THEATER Kritiken

Nicht zu fassen

MARTIN PESL
Lexikon, FALTER 40/20 vom 30.09.2020

Alexander Gotter

Ein Einbrecher und vermeintlicher Vergewaltiger ölt sich am ganzen Körper ein, um besser entwischen zu können, falls jemand versucht, ihn zu fangen. "Geleemann, die Zukunft zwischen meinen Fingern" heißt betont flirrend das Stück des talentierten Exildramatikers Amir Gudarzi, der mit seiner Hauptfigur die iranische Herkunft und den Anspruch teilt, Poet zu sein.

Der - letztlich wohl doch gefasste -Geleemann führt rastlose Gespräche von der Zelle aus. Jene mit dem jüdischen Mithäftling sind besonders interessant: Iran vs. Israel, eine brisante Auseinandersetzung. Reizvoll auch die Beobachtungen des Fremdsprachlers über das Deutsche als "großer Raum, in dem ich gefangen bin". Mit dem Plot aber meint es Gudarzi etwas zu gut: Was ist jetzt diese Affäre mit der SPÖ-Politikertochter: Traum? Rückschau? Material eher für eine Netflix-Serie als für einen 80-minütigen Theaterabend.

Regisseurin Maria Sendlhofer setzt auf totale Abstraktion: Zwei Spielerinnen und zwei Spieler mit denkbar unterschiedlicher Physis spielen alle Rollen abwechselnd. Statt Szenen bilden sie Tableaus mit tragbaren Wänden. Das ist ermüdend, schafft aber auch Atmosphäre. Und es ist schlüssig. Denn wie ein eingeölter Geleemann entgleitet einem auch dieser seltsame Text, je fester man ihn zu greifen versucht.

https://www.falter.at/event/887253/geleemann-die-zukunft-zwischen-meinen-fingern-buehne

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