Ökonom Felbermayr: “Der Corona-Virus wird uns ärmer machen! Da hilft nichts”

Vier Milliarden Euro kostet Österreich die Covid-19-Pandemie pro Woche, sagt der Spitzenökonom Gabriel Felbermayr. Die Wirtschaft ist lahmgelegt. Warum die Politik vieles richtig macht, und trotzdem scheitern könnte, die europäische Solidarität nur in der Theorie besteht, Vater Staat zurückkommen wird und Unternehmen keine Murmeltiere sind: Ein Gespräch.

Eva Konzett
28.03.2020

Gabriel Felbermayr (43) ist Präsident des deutschen Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. – APA/HERBERT PFARRHOFER

Falter: Herr Felbermayr, die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hat Unternehmen empfohlen, im Winterschlaf die Covid-19-Epidemie zu durchtauchen. Kann man eine ganze Volkswirtschaft herunterfahren wie ein Murmeltier seinen Kreislauf vor dem ersten Schnee?


Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Ausnahmsweise lesen Sie diesen Artikel kostenlos. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement oder testen Sie uns vier Wochen lang kostenfrei.

Felbermayr: Nein, das ist schwierig. Das sind komplexe Netzwerk von Lieferbeziehungen, von Abhängigkeiten, die Märkte sind verwoben. Wenn ein Element ausfällt, wird vieles anderes auch angehalten. Im Unterschied zum Murmeltier kommt es in einer Wirtschaft, die teilweise stillgelegt ist, irgendwann zum Organversagen. Wenn viele Unternehmen pleite gehen, wenn zu viele Arbeitnehmer in der Arbeitslosigkeit landen.

Als Antwort auf die Covid-19-Pandemie haben die Regierungen die Wirtschaft auf das Nötigste gedrosselt. Alle Zeichen stehen auf Rezession. In Österreich, Deutschland, global. Was wird uns diese Krise kosten?

Felbermayr: Das hängt im Wesentlichen davon ab, wie lang und wie tief es runtergehen wird. Wir stehen derzeit still, haben keinen Flugverkehr mehr, haben die Restaurants geschlossen, und die Geschäfte ebenso. Die Dienstleister können nicht mehr arbeiten. Wir wissen aber nicht, wie viel Wertschöpfung da wegfällt, wie tief der Schnitt ist, und wie lange es dauert. Wir wissen nicht, wie breit die Wunde noch werden wird, sozusagen. Wenn eine Volkswirtschaft eine Woche auf 50 Prozent runterreguliert wird, dann fehlt rund ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes auf das ganze Jahr gerechnet. Österreich erwirtschaftet in normalen Jahren jährlich rund 400 Milliarden Euro. Ein 50-Prozent- Stillstand bringt also einen Verlust von circa vier Milliarden pro Woche. Wenn wir das vier Wochen lang machen, dann fehlen uns 16 bis 17 Milliarden Euro. Das ist sehr teuer.

Was passiert eigentlich?

Felbermayr: Wir haben zunächst einen Schock auf dem Arbeitsmarkt. Arbeitnehmer und Untenehmer bleiben zu Hause, produzieren nicht mehr, und verdienen daher auch kein Geld. Das reduziert die Nachfrage nach Gütern aus Sektoren, die vielleicht selbst gar nicht betroffen sind. Dazu kommt ein Angebotsschock, weil Betriebe teilweise nicht mehr an Vorprodukte aus anderen Sektoren oder Ländern kommen. Und schließlich der dritte, vielleicht wichtigste Effekt: Die Unsicherheit. Wer nicht weiß, was morgen ist, verändert sein Verhalten. Unternehmen investieren dann nicht. Da ist viel Psychologie dabei. Auch als Konsument handelt man unvernünftig: Es ist wirtschaftlich nicht sinnvoll, Klopapier zu hamstern. Welches Chaos die Unsicherheit erzeugt, sieht man auch an den Aktienkursen: Da ist ein einziges Auf und Ab, es ist eine unglaubliche Volatilität im Markt. Insgesamt kann man sagen: Einen solch breiten Schock auf alle Wirtschaftsbereiche hat es in der Nachkriegsgeschichte noch nie gegeben.

Die österreichische Regierung hat ein breites Programm zur Kurzarbeit aufgesetzt und übernimmt große Teile der Löhne. Auch das Arbeitslosengeld sichert nicht nur den unmittelbaren, mitunter bescheidenen Wohlstand des Betroffenen, sondern auch seine Rolle als Konsument.

ANZEIGE

Felbermayr: Die Kurzarbeit sehe ich als eine gute Maßnahme. Sie ist ein Instrument, das Deutschland und Österreich haben, das aber in vielen anderen Ländern nicht zur Verfügung steht. Sie können es sich nicht leisten, wie in Italien, oder sie wollen es nicht, siehe die USA. Österreich als kleine, exportorientierte Volkswirtschaft steht aber vor einem unlösbaren Problem: Selbst wenn man hierzulande alles richtig macht, wenn man versucht, den Schock abzufedern, bleibt man von den anderen Ländern und deren Umgang mit der Krise abhängig. Österreich kann sich von den internationalen Lieferketten und Absatzmärkten nicht abkoppeln. Außerdem: Das Kurzarbeitergeld, das die Regierung richtigerweise auch auf Dienstleister und Kleinunternehmen ausgeweitet hat, ist teuer und eine große Belastung für das Budget. Ein paar Monate kann man so fahren und die Schulden erhöhen. Irgendjemand wird die Schulden irgendwann aber abtragen müssen. Wir können diese Krise auch durch großzügiges Kurzarbeitergeld nicht ungeschehen machen. Die Frage ist nur, wann die Rechnung geschickt wird: Bald, später oder peu à peu. Dass die Rechnung wird kommen, darüber können Sie sich sicher sein.

„Ein paar Milliarden mehr Schulden bereiten mir weniger schlaflose Nächste als hunderttausend Arbeitslose”, sagt einst Bruno Kreisky. Hohe Arbeitslosigkeit birgt vor allem eines: eine enorme politische Sprengkraft.

Felbermayr: Zurecht. Es ist auch richtig, dass die Staaten sich angesichts der Corona-Krise verschulden, sie handeln gemäß Lehrbuch. Wir müssen gegen den Schock auch zusammenstehen, die Österreicher, die Europäer, die Welt. Das Virus hat niemand verschuldet. Aber wir müssen erkennen, dass es ein Loch in der Volkswirtschaft hinterlassen wird, wenn die Unternehmen nicht mehr produzieren können, wenn die Menschen ihr Geld nicht mehr ausgeben. Und diese Effekte kann man nicht wegkaschieren. Wir werden in Österreich und in Deutschland durch diesen Virus ärmer werden. Da hilft nichts. Was jetzt nicht hergestellt wird, die Dienstleistung, die nicht erbracht wird, das wird nicht verkauft werden können, und wird also kein Einkommen erzielen. Leider unvermeidlich. Das zeigt auch wie ohnmächtig die Politik letzten Endes da steht. Sie kann die Auswirkungen lindern, aber solange es keine Impfung gegen den Erreger SARS-Cov-2 gibt, bleiben wirtschaftliche Schäden unvermeidbar.

Das europäische Corona-Epizentrum Italien ist der zweitwichtigste Handelspartner Österreichs, die USA, wo gerade 3,3 Millionen Menschen zusätzlich arbeitslos gemeldet wurden und die Gesundheitskrise außer Kontrolle zu geraten droht, folgt gleich dahinter auf Platz drei. Sie rechnen für Deutschland, dem mit Abstand wichtigsten österreichischen Handelspartner, mit einem Wirtschaftsrückgang von fünf bis neun Prozent für dieses Jahr, das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung Ifo gar mit minus 20, sollte die Wirtschaft drei Monate lang nicht im Normalmodus laufen. Sie sprechen von der Mutter aller Rezessionen. Was heißt das für Volkswirtschaft, wenn sie um zehn Prozent runterrasselt?

Felbermayr: Tja. Da klingen die Ökonomen in der jetzigen Situation wie die Virologen: Wir wissen es nicht. Wir können in unseren Modellen mit kleinen Veränderungen gut umgehen, zum Beispiel wenn das Arbeitskräftepotential um einen Prozent zunimmt oder fällt. Aber für die Größenordnung eines Teilstilllegung der Wirtschaft haben wir keine historischen Vergleiche, keine Daten. Dafür sind unsere Modelle nicht gemacht. Daraus resultiert große Unsicherheit. Alles hängt davon ab, wie lange der Shutdown andauern muss, und wie tief er reicht. Beides wissen wir zur Zeit nicht. Daher können wir nur Szenarienrechnungen machen, mit großen Fehlerintervallen. Offenbar machen die für Österreich verfügbaren Prognosen hier optimistischere Annahmen als wir das für Deutschland tun. Ich kann nur hoffen, dass die Kollegen vom IHS und WIFO Recht behalten (die beiden österreichischen Wirtschaftsforschunginstitute gehen in ihrer gerade erschienen Prognose von einem Rückgang von rund zwei bis 2,5 Prozent der österreichischen Wirtschaftsleistung aus, Anm.).

Haben Sie in den vergangenen Tagen oft an die Depression der 1930er Jahre gedacht?

Felbermayr: Nein, das habe ich nicht. Die Krisen der 1930er Jahre, und auch die Krise von 2008/09, waren ja wirklich Wirtschaftskrisen, wo Blasen, also große Überbewertungen geplatzt sind. Die Überschuldung war massiv, geldpolitische Fehler wurden gemacht. Da kam die Krise aus dem inneren des marktwirtschaftlichen Systems. Aber jetzt haben wir es mit einer gesundheitlichen Notlage zu tun, mit einem Virus. Dieser Virus infiziert nun auch die Wirtschaft, direkt und über die psychologischen Effekte. Man kann mit einem gewissen Optimismus deshalb vielleicht sagen, dass, wenn der Virus einmal weg ist, auch die Krise sich mildert. So schlecht ist das Wirtschaftssystem in Deutschland und Österreich nicht aufgestellt.

Sie haben gemeinsam mit führenden Ökonomen sogenannte Corona-Bonds in der Höhe von einer Billion Euro gefordert, also gemeinsame Anleihen der EU-Mitglieder, um den Folgen von Corona Herr zu werden. Die “oft beschworene Schicksalsgemeinschaft Europa” müsse jetzt Flagge zeigen? Warum?

Felbermayr: Eben weil die Wirtschaftssysteme eigentlich keine Schieflage haben. In der Finanzkrise waren wir gegenüber Eurobonds verhalten, weil man jene Länder belohnt hätte, die jahrelang die Regeln missachtet haben: Italien und Spanien etwa. Man wollte nicht mit österreichischem und finnischem und deutschem Geld die spanischen Spekulanten retten. Das war richtig. Jetzt trifft uns aber ein exogener Schock und er trifft uns alle. Und nicht wegen Fahrlässigkeiten in der Vergangenheit. Spanien und Italien haben den Virus nicht durch Schlampigkeiten heraufbeschworen. Die Gesundheitskrise wächst sich zu einer Wirtschaftskrise aus, wir wissen nur nicht, in welcher Größenordnung. Es hängt viel davon ab, wie die Politik jetzt reagiert. Es gibt die Gefahr der Ansteckung der Finanzmärkte. Die Zinsen für italienische Staatsanleihen sind zeitweilig schon stark gestiegen. Wir müssen jetzt auch die Schwächeren unterstützen, damit sie die Krise gut bekämpfen können. Wenn Italien auf Jahre in einer wirtschaftlichen Depression versinkt, trifft das auch Österreich. Wenn Italien jahrelang Seuchengebiet bleibt, müssen wir die Grenzen geschlossen halten. Dann werden wir keine Kontakte mehr haben, weder die Industrie, noch der Tourismus. Sollten Italiens Banken wanken, würde sich das zu einer europäischen Bankenkrise steigern. Das fällt dann auf die eigene Wirtschaftskraft, auch die österreichische zurück. Corona-Bonds wären ein ganz starkes Signal, dass Europa handlungsfähig ist.

Die Verhandlungen zum EU-Budget haben tiefe Gräben zwischen den EU-Staaten aufgezeigt. Österreich hat sich in die Staaten der “sparsamen Vier” eingereiht, die möglichst wenig Geld nach Brüssel überweisen wollen. In der Corona-Krise haben die Staaten einander LKW-Fuhren mit Schutzmasken und Anzügen an den Zöllen weggenommen. Wie sollen in dieser Stimmung solidarische Corona-Bonds kommen? Österreich hat schon abgewunken.

Felbermayr: Dass es mit den Corona-Bonds politisch vielleicht jetzt nicht klappen wird, hält mich nicht davon ab, sie zu fordern. Wir sollten außerdem nicht auf Grenzschließungen setzen. Der grassierende Nationalismus macht uns doch nur anfälliger. Wer den Warenverkehr etwa bei den Schutzprodukten behindert, schiebt die Warenknappheit nur in Europa hin und her. Da kommen atavistische Instinkte hervor. Eine Lösung schaut anders aus. Dafür müsste viel mehr von den so dringend benötigten Gütern produziert werden. Die Regierungen sind auf nationalstaatlicher Ebene bereit, sehr, sehr viel zu tun, da nimmt man viel Geld in die Hand. Gut so! Aber auf europäischer Ebene erleben wir das genaue Gegenteil. Wir erleben eine Ohnmacht. Die Kooperation ist schwach, man ist uneins. Es wird uns als Europa viel Wohlstand kosten, wenn wir diese Krise nicht gemeinsam bewältigen. Wir werden danach auch nicht zum Status Quo zurückkehren können.

Wie wird das Corona-Virus die Wirtschaft verändern? Wir erleben jetzt zum Beispiel wie fragil die Lieferketten waren, dass man hier den wahren Preis in der Kostenrechnung einfach nicht kalkuliert hat, wenn man die Lagerstätten “just in time” auf die Transportwege verlagert und am billigsten Ort der Welt produzieren lässt.

Felbermayr: Viele Unternehmen müssen sich jetzt fragen, wie sie die Lieferketten widerstandsfähiger zu gestalten. Man wird wieder mehr Lager aufbauen müssen und die Produktionen näher an die Absatzmärkte holen. Das Corona-Virus mag die Globalisierung abschwächen, ja vielleicht. Aber ich warne davor zu sagen, dass die Globalisierung per se ein Problem sei. Stellen Sie sich vor, wir würden Atemschutzmasken nur in Österreich für den österreichischen Markt produzieren? Und dann legt irgendeine Katastrophe diese Produktion still? Die Globalisierung hat uns mit diversifizierten Lieferketten und Absatzmärkten robuster gemacht. Aber wir dürfen nicht immer nur an den Preis denken und müssen die Unternehmen beispielsweise auch für Lieferfähigkeit “belohnen”. Gerade in der Arzneimittelversorgung muss die Politik Anreize setzen, dass Unternehmen mehr auf ihre Lieferfähigkeit achten. Dazu können auch hohe Vertragsstrafen gehören.

Die Regierungen schnüren Milliardenpakete, fordern die Renationalisierung von Schlüsselindustrien, in Deutschland wird darüber nachgedacht, in krisengebeutelte Unternehmen wie die Lufthansa einzusteigen. Kommt der gute alte Vater Staat zurück?

Felbermayr: Der war immer da. In der Corona-Krise bekommt er sehr viel mehr Macht. Er schränkt Freiheitsrechte stark ein, interveniert massiv in die Wirtschaft. Diese Rolle wird bleiben, der Staat wird viele Jahre stärker als bisher die Führung übernehmen, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht.
Das wäre ein Paradigmenwechsel nach mehr als 30 Jahren, in denen der Staat als Akteur verpönt war.

Felbermayr: Ja, aber es ist kein Wechsel zum Guten, sondern aus der Not heraus. Ich sehe nicht, warum der Staat der Zukunft ein besserer Manager sein sollte, als einst. Die österreichische verstaatlichte Industrie war keine Erfolgsgeschichte. Wir sollten nicht Politikern die Geschicke von Unternehmen überlassen. Das ist kein Weg zum besseren.

Der Markt allein aber hat ein zerbrechliches System geschaffen, dass dem Schock Corona-Virus nicht standhält.

Felbermayr: Da ist nicht der Markt der Schuldige. Dass zu wenige Medikamente und Atemschutzmasken da sind beispielsweise hat nichts mit dem Markt zu tun, sondern mit der Marktordnung, die politisch entschieden wird. Wenn die Gesundheitssysteme darauf abzielen, sehr billige Medikamente beziehen zu können und die Lieferfähigkeit außer Acht lassen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn es zu Ausfällen kommt. Wir müssen trennen zwischen dem Marktgeschehen per se und der Marktstruktur, die politisch gestaltet wird. Gerade im Gesundheitswesen müssen wir da umdenken. Da muss die Politik über Regulierungen andere Anreize setzen. Aber die Globalisierung absagen bedeutete das Kind mit dem Bade ausschütten. Bitte nicht.

***

Zur Person: Der Oberösterreicher Gabriel Felbermayr (43) ist seit März 2019 Präsident des renommierten deutschen Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Er berät unter anderem die deutsche Bundesregierung in Wirtschaftsfragen und lehrt an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel gilt weltweit als eine der führenden Denkfabriken zu globalen Wirtschaftsfragen.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.


12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe 25 Wochen FALTER um 3,20 € pro Woche
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!