Clubkultur daheim: United We Stream startet in Wien

Wer das Nachtleben vermisst, kann sich Wiener Clubs nun auf den Bildschirm in die eigenen vier Wände holen

SANDRO NICOLUSSI
Lexikon, FALTER 16/20 vom 15.04.2020

Gerade erst in die Räumlichkeiten von mica -music austria in der Stiftgasse eingezogen, arbeitet auch die neu gegründete Vienna Club Commission (VCC) derzeit im Homeoffice. Die von der Stadt Wien mit 290.000 Euro geförderte Servicestelle soll vor allem Akteuren in der Club-und Subkultur bei Behördengängen und Rechtsfragen zur Seite stehen. Durch den Ausnahmezustand bricht die Auftragslage aber nicht weg - ganz im Gegenteil.

Mit United We Stream übernimmt das dreiköpfige Team -Martina Brunner, Laurent Koepp, Stefan Niederwieser - eine Idee der etwas älteren Schwestern Clubcommission Berlin und Reclaim Club Culture Berlin. Gemeinsam mit Arte werden dort seit der Stilllegung des Nachtlebens Mitte März täglich Performances, Gesprächsrunden und DJ-Sets von Szenegrößen und lokalen Newcomern ausgestrahlt.

Für den Wien-Ableger hat die VCC nun Budget für sieben Streams umgewidmet. Den Anfang machte Das Werk in der Spittelau mit Beiträgen von Antonia XM, Rosa Anschütz, Tin Man, Wandl und Mavi Phoenix; der nächste Stream kommt am 15. April aus dem Fluc - mit Elektro Guzzi, Koenig, Evren da Conceição, Misonica und Asfast. "Unser Ziel ist es, das clubkulturelle Angebot Wiens sichtbar zu machen. Neben Streams, wie sie zum Beispiel vom Rabenhof Theater gerade gespielt werden, zeigen wir so, dass Clubs in Wien nicht wegsterben dürfen", sagt Martina Brunner.

Erschwerten anfangs vor allem rechtliche Hindernisse die Planung, war es rund um den ersten Stream die Szene, die sich zu wenig eingebunden und repräsentiert fühlte. In Zukunft sollen aber auch lokale Kollektive mit genügend Sicherheitsabstand über die Bildschirme tanzen, so Brunner: "Demnächst ist United We Stream auch ohne Beteiligung von Arte geplant. Dann liegt es an den Kollektiven selbst zu entscheiden, wie damit weiter umgegangen wird. Theoretisch könnte jeden Tag gestreamt werden. Unser Budget ist aber irgendwann ausgereizt, auch wenn wir bemüht sind, auf lokaler Schiene noch etwas Geld aufzutreiben." Neben den Streams gibt es auch die Möglichkeit, die Wiener Clubkultur via Crowdfunding zu unterstützen. Der erste Stream spielte gut 1000 Euro ein, die Künstlerinnen und Künstlern, den Locations und Vereinen zugute kommen sollen, die bei den derzeitigen Fördermodellen oft durch die Finger schauen.

Sollte das Zusammenspiel zwischen den lokalen Kollektiven gut funktionieren, könnte das tatsächlich eine Möglichkeit sein, die Wiener Clubkultur außerhalb der Landesgrenzen zu präsentieren. Nach und nach sollen auch andere europäische Szenen zur Onlineparty stoßen; aktuell sind etwa Amsterdam und Vilnius im Gespräch.

Für Wien sind die mittlerweile 130.000 Klicks auf den Werk-Stream bemerkenswert, sie lassen aber noch Luft nach oben. Brunner ist zuversichtlich und appelliert: "Es ist wichtig, dass bei so einem Projekt von allen Seiten Solidarität gezeigt wird. Seien es Künstlerinnen und Künstler, Locations oder nicht zuletzt die Menschen, die von daheim zuschauen. Wir können nur hoffen, dass alle Bemühungen in der Szene wahrgenommen werden und dass wir von den verschiedenen Akteuren darauf hingewiesen werden, wo Hilfsbedarf besteht. Es passiert gerade sehr viel Neues -und das sehr schnell."

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