Auch heuer wieder liegt die Stadt im Viennalefieber

Elf Tage, zehn Kinos, 200 Filme: Wie das Internationale Wiener Filmfestival der Pandemie trotzt

Michael Omasta, Sabina Zeithammer
FALTER:WOCHE, FALTER 43/20 vom 20.10.2020

Frei nach Schnitzlers „Traumnovelle“: Katrina Daschners rein visuelles Kurzfilmexperiment „Pomp“ aus der Kollektion der (abgesagten) Diagonale (Foto: Viennale)

Was das Kino vom bloßen Filmschauen unterscheidet, ist das Gemeinschaftserlebnis. Doch eben dieses letzte Alleinstellungsmerkmal des Kinos gegenüber dem Filmkonsum auf der Couch ist wegen der Pandemie akut gefährdet. „Die Viennale“, formuliert Eva Sangiorgi, künstlerische Leiterin des Wiener Internationalen Filmfestvials, das Credo der diesjährigen Ausgabe, „behauptet die Bedeutung geteilter Räume und die Wichtigkeit von Diskussion, sie behauptet sich gegen Isolation und Entfremdung.“

Dennoch ist heuer natürlich einiges anders. Es gilt Mund-Nasen-Schutz-Pflicht an allen Festivallocations, beim Kauf von Tickets sind E-Mail-Adresse respektive Mobilnummer anzugeben; dafür gibt es keine freie Sitzplatzwahl mehr, keinen Einlass nach Vorstellungsbeginn und leider auch kein Festivalzentrum.


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Zu den Besonderheiten des um drei Tage verkürzten, dennoch über 200 aktuelle Produktionen umfassenden Programms gehört, dass mehr Filme von Frauen denn je am Start sind und auch mehr Filme aus Österreich. Bei allen Erschwernissen der diesjährigen Ausgabe profitiert die Viennale ein wenig davon, dass viele andere Filmfestivals abgesagt oder ins Netz verlegt werden mussten: So kann man sich hier über die ein oder andere Erstaufführung zusätzlich freuen.

Dazu kommt eine Handvoll von Sonderreihen, die unter anderen dem Schaffen des unvergessenen Christoph Schlingensief, dem serbischen Undergroundfilmer Zelimir Zilnik oder der französischen Kamerafrau Isabel Pagliai gewidmet sind. Weiters bietet das Programm eine gewichtige Retrospektive, die unter dem Titel „Recycled Cinema“ eine Geschichte des sogenannten Found-Footage-Films erzählt, also des künstlerischen Arbeitens mit bereits existierendem Filmmaterial.

Stars sind Lichter am Himmel

Vom Gala-Ausrichten und Red-Carpet-Feeling hat Direktorin Eva Sangiorgi schon zuvor wenig gehalten, heuer fällt die Anreise der berühmten Gesichter (aus Hollywood) coronabedingt sowieso flach.

Doch auch auf der Leinwand sind die Stars ziemlich rar gesät: Frances McDormand spielt eine moderne Nomadin („Nomadland“), Elisabeth Moss eine Horrorautorin („Shirley“), Willem Dafoe einen Mann mit Lebenskrise („Siberia“). Katherine Waterston und Casey Affleck glänzen in „The World to Come“ über eine lesbische Liebe in Amerika um 1850, Mads Mikkelsen entdeckt in Thomas Vinterbergs „Druk“ Vor- und Nachteile des Alkohols.

Evan Rachel Wood und Richard Jenkins turnen durch das abgedrehte Indie-Drama „Kajillionaire“ von Miranda July, Andrew Garfield und Jason Schwartzman geraten in „Mainstream“ in die Abgründe der sozialen Medien. Und dann ist noch Dennis Hopper zu sehen, vertieft in ein langes Gespräch mit Orson Welles („Hopper/Welles“). Der beeindruckendste Star des heurigen Kinojahres ist aber sowieso die Hauptdarstellerin von Kelly Reichardts revisionistischem Western „First Cow“: eine sympathische Milchkuh namens Evie.

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Reden, Lesen, Widerstand

Zwei befreundete Männer, der Martin aus Wien und ein Anthony aus Amerika, spazieren in Ludwig Wüsts experimenteller Improvisation „3.30 PM“ durch die Stadt, gehen auf ein Bier in den Prater und reden dabei fast ohne Unterlass, während sie einander abwechselnd mit einer Bodycam aufnehmen: über Gott und die Welt, die Frauen und ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit.

Ein anderer Dialogfilm, allerdings mehr zum Lesen, ist John Gianvitos „Her Socialist Smile“, eine essayistische Annäherung an Leben und Werk der Amerikanerin Helen Keller, die als erste blinde und gehörlose Person ein Studium absolvierte und zur militanten Feministin wurde. Ausgiebig zitiert der Film aus ihren sozialistischen Kampfschriften, und zwar buchstäblich: Die eingeblendeten Passagen aus Kellers oft visionären Texten machen ein gutes Drittel dieses widerständischen Films aus der Kategorie You love to hate aus.

Beschaulicher geht es im Viennale-Eröffnungsfilm „Miss Marx“ zu, in dem Regisseurin Susanna Nicchiarelli die Geschichte von Eleanor, der jüngsten Tochter von Karl Marx, erzählt. Auch sie war eine feministische Vordenkerin, die sich in der Theorie allerdings erfolgreicher erwies als im Privatleben. Oder vielleicht gehört es ja zu den ungeschriebenen Gesetzen des biografisch inspirierten Erzählkinos, dass intelligente Frauen in ihren Beziehungen ganz einfach scheitern müssen?

Filmfest in Schwarz-Weiß

Eine ganz besondere Schönheit, Eleganz oder auch künstlerische Entrücktheit zeichnen Kinowerke in Schwarz-Weiß aus. Im Hauptprogramm sind sie heuer auffallend zahlreich vertreten – und haben ganz unterschiedliche Themen zum Inhalt. Die Bandbreite reicht vom französischen Liebesfilm „Le Sel des larmes“ über die grandiose Bauernhoftierdoku „Gunda“ bis zum Essayfilm „Her Name Was Europa“ rund um Wiederauferstehungsfantasien (des Auerochsen).

Über den Homo sapiens zwischen Menschlichkeit und animalischen Trieben erzählt Lav Diaz von den Philippinen in seinem Drama „Lahi, Hayop“ („Genus Pan“), von einem Arbeiteraufstand in der russischen Industriestadt Nowotscherkassk im Jahr 1962 das exzentrische Drama „Dorogie tovarishchi!“ („Dear Comrades“).

Ins Wien der 1960er-Jahre tauchen Tizza Covi und Rainer Frimmel mit „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ ein: Das Dokuporträt widmet sich dem Wienerlied-Sänger Kurt Girk und seinem legendären Freund Alois Schmutzer, beide mit Nähe zum Kriminal. Experimentell angehaucht ist das Drama „Ta fang jian li de yun“ („The Cloud in Her Room“), in dem eine junge Frau in einer chinesischen Megacity melancholisch durch die Tage driftet.

Shorts, wohin man schaut

So viele Kurzfilme wie in diesem Jahr gab es, jede Wette, in 57 Jahren bei der Viennale noch nie. Dafür ist nicht allein die Retrospektive „Recycled Cinema“ mit ihren rund 140 Titeln verantwortlich, die unter anderem Werke des kubanischen Filmrevolutionärs Santiago Álvarez, der französischen Impressionistin Cécile Fontaine und des unbedingt wiederzuentdeckenden Kanadiers Arthur Lipsett präsentiert. Auch der Film- und Theateraktionist Christoph Schlingensief war ein Meister der kurzen Form. Neben dessen Spielfilmen stehen auch rare frühe Arbeiten wie „Mensch Mami, wir dreh’n ’nen Film“ auf dem Programm.

Traditionell stark beim Festival vertreten ist die internationale Avantgarde, heuer etwa mit Werken von ­Pierre Creton, Ben Rivers und Friedl vom Gröller. Dazu kommen neue Arbeiten von Medienkünstler Lukas Marxt („Imperial Irrigation“) sowie von Altspatz Pedro Almodóvar, der mit „The Human Voice“ einen alten Einakter von Jean Cocteau bearbeitet hat. In der Hauptrolle spielt Tilda Swinton.

Frauen unterwegs (zu sich selbst)

Fünf Filme über Frauen, die sich auf eine Reise machen, bilden einen weiteren kleinen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals. Drei alte Freundinnen in verschiedenen Vororten von Seoul besucht die Protagonistin in „Domangchin yeoja“ („Die Frau, die rannte“), um ausgiebig mit ihnen zu tratschen.

Mit großer Einsamkeit zu kämpfen hat Haru, deren Familie im Zuge des Erdbebens und Tsunamis in Japan 2011 ums Leben gekommen ist. Gerade erwachsen geworden, macht sie sich im Roadmovie „Kaze no denwa“ („Voices in the Wind“) auf den Weg in ihren alten Heimatort. Von Pennsylvania nach New York reisen zwei Teenager in Eliza Hittmans „Never Rarely Sometimes Always“: Dort ist Minderjährigen eine Abtreibung ohne Zustimmung der Erziehungsberechtigten erlaubt.

Ein Leben mit einem festen Wohnsitz hat Fern (Frances McDormand) in „Nomadland“ hinter sich gelassen. Besetzt ist Chloé Zhaos unter anderem in Trailerparks angesiedelter Film großteils mit Laiendarstellern. Reisen, bis das Herz heilt, heißt es schließlich in „Ping jing“ („The Calming“). Nach dem Ende ihrer Beziehung sucht eine junge Filmemacherin Trost in japanischen Schneelandschaften und chinesischen Wäldern.

(Fast) alles ist politisch

Das politische Kino nimmt bei der Viennale seit jeher einen hohen Stellenwert ein – und noch mehr, so scheint es, unter der Leitung von Sangiorgi. Etwa ein Drittel der Werke im diesjährigen Hauptprogramm können dem dezidiert politischen Film zugeordnet werden. Die Inhalte reichen dabei von Kolonialismus („A Storm Was Coming“, „Sandlines, the Story of History“, „The Metamorphosis of Birds“) über Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen („Quo vadis, Aida?“, „Was bleibt“, „Notturno“) bis zu Vertreibung, Flucht und Heimatverlust („Desterro“, „Homelands“, „This Is My Desire“).

Mit der Sklaverei in Brasilien setzt sich „All the Dead Ones“ auseinander, mit der Todesstrafe im Iran „There Is No Evil“. Die Verbindungen großer Firmen zur argentinischen Militärdiktatur arbeitet Jonathan Perel in „Corporate Accountability“ auf. Nach Kuba blickt der Österreicher Hubert Sauper in „Epicentro“, zum World Economic Forum in Davos die gleichnamige Doku von Daniel Hoesl und Julia Niemann.

Eine waschechte Dystopie ist das absurd-abstrakte Drama „Numbers“ des Russen Oleg Sentsov, bei dem der – inzwischen aus der Haft entlassene – Regimekritiker noch per Brief und E-Mail aus einem Lager in Sibirien die Regieanweisungen gab.

Zu lang ist noch zu kurz

Wann, wenn nicht im Rahmen der Viennale, ist Zeit für Werke in Überlänge? Zum vorsichtigen Kennenlernen des diesjährigen Schwergewichts-Filmkleeblatts eignen sich „El año del descubrimiento“ („The Year of the Discovery“), mit dem Luis López Carrasco die jüngere spanische Geschichte in den Blick nimmt, und das im späten 19. Jahrhundert angesiedelte Drama „Malmkrog“ des rumänischen Regiesolitärs Cristi Puiu, in dem sich eine Gruppe Aristokraten in unendliche Gespräche verstrickt – beide mit rund 200 Minuten Länge.

Fortgeschrittenen sei „City Hall“ ans Herz gelegt, das neue Meisterwerk des US-Dokumentaristen Frederick Wiseman über die Bostoner Stadtregierung. Laufzeit: knackige viereinhalb Stunden. Richtig Sitzfleisch braucht man schließlich für das achtstündigen Drama „The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)“: C. W. Winter und Anders Edström haben ihr wunderbares Porträt der Arbeits- und Mußestunden einer Bäuerin über einen Zeitraum von 14 Monaten hinweg in einem japanischen Gebirgsdorf gedreht. Im Admiral-Kino wird der Monsterfilm gnädigerweise in zwei Teilen gezeigt.F


Tickets im Internet: www.viennale.at, per Telefon: 01/526 594 769


Gartenbaukino 1010, Parkring 12

Stadtkino im Künstlerhaus 1010, Akademiestraße 13

Urania 1010, Uraniastraße 1

Metro Kinokulturhaus 1010, Johannesgasse 4

Österreichisches Filmmuseum 1010, Augustinerstraße 1

Admiralkino 1070, Burggassse 119

Blickle Kino im Belvedere 21 1030, Arsenalstraße 1

Filmcasino 1050, Margaretenstraße 78

Le Studio – Film und Bühne 1090, Liechtensteinstraße 37

Votivkino 1090, Währinger Straße 12


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