Wand, der keinen Griff zum Weiterklettern findet, aber schon zu hoch oben ist, um noch umkehren zu können. Aus dem vollen Lauf heraus ausgebremst. Dass ich mich zurückziehe, um über eine nächste Inszenierung nachzudenken, kommt regelmäßig vor. Aber da bestimme ich den Zeitpunkt und das Ausmaß selbst. Viel irritierender ist natürlich, das Burgtheater und alle anderen Häuser im künstlichen Koma zu wissen. Und keine Ahnung zu haben, wann das aufhört.

Ist es der Kontrollverlust über das eigene Leben, der am schwersten wiegt?

Kušej: Nein. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, wie sich diese Zeit auf das Burgtheater, aber auch auf die Kulturinstitutionen und die Gesellschaft grundsätzlich auswirken wird. Am schwersten wiegen Situationen, wie wir sie aus Italien erfahren, und die Art und Weise, wie hier Menschen ihr Leben verlieren, Angehörige ihre Familienmitglieder.

Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?

Kušej: Ich bin aufs Land gefahren. Bei strahlender Frühlingssonne blühen die ersten Blumen und Bäume in meinem Garten, da bin ich privilegiert und genieße es sehr. Schweift der Blick weiter, sehe ich ein ausgestorbenes Dorf. Und ich ahne, dass sich der Blick auf diese schöne Natur noch verändern, rächen könnte; er wird mein Gefangensein konterkarieren, die Öde der Wochen unerträglicher machen.

Konnten Sie mit dem Begriff "Leere" bisher etwas anfangen?

Kušej: Ja. Ob aus Trauer oder Erschöpfung, im Negativen wie im Positiven. Wenn ich mich auf einem Berg völlig verausgabe, stellt sich ein solches, positives Gefühl ein. Ein meditativer Zustand. Die Wüste mag ich auch sehr.

Welche Bedeutung hat die Leere in der Kunst?

Kušej: Sie ist ein Zustand, aus dem heraus Ideen und Neues entstehen können. Diese Krise kann uns stärker machen, weil sie uns zwingt, Dinge und Situationen neu zu beurteilen und zu verändern. Das ist aber auch eine Überlebensstrategie, denn diese aktuelle Leere ist "verordnet", erzwungen durch eine gefährliche Krankheit. Das weckt auch Instinkte, zu denen etwa auch Angst und Flucht gehören.

In Giovanni Boccaccios "Decamerone" aus dem 14. Jahrhundert flüchten zehn junge Menschen vor der Pest in Florenz aufs Land und erzählen sich dort Geschichten. Ist das eine Szenerie, die Ihnen zusagt?

Kušej: Ja, weil der Mensch ohne seinen Erzählinstinkt nicht denkbar wäre. Philosophen haben sich damit ebenso beschäftigt wie Psychologen oder Evolutionsbiologen. Die Grundsituation, sich zu versammeln, um sich gegenseitig Geschichten zu erzählen, liegt auch dem Theater zugrunde. Und gerade in solchen Situationen kann die Weitergabe von Erfahrungen durch Geschichten hilfreich sein.

Sie haben auch die Angst angesprochen. Wovor fürchten Sie sich?

Kušej: Ich bin ein Mensch, der vor wenig Angst hat. Oder zumindest konfrontiere ich mich damit, indem ich versuche, die Ursache zu verändern oder sie gar nicht erst wirksam werden zu lassen. Im Übrigen mache ich wohl auch deswegen Theater: kritische Situationen spielerisch angehen, Ängste bewusst provozieren, so tun als ob -und den Monstern ins Auge blicken.

Was kann Theater in Zeiten geschlossener Häuser?

Kušej: Theater ist eine Kunstform, die ohne Publikum nicht existieren kann. Sie findet live, im Moment statt und ist vergänglich. Daher sind wir ohne diese Möglichkeit des Zusammenkommens fundamental beschnitten. Das Virus zwingt uns in die Einsamkeit. Von nun an herrscht Versammlungsverbot. Damit müssen wir erst einmal klarkommen.

Wird das Burgtheater alle Verluste durch das staatliche Hilfspaket ersetzt bekommen?

Kušej: Wir hoffen, dass uns die Ausgleichszahlungen für die Kurzarbeit ein gutes Stück helfen werden. Dennoch ist die Höhe der Verluste im Moment noch überhaupt nicht berechenbar. Das hängt davon ab, ab wann wir wieder spielen bzw. proben dürfen und ob wir dann gleich wieder in Vollbetrieb gehen können, wenn unsere Gäste noch in anderen Ländern feststecken. Direkte finanzielle Auswirkungen werden als erstes aber nicht die großen Theater spüren, sondern freiberufliche Kolleginnen und Kollegen, also auch ein Teil unserer Gäste. Da fühlen wir eine Verantwortung und wollen uns solidarisch zeigen. Wir überlegen daher unter anderem, ob und wie wir Spenden nutzen könnten. Es gab dankenswerterweise schon Besucherinnen und Besucher, die ihren Kartenpreis spenden wollten.

Was machen Schauspielerinnen und Schauspieler aktuell?

Kušej: Viele bereiten sich mit Lektüre oder Textlernen auf ihre nächsten Rollen vor. Einige sind, wie viele andere auch, verstärkt mit der Betreuung ihrer Kinder beschäftigt. Wenige sind an anderen Orten, zum Beispiel auf dem Rückweg von Dreharbeiten, gestrandet und sitzen irgendwo in Europa fest.

Einige Institutionen streamen Konzerte oder Theaterstücke. Hat das Burgtheater Ähnliches vor?

Kušej: Das Streaming von aufgezeichneten Vorstellungen haben wir sofort erwogen, aber das ist gar nicht so einfach. Es gibt viele rechtliche Fragen zu klären. Hier sind jetzt vor allem die Opernhäuser im Vorteil, die derlei Angebote auch sonst machen und planmäßig im Repertoire haben. Und naturgemäß erreicht man nie das, was Theater ausmacht. Aber wir können anders weiter Geschichten erzählen. Das ist das Ureigenste unserer Kunst. Die Ensemblemitglieder präsentieren auf unserer Website täglich eine Geschichte, die sie "gerettet hat". Und wir beteiligen uns an einer europaweiten vielsprachigen Lesung von Boccaccios "Decamerone". Zudem prüfen wir, ob wir Aufzeichnungen der Edition Burgtheater online zugänglich machen können.

Sollten die Maßnahmen gegen das Virus länger dauern -wie lebt eine Gesellschaft ohne analoge Kunst und Kultur?

Kušej: Es war immer meine tiefste Überzeugung, dass es auf Dauer kein Leben ohne Kunst geben kann. Man würde irgendwann abwägen müssen, ob die Krankheit, die die Menschheit ohne Kunst befallen würde, nicht noch schlimmer wäre. Wir stehen gerade am Anfang einer Phase, in der diese Möglichkeit -zeitlich befristet -durchgespielt wird.

Wieso wird der Mensch krank ohne Kunst?

Kušej: Die Kunst ist ein Kommunikationsmittel, eine Ausdrucksform, mit der wir uns in andere Menschen und in andere Situationen hineinversetzen können. Sie schafft Identität und kann einer Gemeinschaft helfen, eine Wertegrundlage zu schaffen. Wenn wir nicht wissen, wer wir sind, oder keine Ideen entwickeln können, wer wir sein wollen, werden wir krank. Kunst hat aber auch eine ganz eigene, irgendwie spirituelle, energetische Form, die nicht erklärt werden kann. Man spürt sie.

Ein Virus legt die halbe Welt lahm. Was bedeutet das?

Kušej: Es führt uns vor Augen, dass wir im selben Boot sitzen, dass wir alle gemeinsam auf dieser Erde sitzen, und es zeigt uns, dass wir in einem Krieg gegen die Natur den Kürzeren ziehen werden. Da ist es sicherlich auch verheerend, dass wir die Debatte zum Klimawandel und dessen Eindämmung gerade völlig einstellen.

Müssen sich die Prämissen der Gesellschaft verändern?

Kušej: Wir haben nun die Möglichkeit, über den Umgang mit Natur, aber auch über das Gefüge unserer Gesellschaften nachzudenken. Grundlegendes wie die Gesundheitsversorgung haben wir zu stark Aspekten der Wirtschaftlichkeit bzw. einer Profitorientierung untergeordnet. Offenbar wird wieder einmal, dass es gerade die Stützen unserer Gesellschaft sind -ob in medizinischen Berufen, der Altenpflege oder auch in der Versorgung durch Lebensmittel -, deren Beitrag sich nicht in ihrer Entlohnung widerspiegelt. Das ist uns alles kaum etwas wert.

Denken Sie, dass wir aus der Krise lernen werden? Dass etwa Menschen, die diese Berufe ausüben, mehr verdienen werden, auch mehr Ansehen bekommen werden?

Kušej: Das wäre wünschenswert. In Branchen, die dem freien Markt ausgesetzt sind, bin ich da aber wenig hoffnungsvoll. Es wäre das Mindeste, wenn die Politik wenigstens im Gesundheitssektor richtige Schlüsse ziehen würde.

Ist unsere Gesellschaft zu Solidarität fähig?

Kušej: Auf der einen Seite gibt es Leute, die mit dem überteuerten Verkauf einzelner Produkte wie Desinfektionsmittel aus der Situation Kapital schlagen, oder diejenigen, die Angst bekommen, in Panik geraten und beim maßlosen Einkauf nicht an den Bedarf ihrer Mitmenschen denken. Besonders schlimm finde ich die "vernunftpanischen Empörten", die meinen aus einer besserwisserischen Überlegenheit andere Menschen maßregeln zu müssen. Zum Beispiel jene Passanten, die Arbeiter auf einer Baustelle als "Mörder" beschimpften, weil die, klar, in ihrer Arbeitssituation nicht einen Meter Abstand einhalten konnten. Aber andererseits gibt es sehr viele wunderschöne Beispiele für ein solidarisches, nachbarschaftliches Miteinander und den Einsatz für die Gesellschaft, wie bei den Mitarbeitern von Wien Energie.

Wo ist die Grenze zwischen Freiheit und Rücksichtslosigkeit, zwischen der Forderung nach Solidarität und der Etablierung von Überwachung?

Kušej: Eine offene Gesellschaft mit starken Freiheitsrechten des Individuums kann nur funktionieren, wenn sie sich am Schutz der Schwächeren und der Minderheiten orientiert. Das müssen wir uns vergegenwärtigen und diese Rechte -in einer Zeit, in der ein Teil der Gesellschaft von diesem Virus stärker bedroht ist und auch unser Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt - vorübergehend von uns aus einschränken. Trotzdem möchte ich mich hundertprozentig darauf verlassen können, dass hier nicht versteckt Schleusen geöffnet werden, die später einfach offen bleiben.

Wie beurteilen Sie die Maßnahmen der Regierung?

Kušej: Sie sind begründet und richtig. Insofern sollten wir uns möglichst daran halten, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Wenn man etwas komplexer darüber nachdenkt, tun sich da ganze Kaskaden von Fragen auf: nach unserer Freiheit, der Übermacht des Staates, der solche Szenarien auch ganz anders konstruieren oder manipulieren kann, nach gefälschten Nachrichten und dem eventuell zynischen Spiel mit unserer Angst. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich finde das Krisenmanagement der Regierung in Österreich sehr gut!

Einige meinen, die Maßnahmen seien übertrieben.

Kušej: Wir alle haben mit einer solchen Situation keine Erfahrung. Daher finde ich es richtig, dass sich die Regierungen von Experten beraten lassen. Schwierig ist, dass sie teilweise auch zu schärferen Maßnahmen gezwungen werden, weil sich zu viele Menschen nicht an Empfehlungen halten. Es wäre schön, wenn Solidarität dem stärker entgegenstünde und die gesetzlichen Einschränkungen gar nicht nötig wären. Da sehe ich die Gefahr einer Verstetigung.

Sie meinen, dass Österreich - Viktor Orbán macht es in Ungarn gerade vor -nach der Krise autoritärer regiert werden könnte?

Kušej: Ja, das macht mir Sorgen. Nationalistische Systeme warten wie Aasgeier darauf, aus einer krisenhaften Situation ihre Vorteile zu ziehen. Und weil die Menschen oft wie eine Herde Schafe reagieren, funktioniert das seit jeher immer aufs Neue.

Ein Mobilfunkbetreiber hat freiwillig Daten an die Regierung weitergegeben. Ist das in Ordnung?

Kušej: Aus meiner Sicht ist das eine Grenzüberschreitung, die ich nicht gutheiße. Die Fortschreibung eines solchen Schritts sehen wir in Israel, wo der Einzelne anhand seines Handy-Bewegungsprofils in der häuslichen Quarantäne überwacht wird. Da sind wir dann bei der totalen Überwachung angekommen.

Lassen wir uns zu schnell und zu einfach die Freiheit nehmen?

Kušej: Die Gefahr besteht, da müssen wir wirklich wachsam sein. Und es ist bestimmt angebracht und hilfreich, alles aufzuarbeiten, indem man die daran hängenden grundsätzlichen Fragen debattiert. Hier sehe ich auch eine Chance für das Theater, mit seinen Geschichten über die Legitimität von Macht etwas beizutragen.

Welches Werk fällt Ihnen dazu spontan ein?

Kušej: Na klar, ganz einfach: "Maria Stuart"! Wie übrigens fast alles von Schiller, zum Beispiel auch "Don Karlos" - bei uns am Burgtheater hoffentlich bald wieder zu sehen.

Martin Kušej wurde 1961 in Wolfsberg in Kärnten geboren und wuchs im Bezirk Völkermarkt auf. Er studierte u.a. Regie in Graz, war von 1993 bis 2000 Regisseur am Staatstheater Stuttgart, von 2004 bis 2006 Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele und von 2011 bis 2019 Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels München. Seit Herbst 2019 ist Kušej künstlerischer Direktor des Burgtheaters

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.