"Da kommt mich der SCHIACH an"

Marlene Streeruwitz über ihren Covid-19-Roman, schlechten Schlaf, das Gefühl von Bedrohung und die Chancen der Krise

GESPRÄCH: SEBASTIAN FASTHUBER
Lexikon, FALTER 17/20 vom 22.04.2020

In schwierigen Zeiten läuft die Wiener Autorin Marlene Streeruwitz zu großer Form auf. Während der Wiederholung der Bundespräsidentenwahl 2016 schrieb sie den fesselnden Fortsetzungsroman "So wird das Leben.". Starke Sogwirkung hat auch der gerade entstehende Roman "So ist die Welt geworden." um die Protagonistin Betty Andover, in dem Streeruwitz die Erfahrung der Corona-Krise literarisch verarbeitet. Jeden Donnerstag erscheinen auf ihrer Website neue Folgen.

Falter: Guten Morgen, Frau Streeruwitz, haben Sie gut geschlafen?

Marlene Streeruwitz: Ich schlafe nicht gut. In den Wachphasen gehen die Gedanken im Kreis. Ich habe eine Tochter und ihre Familie in London und könnte da nicht hin. Das ist eine grauenhafte Vorstellung. Und gleich setzt dann diese selbstbeschuldigende Verantwortung ein, die sagt, dass das alles notwendig ist und dass mein Leid viel zu klein ist, um davon erlöst zu werden. Ich fühle mich in einem Widerspruch zwischen Vernunft und dem Leben selbst eingemauert. Diese Einmauerung, die ja nur die Situation beschreibt, führt zu tiefen Schlafphasen, aus denen ich vollkommen erschöpft erwache.

Und dann?

Streeruwitz: Am Tag lebe ich in dauernder Schläfrigkeit, darf aber unter keinen Umständen ein Schläfchen wagen. Das führt zu dem Gefühl, das sich nur mit "da kommt mich der Schiach an" ausgedrückt werden kann. Ich muss mich zwingen, so oft wie möglich joggen zu gehen und mir so einen klaren Kopf zu verschaffen. Dann wieder kann ich nicht schlafen, weil ich mir ausmale, mein Herz funktioniere plötzlich nicht, und muss überlegen, wie ein normaler medizinischer Notfall gehandhabt werden würde. Alles Flausen, aber eben die flausige Realität.

Wir leben seit über einem Monat mit Ausgangsbeschränkungen. Können Sie schon einen Gewöhnungseffekt an sich feststellen?

Streeruwitz: Nein. Und das will ich auch nicht. Das ist ein psychotischer Zustand, in den wir versetzt worden sind, und Gewöhnung daran wäre krank.

Sie schreiben in Ihrem Roman von einem "Putsch", den man später wieder zurückbauen müsse. Wie ist das gemeint?

Streeruwitz: Unser aller Verstaatlichung ist sicher mehr als ein Putsch. Ich halte das Verhalten von uns allen in dieser Krise für eine große Leistung. Vernunftargumenten so diszipliniert folgen zu können, setzt eine große Bereitschaft für das Gemeinsame voraus. Das ist eine gute Erfahrung, und ich bin sicher, dass genau diese Erfahrung zu einem neuen Blick auf die Politik führen wird. Die Erfahrung dieser Isolationsinternierung reißt alle Personen in ein jetzt gerade erzwungenes Gemeinsames und macht gleichzeitig jede Person sich selbst bewusster selbstständig. Die Isolation muss ja von jeder Person einzeln bewältigt werden. Ich hoffe, dass in Zukunft eine Politik möglich sein wird, in der die Ungleichheiten so aufgelöst werden, dass derartige Krisen nicht die Ungerechtigkeit wieder nur verstärken werden. Hier geht es doch nicht darum, dass irgendein Prinz uns aus einem Dornröschenschlaf herausküsst und alles beginnt wieder dort, wo der Zauber angefangen hat. Hier geht es ums Leben. Um unsere Leben. Und um die demokratische Autonomie selbst.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement des Bundeskanzlers?

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Streeruwitz: Diese Beurteilung verschiebe ich auf nach der Krise. Irgendwann werden wir ja alle Informationen haben und sehen, was richtig und was unnötig war. Interessant finde ich aber schon, wie sich kulturelle und weltanschauliche Voraussetzungen in den Maßnahmen niederschlagen. Dadurch wird der Behauptung widersprochen, es gäbe nur einen Weg. Und klar ist auch, dass die Auflösung dieser Situation alle Chancen auf eine ökosoziale Reform des Staats beinhaltet und gleichzeitig alle Möglichkeiten einer radikalen Umstrukturierung in Richtung einer noch autoritäreren Demokratie als derzeit. Dann wäre die jetzige Situation eine Lerneinheit in Faschismus.

Sie haben bereits 2016 online einen Roman veröffentlicht. Was reizt Sie an dieser Form?

Streeruwitz: Mich hat der Fortsetzungsroman schon immer fasziniert. Das war eine sehr populäre Form und hat sich dann in die Fernsehserie verwandelt. Der Roman in Fortsetzungen erlaubt, dramatische Formen einzubauen. So ermöglichen sich dramatische Wendungen, die den jeweiligen Ereignissen folgen können. Im Grunde geht es um die schnellstmögliche Bewältigung der Kontingenz.

Viele schreiben derzeit Corona-Tagebücher. Ihr Roman reicht weiter. Was kann eine

Literarisierung der Krisenerfahrung leisten? Streeruwitz: Ich würde hier nicht einen Abstand zwischen den Formen proklamieren. Mein eigenes Tagebuch führe ich in lyrischer Form und das bleibt dann vollkommen im Persönlichen. Die literarische Fiktion dagegen ist die Kulturtechnik, die ausdrücklich dafür entwickelt wurde, Erfahrungen in Gesellschaftlichkeit umzuwandeln. Erfahrungen sind immer auf Einzelpersonen beschränkt. Die fiktive Erfahrung einer literarischen Figur wird zum Modell, an dem jeder und jede die eigenen Erfahrungen entlangwandern kann. Die Fiktionalität stellt so ein Modell für diese Wanderungen zu Verfügung. In unserer derzeitigen Situation geht es dann ja auch besonders heftig um unsere inneren Welten, auf die wir ohne Außenwelt so angewiesen sind.

Früher hätte man gefragt: Was kann ein Text wie dieser politisch bewirken? Heute wird diese Frage kaum noch gestellt, weil man stillschweigend davon ausgeht, Literatur könne nichts bewirken.

Streeruwitz: Ich stelle diese Frage nicht und gehe auch nicht stillschweigend von irgendetwas aus. Der Roman ist das einzige Mittel, das Leben insgesamt und in allen Zusammenhängen auszudrücken. In seiner ganz bestimmten Konzentration von Bedeutung ist der Roman jeder Wissenschaft überlegen. Die basale politische Bedeutsamkeit einer derartigen Versprachlichung der Bedingungen des Lebens muss nicht noch einmal auf tagespolitische Wirkungen befragt werden. Dieser basalen politischen Bedeutsamkeit habe ich mich in meiner Arbeit verpflichtet. Im Covid-19-Roman nimmt das die Form eines Hinterhertaumelns davon an, wie die Erlässe und Einschränkungen in der Isolation aufschlagen.

Wann wird dieser Roman beendet sein?

Streeruwitz: Da bin ich nicht sicher, auf wie lange Zeit wir auf Covid-19 bezogen bleiben müssen. Solange der Titel stimmt, wird geschrieben.

An einer Stelle schreiben Sie eine schöne Ode auf das Wirtshaus. Wo werden Sie hingehen, wenn die Betriebe wieder aufsperren dürfen?

Streeruwitz: Überallhin. Ich rufe jetzt schon auf, Reisegesellschaften im Kleinen zu bilden und dann diese Orte in aller Form heimzusuchen. Die Gastronomie ist ja ebenfalls Teil der urbanen Kultur und mindestens ebenso unterstützenswert wie die Literatur oder die Musik. Ich werde einen genauen Wirtshaus-und Restaurant-Plan aufstellen und dem dann nachgehen. Pläne sind ja die einzige Zukunft, die wir gerade kennen.

Wie sehr trifft Sie die Krise wirtschaftlich?

Streeruwitz: Ich stehe wie alle meine Kolleginnen und Kollegen vor dem Nichts. Wenn nun vielleicht auch noch der Herbst ausfallen soll, dann bleibt es bei diesem Nichts. Ich wollte, Kultur wäre selbstverständlicher und deshalb auch eine Priorität, und nicht nur die Wirtschaft. Da zeigt sich immer noch die frühe Aufklärung in der Monarchie, der es nur darum ging, Männer für den Dienst in Staat und Militär oder für einen Beruf auszubilden. Es geht doch um die gesamte gegen den Feudalismus und die Geistesenge der frühen Aufklärung und gegen den systemischen Absolutismus hergestellte Kultur des Versammelns. Theater, Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Lehre. Unsere gesamte Kultur, also alles, was uns zu Personen macht und nicht nur die Berufsausübung betrifft. Das alles hängt vom absichtlichen Zusammensein von einander unbekannten Personen ab, die aber dem jeweiligen Ereignis gemeinsam folgen wollen. Es geht um Kultur im Demokratischen und Urbanen. Wir sollten jetzt schon daran arbeiten, diese Form der Kultur wieder aufzubauen oder überhaupt neu aufzustellen. Und das dann so, dass es nie mehr diesen Absturz ins 14. Jahrhundert geben kann, wie jetzt gerade.

Die Mehrzahl der Autorinnen und Autoren lebt schon von Haus aus prekär. Auch viele Verlage stehen wirtschaftlich auf wackeligen Beinen. Bedrohen die Auswirkungen von Corona den ganzen Literaturbetrieb?

Streeruwitz: Das ist so. Ich erwarte vom lesenden Publikum Unterstützung durch den Kauf von Büchern bei Buchhändlern und Buchhändlerinnen. Wenn wir uns erinnern, die Greißler und Greißlerinnnen wurden von uns nicht erhalten, weil wir den Groschen mehr für den Beinschinken da nicht zahlen hätten wollen. Dieses Beispiel sollte sich nicht wiederholen und der Groschen für den Erhalt der Literatur möglich sein. Damit wäre für die Verlage und die Autorinnen und Autoren gesorgt.

Wie könnte das aussehen?

Streeruwitz: Eine bedingungslose Grundsicherung würde für würdige Verhältnisse fürs Schreiben von Literatur sorgen. Die Literatur nicht zu fördern und zu erhalten, das wäre die Selbstaufgabe des Kulturellen. Es wird hart für jeden und jede von uns, uns unser kulturelles Selbst zu erhalten. Ich werde sofort wieder in Konzerte gehen und die Musiker und Musikerinnen unterstützen, wie ich ja selbstverständlich noch nie ein Buch bei Amazon gekauft habe.

"So ist die Welt geworden." veröffentlichen Sie kostenlos auf Ihrer Website. Denken Sie an eine spätere Buchpublikation?

Streeruwitz: Jetzt einmal ist das die richtige Form. Ich verschenke Texte und freue mich über Leser und Leserinnen. Ich hoffe, über dieses Lesen jene Community aufzubauen, die, ohne einander zu kennen, miteinander Kultur herstellt. Das ist Demokratie für mich und unverzichtbar. Mich macht die Vorstellung zustimmenden Lesens glücklich. Ich hoffe, das zustimmende Lesen macht die Leserinnen und Leser glücklich.

Zur Person

Marlene Streeruwitz, 1950 in Baden bei Wien geboren, zählt zu den gewichtigsten Stimmen der deutschsprachigen Literatur und hat sich immer wieder als eminent politische wie feministische Autorin erwiesen. Ihr Roman "Flammenwand." stand 2019 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Heuer wurde Streeruwitz bereits mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet

Link zum Roman: www.marlenestreeruwitz.at/werk

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