Stockholm ist Anders

Gastkommentar | Das so genannte "schwedische Modell" in der Bekämpfung der Corona-Folgen wird breit diskutiert. Marcus Brand lebt in Stockholm und teilt seine Beobachtungen rund um Freiwilligkeit, die Gesamtsterblichkeit, Frisörbesuche und das Highlight des Tages - die tägliche Pressekonferenz von Anders Tegnell, dem Leiter der Gesundheitsbehörde.

von Marcus Brand

Foto: ZVGEin Gastkommentar von Marcus Brand zur FALTER-Corona-Debatte

Marcus Brand, aufgewachsen in Wien, ist Berater für Demokratiereform und nachhaltige Entwicklung. Nach 20 Jahren im Einsatz für internationale Organisationen in Osteuropa und Asien lebt er zur Zeit in seiner zweiten Heimat Stockholm.


Von einem Hügel hinter meinem Haus auf einer Insel im Stockholmer Schären-Archipel kann ich die Kirchtürme und Schornsteine der schwedischen Hauptstadt sehen. Meinen Nachbarn winke ich nur aus der Ferne zu. Einmal in der Woche fahre ich zum Einkaufen in die Stadt. Normalerweise würde ich mich dann auch gerne auf eine Terrasse eines Cafés setzen, meine Freunde in der Stadt treffen oder am Abend ausgehen. Das könnte ich auch, aber ich mache es nicht, weil es mir zur Zeit in dieser trügerischen Normalität nicht ganz normal vorkommt.

Während die meisten Länder der Welt in den letzten Wochen früher oder später zum Teil fast panisch auf Lockdown-Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gesetzt haben, steht Schweden in Europa allein mit einem Mix aus einer light-Version von social distancing, pragmatischem Fatalismus und tapferem Festhalten an dem, was mittlerweile als das “schwedische Modell” in aller Welt bekannt ist. Kritiker sehen es als waghalsigen Sozialdarwinismus oder als Eugenik. Fans verklären die schwedischen Maßnahmen als gelungenen und auch demokratischen Mittelweg für Pandemie-Kontrolle ohne Einschränkung von Bewegungsfreiheit oder großen Schaden für die Wirtschaft. Als in Schweden lebender Österreicher genießt man einerseits die weitgehend bestehende Normalität, andererseits hat man das dumpfe Gefühl, dass die Rechnung am Ende vielleicht doch nicht so aufgeht.

Der goldene Mittelweg?

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