„Die Regierung hat mir das Leben abgesprochen“

Elisabeth Orth. Die Doyenne des Burgtheaters meldet sich aus der freiwilligen Heimquarantäne mit einem Monolog von Marlene Streeruwitz und sorgt sich um die Zukunft

Martin Pesl
FALTER:WOCHE, FALTER 20/20 vom 12.05.2020

Foto: Reinhard Werner

Sie ist die Doyenne des Burgtheaters. Vor 55 Jahren stand Elisabeth Orth dort erstmals auf der Bühne. Zum vielleicht letzten Mal sah man sie auf einer Burgtheater-Bühne im vergangenen Jahr. Da spielte sie die Mutter des Shakespeare-Antihelden Coriolan, den ihr wirklicher Sohn Cornelius Obonya verkörperte. Die 84-Jährige hat sich schon vor der Corona-Krise altersbedingt zurückgezogen. Besorgt ist sie dennoch, weniger um sich selbst als um die Gesellschaft.

Nun bekommt die große ­Schauspielerin Gelegenheit, diese Sorge auf eine Art auszudrücken, die sie besonders gerne mag: als Lesung. Für die Burgtheater-Video­reihe „Wiener Stimmung“ leiht sie einem frisch geschriebenen Monolog von Marlene Streeru­witz die Stimme. Die Videokünstlerin Sophie Lux ordnet der Stimme Bil­derwelten unter, die sie als „Expedition ins Gewesene, Vorahnung des Kommenden“ beschreibt. Die Erstausstrahlung im Netz ist am 16. Mai auf www.burgtheater.at. Im Falter-Telefonat schildert Elisabeth Orth ihre Erfahrungen mit dem Text und seiner Aufnahme und reiht die Corona-Krise in die Ränge ihrer Lebenserfahrungen ein.


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Falter: Frau Orth, lassen Sie uns mit der naheliegenden Corona-Frage beginnen: Wie geht es Ihnen?

Elisabeth Orth: Ich bin in freiwilliger Heimquarantäne, die sich jetzt langsam und vorsichtig dem Ende zuneigt. Ich gehöre in die Hochrisikogruppe, wegen meines Alters und wegen meiner Lunge. Es war heftig. Aber meine Kinder waren zauberhaft und haben mir immer alles besorgt, was ich brauchte. Und dann habe ich eben gelesen. Ich lese leidenschaftlich gerne und habe immer noch nicht all die Bücher, die in herrlichen Reihen hier bei mir herumstehen, gelesen.

Wenn es nach Ihnen geht, könnte die Quarantäne also ohne weiteres noch ein bisschen weitergehen?

Orth: Nicht auf diese Weise. Ein bisschen Frischluft hätte ich dann schon ganz gerne.

Wann war Ihr letzter Auftritt vor der Corona-Krise?

Orth: Der liegt schon länger zurück, es muss die letzte Vorstellung von „Coriolan“ im Dezember gewesen sein. Ich bin aber selber schuld, dass ich nicht mehr auf der Bühne stehe, ich habe mich freiwillig zurückgezogen. Aus Krankheitsgründen dürfte ich mich jetzt gar nicht mehr in Massensituationen begeben. Das ist auch in Ordnung so: Wenn schon Bühne, dann muss man absolut fit sein.

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Haben Sie sich jetzt daher lange bitten lassen, an dem Projekt „Wiener Stimmung“ des Burgtheaters teilzunehmen?

Orth: Nein, nein. Kaum fiel der Name Streeru­witz, habe ich schon gesagt: „Alles okay, her mit dem Text!“ Marlene und ich sind miteinander bekannt, wir mögen einander, obwohl wir einander nie sehen.

Der vierseitige Text von Marlene Streeruwitz ist mit 18. April datiert und trägt den Titel „bettys monolog“. Betty ist eine mögliche Kurzform für Elisabeth. Hat sie ihn eigens Ihnen auf den Leib bzw. auf die Stimme geschrieben?

Orth: Das glaube ich eigentlich nicht, aber auch sie hat angeblich sofort geschrien: „Ja, die Orth!“, und mich herzlich grüßen lassen, als sie erfahren hat, dass ich es mache.

Die Reihe „Wiener Stimmung“ umfasst kurze Videos, in denen Burgschau-spielerinnen und -schauspieler eigens zur Corona-Krise verfasste Texte bekannter österreichischer Schriftsteller wiedergeben. Norman Hacker etwa spricht einen Text von Franzobel, Sarah Viktoria Frick einen Monolog von Kathrin Röggla. Der Unterschied in Ihrem Fall ist, dass man nur Ihre Stimme hören wird. Was hat es damit auf sich?

Orth: Wie man mir mitgeteilt hat, war ursprünglich geplant, dass man während des Monologs den leeren Heldenplatz sieht. In dem Text schlägt Marlene Streeruwitz, also ihre Figur Betty, vor, dass alle, wenn sie wieder hinausdürfen, auf den Heldenplatz gehen und dort gegen den Kanzler demonstrieren, der uns gezwungen hat, drinnen zu bleiben. Auf den Abstand müssten wir dann nicht mehr aufpassen, weil wir uns alle in der Isolation so angefressen haben, dass allein das Fett uns voneinander entfernt hält. Das ist ein Bild, das mich sehr erheitert.

Gleichzeitig ist es auch ziemlich traurig.

Orth: So ist das Leben. Der Heldenplatz wäre dann ja aber gar nicht mehr leer. Als Sophie Lux zu mir kam, schlug ich ihr deshalb vor, man könne als Hintergrundbild ein leeres Klo nehmen, mit offen stehender Tür. Das kommt auch aus dem Text von Marlene Streeruwitz heraus. „Wir sind zum Heil gemacht, das in Statistiken über uns verfügt“, schreibt sie. „Sie müssten uns alle niedermachen. Niederschießen. Vor dem Behelfsparlament auf dem Heldenplatz. Reihe um Reihe. Wir würden ja auf den Platz scheißen müssen. Es würde wieder an der Ausrüstung fehlen und nicht genug Mobilklos vorhanden sein.“ Wir haben beide gelacht. Wie das Video am Ende wirklich aussehen wird, weiß ich noch nicht.

Sie kennen den Text ja auswendig! Ist die Tonaufnahme im Kasten?

Orth: Ja. Die zauberhafte junge Frau kam zu mir, ich fragte: „Na, wo ist denn der Apparat zum Aufnehmen?“ Dann holte sie so einen kleinen Kasten mit den Dimensionen einer Schmuckschatulle heraus und legte ihn sich in den Schoß. Auf dem Tisch vor mir lag dann noch ein winziger Kasten, wie ein Zigarettenetui. Sie bat mich, auf einen Knopf zu drücken. Es war ein bisschen ein Hin und Her, bis das rote Licht endlich flimmerte und die Aufnahme lief. Sehr komisch war es nur deshalb, weil man ja gerade alles mit Handschuhen angreifen sollte. Also haben wir diese Geräte immer eine nach der anderen angefasst und wieder abgewischt, angefasst und abgewischt. Sogar den Stromanschluss habe ich noch desinfiziert, aber das war es dann, weil irgendwann kann man es auch übertreiben.

Und dann haben Sie einfach den Monolog ein paar Mal durchgesprochen?

Orth: Mein Ehrgeiz ging dahin, es in einem durch zu schaffen. Ich hatte den Text schon seit mehreren Tagen im Haus. Und da es so ein toller Text ist, habe ich ihn jeden Tag dreimal trainiert. Die Dramaturgieabteilung war natürlich ganz neugierig zu erfahren, wie lange es dauern würde. Ich habe also mitgestoppt und sie beruhigt: Länger als eine halbe Stunde wird es bestimmt nicht. Und dann ging es wirklich mit einem einzigen Versuch: Nur einmal habe ich mich verlesen und dann eine Pause für den Schnitt gemacht.

Streeruwitz hat einen ziemlich zornigen Text geschrieben, der sich hasserfüllt gegen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie richtet. Haben Sie ihn als rein literarischen Text genommen oder teilen Sie diese „Wiener Stimmung“?

Orth: Wie bei allen guten Texten ist es eine gesunde Mischung von Ego und Fantasie. Streeruwitz nennt es einen Monolog der Betty. Diese Betty spricht zu einem Teddybären, und ich bezweifle, dass Frau Streeru­witz einen Teddybären auf dem Sofa sitzen hat, vermutlich ist das eher ein Fiktionsteddy. Über weite Strecken hört man aber natürlich Marlenes Kopf heraus. Sie lässt diese Betty, whoever she is, so reden, als wäre ihr alles schon zu viel, als wäre sie müde, als müsse sie keinen normalen Kampf mehr führen, sondern einen Überlebenskampf. Damit wiederum kann ich mich gut identifizieren, mit diesem Gedanken, dass die Regierung mir in der Corona-Krise quasi schon das Leben abgesprochen hat, weil ich über 80 bin.

Im Zuge des Wunsches, die Theater wieder zu öffnen, kommt – auch aus der Szene – immer wieder der Vorschlag, künftig einfach ohne ältere Schauspielerinnen und Angehörige von Risikogruppen auszukommen. Zu ihrer eigenen Sicherheit sollen Ältere einfach nicht mehr proben und auftreten. Sie selbst haben sich ja mehr oder weniger freiwillig zurückgezogen, aber was halten Sie von diesen Ideen?

Orth: Wir werden da unter dem Vorwand des Schutzes auf ein Podest gehoben, das mit dem Etikett versehen ist: „Ihr sterbts eh bald. Ihr seids jetzt über 80, da können wir leider keine Rücksicht mehr auf euch nehmen.“ Diese Aussagen treffen „wir Jungen“, aber wenn man genau hinschaut, sind viele von denen eh auch schon über 40. Solche Gedanken sind gefährlich und infektiös. Weil damit wieder noch mehr ausgegrenzt und eingesperrt wird. Wenn man das mit einer Gruppe macht, ist der Schritt zur nächsten nicht weit. Da ist dann die blaue Partei schnell zur Stelle und sagt: „Hier sind noch ein paar Flüchtlinge, die sind zwar nicht krank, aber sie stören uns trotzdem.“

Ein anderes Phänomen im Zusammenhang mit Corona ist die raschere Digitalisierung der älteren Bevölkerung. Hat Sie die auch eingeholt?

Orth: Ja, aber schon vorher. Es ist etwa drei oder vier Jahre her, dass mein Sohn gesagt hat: „Mami, willkommen im 21. Jahrhundert!“, und ich wusste, das würde nicht folgenlos bleiben. Seither habe ich mich mit Computern und Handys auseinandergesetzt.

Wie läuft das so?

Orth: Die Schwiegertochter wundert sich über manche Daten, die ich auf meinem PC aufhebe, aber wer weiß, ob ich diese oder jene Adresse nicht noch irgendwann brauchen werde? Hin und wieder mache ich aber auch den Deckel zu und schreibe lieber einen Brief. Was ich gerne mag, ist das Phänomen der SMS, also der Kurznachrichten auf dem Handy. Damit komme ich ganz gut zurecht. Zum Glück kann mein Handy nicht besonders viel, also bin ich da auch nicht allzu sehr hinten nach. Am meisten liebe ich aber das Wort „Flugmodus“. Das geht ganz schnell, da liegt das Ding dann da und schweigt. Bis die typische Neugier mich wieder übermannt und ich nachschaue, ob nicht doch eine Nachricht gekommen ist.

Gerade ist viel die Rede davon, dass wir uns angeblich in der größten Krise der Zweiten Republik befinden. Sie sind 1936 geboren, haben also diese gesamte bisherige Ära miterlebt. Gab es wirklich nie Schlimmeres?

Orth: Das Wort „Herausforderung“ ist ja ein bisschen überstrapaziert, dabei ist es in seiner leicht euphemistischen Art ein durchaus geeignetes deutsches Wort. Und ich glaube tatsächlich, dass es heute ganz gut passt. Es ist die größte Herausforderung, an die ich mich erinnern kann, sie verlangt von uns allen das Meiste. Landauf, landab sind wir alle gefordert wie nie.

Auch nicht in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg?

Orth: Dazu muss ich sagen, dass ich sehr privilegiert bin: Ich musste nie Hunger leiden. Als der Krieg zu Ende war, war ich neun. Ich hatte keine Bomben fallen gesehen, nur davon erzählt bekommen. Vom ausbrennenden Dachstuhl und Glockenturm des Stephansdoms habe ich nur im Nachhinein aus der Wochenschau erfahren. Ja, ich erinnere mich noch, wie ich durch die Ruinen gegangen bin, aber da wurde bereits Steinchen für Steinchen, Holzlatte für Holzlatte wiederaufgebaut. ­Bröckelnde Hausfassenden ließen ahnen, was ­geschehen war. Es waren gähnende Erinnerungslöcher. Aber die große Katastrophe am eigenen Körper, die habe ich nicht miterlebt.

Jetzt aber schon?

Orth: Diese Krise betrifft uns alle, vor allem das, was jetzt danach kommt. Es besteht die große Gefahr, dass wir es nicht schaffen, von diesen staatlichen Verordnungen wieder wegzukommen. Die müssen aufgehoben werden, und zwar in Form einer Selbstverständlichkeit und nicht als Riesengeschenk an die Bevölkerung. Daran müssen alle Parteien gemeinsam arbeiten: Was sich verbessert, das muss bleiben. Was sich verschlechtert, das muss bekämpft werden. Es muss ein neues Fenster aufgehen, ein Politfenster. In diesem Zusammenhang können wir wirklich dankbar sein für Falter und Standard, die nie aufhören, uns wissen zu lassen, was los ist.

Was ist Ihre größte Sorge?

Orth: Dass meine Stimme nicht hält. Dass ich keine Lesungen mehr machen kann, denn die mache ich am liebsten. Ich muss nicht mehr auf der Bühne herumturnen, wenn ich nicht mehr alle meine Werkzeuge beieinanderhabe. Aber dass der Atem noch funktioniert und dass mir mein Gehör nicht ganz verlorengeht, das wäre mir schon wichtig.

Wann werden Sie wieder auf der Bühne stehen?

Orth: Ich weiß es wirklich nicht. Ehrlich gesagt vermisse ich es auch nicht besonders. Ich muss nicht als Sondermüll auf der Bühne herumkugeln. Dann lieber gar nicht.F


Elisabeth Orth,
1936 geboren, gehört dem Schauspielerclan Hörbiger an, wollte mit diesem Namen aber nie Karriere machen. Nachdem ihre Schwester Christiane Hörbiger im Wahlkampf 2019 ein Unterstützungsvideo für Sebastian Kurz herausgebracht hatte, ließ sie sich mit dem SPÖ-Team ablichten. Seit 1973 ist Orth fest im Ensemble der Burg, seit 2015 ihre Doyenne

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