KUNST UND EI

Die Künstlerin Christina Scherrer kommentiert die Corona-Aktualität von ihrem Balkon aus

ZUHÖRERIN: STEFANIE PANZENBÖCK
Lexikon, FALTER 20/20 vom 13.05.2020

Christina Scherrer reagierte mit einem Wienerlied. Sie nahm sich ihre Ukulele, setzte sich auf ihren Balkon, schaltete ihre Handykamera ein und sang: "Wann i amal stirb." Das war am 13. März dieses Jahres. "Da wurde mir klar, dass ich jetzt sehr lange nicht auf der Bühne stehen werde", sagt die 32-jährige Künstlerin. Es war die Woche, als die Kulturstätten geschlossen und die Ausgangsbeschränkungen bekanntgegeben wurden.

Scherrer arbeitet hauptsächlich als Schauspielerin, ist aber auch Sängerin, steht meistens in Theaterstücken auf der Bühne, spielt bisweilen in Filmen mit, gibt Konzerte und Workshops, tritt bei Lesungen auf oder mit eigenen Musiktheaterprogrammen. Ein typisches Leben einer Freischaffenden. Das nun nicht mehr stattfinden kann. Zuerst kam die Ernüchterung, dann folgten Herzklopfen und Angstzustände. Wie lange würde das dauern? Ein paar Wochen, ein paar Monate, ein Jahr?

"Wann i amal stirb" war der Anfang von Scherrers Projekt "Kunst am Balkon". Das Lied, das aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt, ist eine humorvoll melancholische Beschäftigung mit dem Tod. Jede der drei Strophen, in denen der Sänger die Menschen dazu auffordert, an seinem Begräbnis zu singen und zu tanzen, endet mit "Allweil fidel." Christina Scherrer liegt es fern, ihren Beruf oder die Kunst an sich zu Grabe zu tragen. Aber die unheimliche Stille in den Theatern und Konzerthäusern brauchte ein erstes Symbol, mit einem kräftigen Augenzwinkern und einer Träne auf der Wange.

Immer wenn sich in den letzten Wochen ein Anlass bot, schrieb Scherrer einen Text, dichtete Bekanntes um und vertonte es, indem sie Bestehendes frei interpretierte. Nach einer Anzeige gegen eine Frau auf einer Parkbank nahm sie sich Georg Kreislers "Tauben vergiften im Park" vor. Aus dem "Penis Song" von Monty Python machte sie eine Hymne auf die Vagina. Mit diesem Lied wies Scherrer auch auf häusliche Gewalt hin, der Frauen in Zeiten von Corona verstärkt ausgesetzt sind.

Der Großteil der mittlerweile neun Videos des "Kunst am Balkon"-Projekts beschäftigen sich mit Corona und der Krise der Kunst. Das beginnt mit einer Umdeutung des traditionellen "A kloanes Bibihenderl", in dem das kleine Huhn traurig ist, dass ihm der Bauer sofort jedes Ei, das es gelegt hat, wegnimmt. "Es ist die perfekte Übersetzung für die aktuelle Situation", sagt Scherrer schmunzelnd. Der Künstler, der zu Hause sitzt, ohne Job und ohne Geld, strampelt sich ab, gibt Wohnzimmerkonzerte, singt am Balkon, versucht, neue Projekte zu konzipieren, aber eigentlich bleibt wenig davon. "Die Kunst ist wie das Ei, das einem sofort weggenommen wird, wenn man es gelegt hat, und dann muss sofort etwas Neues nachkommen."

In Oberösterreich aufgewachsen, spielte Scherrer schon in ihrer Kindheit Theater. Mit 18 begann sie ihre Ausbildung an der Kunstuniversität in Graz und schloss diese mit einem satirisch-musikalischen Stück, "Matti, du kannst mich haben", ab. Mit Matti war der damalige Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann gemeint. Scherrer thematisierte die Kluft zwischen angestellten Ensemblemitgliedern und freien Kunstschaffenden, für die das Prekariat nahezu unumgänglich ist.

So ungerecht sie die Situation findet, so wenig hat sie sich durch die schwierigen Umstände von ihrem Beruf abhalten lassen. Bis Corona kam und sie, wie alle anderen auch, keine Wahl mehr hatte.

Was die Lage für Scherrer etwas erträglicher macht, ist die Tatsache, dass sie sich beim AMS melden konnte und keine Hilfszahlungen aus den unterschiedlichen Fonds beantragen musste. Die Künstlerin ist, so wie alle Freischaffenden, in ständig wechselnden Arbeitsverhältnissen tätig, einmal als Angestellte, einmal als Selbstständige. Damit wären in arbeitslosen Zeiten sowohl das AMS als auch die SVA, die Versicherung der gewerblichen Wirtschaft, für sie zuständig, zwei Systeme, die sich nicht ergänzen, sondern im Weg stehen.

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Scherrer ging mit ihren selbstständigen Projekten schon vor einigen Jahren zur Genossenschaft SMart. Diese tritt an ihrer Stelle in den Vertrag ein, wird zur Arbeitgeberin und stellt Scherrer gegen eine Servicegebühr an. Ihre Honorare werden auf einem Konto gesammelt und als Gehalt monatlich ausbezahlt. Somit bewegt sich Scherrer, trotz vieler verschiedener Jobs, nur in einem Sozialversicherungssystem. Und bekommt in Zeiten wie diesen Arbeitslosengeld.

Scherrers aktueller Beitrag in "Kunst am Balkon" ist das Lied "Kunst mit Abstand" und entstand in den Tagen nach der denkwürdigen Pressekonferenz von Staatssekretärin Ulrike Lunacek und Vizekanzler Werner Kogler zu den Lockerungen im Kulturbetrieb.

Wie viele andere Künstlerinnen und Künstler auch fühlte sich Scherrer vor den Kopf gestoßen. "Es war für mich erschreckend, dass jemand, der den Titel ,Staatssekretärin für Kunst und Kultur' trägt, keine Ahnung hat, wie es im Probenalltag zugeht", ärgert sich Scherrer. "Wir alle mussten feststellen, dass da keine Vertreterin ist, die für uns kämpfen wird."

Vor allem die despektierlichen Aussagen darüber, dass es auf einer Bühne ja auch schon einmal zugehen könne und dass eben eine Schlägerei, eine Liebesszene in Zukunft eben nicht möglich seien, regten die Schauspielerin auf. "Ich lasse mir sicher nicht vorschreiben, was ich auf der Bühne machen darf und was nicht."

Scherrer wünscht sich klare Ansagen. Etwa: ",Wenn ihr nicht auftreten und deshalb wirtschaftlich nicht überleben könnt, dann werden wir euch durchtragen, bis zu dem Tag, an dem es wieder möglich ist.' Aber Theater ist jetzt nicht möglich, so ehrlich muss man sein", sagt die Künstlerin. "Wenn alle drei Meter einer sitzt und die Menschen auf der Bühne sich nicht berühren dürfen, wird es ad absurdum geführt."

Denn dass, wie Scherrer in "Kunst mit Abstand" singt, Romeo und Julia sich durch Plexiglas küssen, Faust in einer ständigen Zoom-Konferenz ist und Gretchen vom Balkon aus stalkt, wird wohl niemand auf einer Bühne sehen wollen. Nur Raskolnikow hat Glück, der darf auch in Zeiten von Corona zur Pfandleiherin.

Noch hat Scherrer Lust und Energie, ihr Projekt "Kunst am Balkon" fortzuführen. Doch eine Gesellschaft, die nur noch über den Bildschirm an Kunst und Kultur herankommt, drohe abzustumpfen, sagt Scherrer. "Immer ist diese Wand dazwischen. Je länger die Wand steht, desto ärmer werden wir dahinter."

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