Mir is’ so fad

Peter Iwaniewicz singt Pink Floyds Hitzeile „Leave us cows alone“

Peter Iwaniewicz
FALTERS ZOO, FALTER 29/20 vom 14.07.2020

Zeichnung: Bernd Püribauer

Trendscouts wollen ein neues Must-do entdeckt haben: die Kulikitaka-Challenge. Junge, hormongebeutelte Menschen springen ­schreiend vor Kühen herum, um ­diese zu erschrecken, und posten ein Video davon in den Social Media wie TikTok. Wie so oft bei angeblich neuen Trends, über die Boulevardblätter berichten, ist dieser heiße Scheiß beim Erscheinen nur mehr kalte Kacke.

In meiner bevorzugten ­asiatischen Onlinezeitung, der Hindustan Times (sicherheitshalber hier ein Smiley), las ich bereits im März über den „Trend“, Hunde oder Katzen durch Verkleidungen oder seltsame Bewegungen zu erschrecken. Als Wiener fragt man sich: „Wie fad kann denen im Schädel sein?“


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Der Philosoph Blaise Pascal beschrieb den Zustand der Langeweile gewählter: „Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in vollkommener Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele der Ennui aufsteigen, die Schwärze, die Traurigkeit, der Kummer, der Verzicht, die Verzweiflung.“ Und auf der Flucht davor erschrecken diese gequälten Seelen eben einmal Kühe. Oder versuchen sie abzuschlecken, wie es der Trend „Kiss the Cow“ vom vergangenen Sommer vorgab.

Das Trendbarometer kennt auch seit den 1990er-Jahren den Mythos vom „cow tipping“, dem Kuhschubsen, bei dem im Stehen schlafende Kühe umgestoßen werden sollen. Aber erst 20 Jahre später berechneten Statiker, dass zumindest drei bis vier Personen erforderlich sind, um einen 700 Kilogramm schweren Körper in Form eines Rindes umzuwerfen. Zoologen wiederum meldeten sich dann mit der Information, dass Rinder weder im Stehen schlafen können noch auf solche Attacken gewaltfrei reagieren würden.

Hier stellt sich dann die Frage, wie Langeweile, Unbildung und Naturentfremdung zusammenwirken.

Im Übrigen ist es keine besondere Herausforderung, kleine Kinder oder Haustiere zu erschrecken. Spannender wäre es sicherlich, die Challenge auf wütende Wildschweine, giftige Kreuzottern oder knurrende Kampfhunde auszuweiten. Nicht.

Oder um es in Abwandlung des bekannten Spruchs aus Friedrich Torbergs Buch „Die Tante Jolesch“ zu sagen: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch eine Challenge ist.“F

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