Nur zu Gast

Sie ernten Gemüse, pflegen die Alten und bedienen Gäste. Jetzt, wo die Grenzen geschlossen sind, fällt auf, wie wichtig Arbeiter aus Osteuropa sind. Drei von ihnen erzählen, wie die Corona-Krise sie trifft

Simone Brunner
LANDLEBEN, FALTER 14/20 vom 31.03.2020

Foto: apa/Helmut Fohringer

Radieschen sind ein eher anspruchsloses Gemüse. Sie sind leicht zu ziehen und wachsen zügig. Doch wenn sich die pinken Knollen zu lange in der Erde röten, verholzt die Wurzel und die pikante Schärfe vergeht. Ihre Ernte hingegen gilt als Feinarbeit: geplatzte Knollen aussortieren, Blätter zupfen, Bünde binden. Geübt müssen die Hände sein, um die Radieschen zu ernten. Aber vor allem schnell und billig.

1200 Kilometer Luftlinie und 15 Stunden Autofahrt liegen zwischen der west­ukrainischen Kleinstadt Snjatyn und dem 20-Hektar-Hof im Tiroler Inntal. Jedes Jahr im April packen Mychajlo Anatijtschuk und seine Frau Nina ihre Sachen, um beim ­Tiroler Gemüsebauern Stefan Müßigang einen Job zu machen, den in Österreich niemand machen will: Sie ernten Radieschen, Kraut und Salat. Doch in der Corona-Krise hat die EU ihre Außengrenzen geschlossen, seit dem Wochenende gilt in der Ukraine ein komplettes Ein- und Ausreiseverbot. Dieses Jahr werden die Anatijtschuks wohl bei der Ernte fehlen, das erste Mal seit 19 Jahren. „Jetzt sitzen wir hier“, sagt Mychaj­lo am Telefon. „Und warten.“

Covid-19 ist die Krankheit, die sich rasant über den Erdball ausbreitet, die Gesundheitssysteme herausfordert, Millionenstädte leerfegt und alte Gewissheiten begräbt. Die Reisefreiheit in Europa ist so eine Gewissheit. Gerade die Osteuropäer sind es gewohnt, für einen höheren Verdienst weite Arbeitswege in Kauf zu nehmen, Staaten zu durchqueren und ihre Familien über Wochen zu verlassen. Eine permanente Gratwanderung zwischen Perspektive, Prekariat und Ausbeutung. Während die Bevölkerung von Kanzler Sebastian Kurz auf ein „Team Österreich“ eingeschworen wird, Onlinelieferdienste für Grätzel-Lokale boomen und das Krankenhauspersonal über Social-Media-Events beklatscht wird, hält sich das Interesse an diesen „Systemerhaltern“ in Grenzen. Dabei zeigt sich gerade in der Krise, wie sehr Österreich auf diese Arbeitskräfte angewiesen ist. Sie pflegen unsere Alten, bedienen unsere Gäste und ernten unser Gemüse.

  1599 Wörter       8 Minuten

Sie haben bereits ein FALTER-Abo?


Sie nutzen bereits unsere FALTER-App?
Klicken Sie hier, um diesen Artikel in der App zu öffnen.

Jetzt abonnieren und sofort weiterlesen!

Jetzt abonnieren und sofort weiterlesen!

Print + Digital

  • FALTER sofort online lesen
  • Wöchentliche Print-Ausgabe
  • FALTER als E-Paper
  • FALTER App für iOS/Android
  • Rabatt für Studierende
Jetzt abonnieren

1 Monat Digital

  • FALTER sofort online lesen
  • FALTER als E-Paper
  • FALTER App für iOS/Android
Jetzt abonnieren

Digital

  • FALTER sofort online lesen
  • FALTER als E-Paper
  • FALTER App für iOS/Android
  • Rabatt für Studierende
Jetzt abonnieren
Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Landleben-Artikel finden Sie in unserem Archiv.