Der Rockstar als Mensch: Eine tolle Doku über Stones-Gitarrist Ron Wood

GERHARD STÖGER
Feuilleton, FALTER 28/20 vom 08.07.2020

Ein älterer Herr mit zerknautschtem Gesicht arbeitet konzentriert an einer Kohlezeichnung, zart hingetupfte Klaviermusik begleitet die Bilder. In der ersten Interviewpassage erzählt der Opi mit der großen Nase und dem gewinnenden Grinsen, wie er nach über 50 Jahren das Rauchen aufgegeben hat; eine erfolgreich verlaufene Lungenkrebsoperation sei ein guter Moment dafür gewesen. Es folgt der Satz, der dem Film seinen Titel gibt: "Somebody up there likes me", "irgendwer da oben mag mich".

Die ruhige, zurückgenommene Anfangssequenz setzt den Ton für Mike Figgis' exzellente Dokumentation über den Mann mit dem Charaktergesicht. Er heißt Ron Wood, wird wahlweise "Ronnie" oder "Woodie" gerufen und ist seit 1975 Gitarrist der Rolling Stones; davor hat er an der Seite Rod Stewarts bei den Faces gewirkt, noch früher bei der Jeff Beck Group.

Die Stationen von Woods Karriere werden en passant erzählt, musiklexikalische Faktenhuberei spielt in dem mit nur knapp über 70 Minuten Laufzeit angenehm kompakt gehaltenen Film keine Rolle. Vielmehr porträtiert Figgis ein Londoner Nachkriegskind, das in einfachen Verhältnissen aufwächst, durch glückliche Zufälle in ein Leben voll Sex, Drugs &Rock 'n'Roll stolpert und sich bis ins Alter eine spitzbübische Leidenschaft bewahrt.

Bandkollegen, Weggefährten (darunter Kunststar Damien Hirst) und Woods Frau treten auf, in erster Linie spricht aber der Musiker selbst. Reflektiert geht es da etwa um seine jahrzehntelange Alkohol-und Drogensucht, zum pathetisch reuevollen Büßer wird Wood keine Sekunde. Musik erklingt natürlich auch. Nicht als rasant geschnittenes Hitfeuerwerk, sondern lieber in Form ganzer Songs, sei es mit den Stones vor Menschenmassen auf der Bühne oder alleine mit der akustischen Gitarre im Studio.

"Der Rockstar als Mensch" ist ein schwieriges Thema, dieser Film setzt es mustergültig um. Man muss kein ausgewiesener Fan der Stones sein, um ihn mit Gewinn zu sehen.

"Ronnie Wood - Somebody Up There Likes Me", ab 9. Juli im Kino

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