„Sternspritzer brauchen wir keine“

Monika Helfer und Stefanie Sargnagel haben mit „Die Bagage“ und „Dicht“ zwei Romane des Jahres geschrieben. Der Falter bat die beiden österreichischen Autorinnen zum Gespräch

Klaus Nüchtern
FALTER:WOCHE, FALTER 52/20 vom 22.12.2020

Fotos: Isolde Ohlbaum, Apollonia Theresa Bitzan

Geht es nach Jahren, könnte Monika Helfer Stefanie Sargnagels Mutter sein. Zwischen den beiden liegen aber nicht nur knapp vier Jahrzehnte, sondern auch rund sieben Bahnstunden. Helfer wohnt mit ihrem Mann Michael Köhlmeier in Hohenems, wäre aber zu einer persönlichen Begegnung bereit gewesen, hätte man ihr nicht alle Wien-Termine kurz vor dem vereinbarten Treffen abgesagt, das unter Wahrung aller Sicherheitsvorkehrungen in der Falter-Redaktion stattgefunden hätte. Die Erstbegegnung von Helfer und Sargnagel konnte daher nur als Videokonferenz stattfinden.

Die zwei Autorinnen kamen dennoch schnell ins Gespräch. Grundlage dafür bot nicht zuletzt der Umstand, dass ihre heuer erschienenen Romane bei allen Unterschieden auch auffällige Gemeinsamkeiten aufweisen. Helfers „Die Bagage“ handelt von der eigenen kinderreichen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Herkunftsfamilie, die in einem Dorf im Bregenzerwald während des Ersten Weltkriegs nicht nur mit der allgemeinen Not, sondern auch der Missgunst und den Ressentiments ihrer Mitmenschen zurechtkommen muss.


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Stefanie Sargnagel lässt in „Dicht“ die eigene Schulzeit und Pubertät in den 1990er-Jahren noch einmal aufleben. Zugleich ist diese Coming-of-Age-Geschichte eine liebevolle Hommage an den sogenannten „Aids-Michl“, der trotz seiner HIV-Infektion stets eine dandyhaft-flamboyante Leichtfüßigkeit behält und zum Epizentrum einer Gemeinschaft von Außenseitern, Bohemiens und Schulschwänzern wird.

Falter: Monika Helfer wurden die geplanten Wien-Auftritte abgesagt, aber Sie konnten kürzlich eine Reise in die Schweiz unternehmen, Frau Sargnagel?

Stefanie Sargnagel: Ja, zu viert und getestet im Auto, mit wenigen Kontakten. Es war eine Recherchereise, weil wir beauftragt wurden, die Sage vom Sennentuntschi für das Theater neu zu bearbeiten.

Bitte was?

Sargnagel: Das Sennentuntschi. Das ist eine Sage, in der es darum geht, dass sich einsame Sennen auf der Alm eine weibliche Strohpuppe zu ihrem Vergnügen basteln, die lebendig wird und sich rächt, indem sie ihnen die Haut abzieht und sie umbringt.

Monika Helfer: Das Sennentuntschi ist eine Art Sexpuppe?

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Sargnagel: Genau. Wir haben auch eine aufblasbare Puppe männlichen Geschlechts mitgenommen.

Helfer: Wie fanden Sie die Schweizer?

Sargnagel: Wesentlich freundlicher als die Wiener.

Helfer: Die Schweizer sind doch grantig!

Sargnagel: Echt?

Helfer: Zu uns sind sie immer grantig. Verstehen Sie das Schwyzerdütsch?

Sargnagel: Ich habe eine Schweizerin zur Freundin, dadurch geht das ganz gut.

Helfer: Ach, genau, die kommt ja auch in Ihrem Buch vor. Hat die wirklich drei Kinder?

Sargnagel: Ja. Die meisten Figuren gibt es auch in der Wirklichkeit, wobei manche ein bisschen geremixt wurden.

Zwischen Ihren beiden Büchern gibt es einige Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel, dass sie unverhohlen autobiografisch sind. Wobei der Abstand zum Geschehen bei „Die Bagage“ zwei Generationen und bei „Dicht“ zwei Jahrzehnte beträgt. Braucht es diese Distanz, um darüber schreiben zu können?

Helfer: Bei mir schon, weil es heikel ist, über die eigene Familie zu schreiben. Und obwohl bei mir viel Fiktion ist, habe ich mir gedacht: Es ist besser, die sterben, bevor ich anfange zu schreiben.

Sie haben quasi darauf gewartet, dass Ihre Verwandten sterben?

Helfer: Irgendwie schon. Ich wollte ja niemanden verletzen.

Sargnagel: Bei mir ist es eher umgekehrt: Ich brauche das unmittelbare Erleben und konnte über so etwas weit Zurückliegendes nur schreiben, weil ich so viele Aufzeichnungen und Tagebucheinträge hatte.

Helfer: Ich fand ihr Buch sehr erfrischend und habe es total gern gelesen.

Sargnagel: Das freut mich.

Helfer: Sie geben allerdings nicht wirklich was preis von Ihrem Gefühlsleben.

Sargnagel: Das haben einige von meinen Freunden auch angemerkt, aber ich hatte da einfach nicht so viel zu berichten.

„Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst“, sagt Annie Ernaux im Buch „Die Scham“. Würden Sie dem zustimmen?

Sargnagel: Ja. Mir ist das wirklich schwer gefallen, weil ich tatsächlich nicht wusste, wie ich damals war.

Helfer: Das glaube ich nicht. Sie haben einfach Ihr Ich ziemlich zubetoniert. Es geht ja auch niemanden was an. Wann ist dieser Michi den gestorben?

Sargnagel: 2014. Wir hatten noch Kontakt, auch wenn wir uns nicht mehr so oft getroffen haben. Am Ende war er recht nüchtern und ist in eine Zahlen- und religiöse Mystik reingekippt.

Helfer: Sie hatten aber nie Sex mit ihm?

Sargnagel: Der war kein so sexuelles Wesen für uns.

Helfer: Den Eindruck hatte ich auch.

Die Treffen in Michis Wohnung sind aus heutiger Sicht der glatte Wahnsinn: 30 Menschen auf 30 Quadratmetern!

Helfer: Diese vielen jungen Menschen – ein Albtraum! Aber der mochte das?

Sargnagel: Am Anfang haben sich auch alle ziemlich gehen lassen, auf den Boden geascht und nicht sehr viel Respekt vor dem Eigentum anderer gezeigt. Michi musste uns schon etwas erziehen.

Rückblickend ist es erstaunlich, was man in seiner Jugend alles hingenommen und wie viel Geduld man aufgebracht hat.

Helfer: Dieses Übermaß an Empathie, das alle zeigen, finde ich absolut rührend. Ich hätte einfach nicht mehr den Nerv, das alles über mich ergehen zu lassen.

Sargnagel: Solidarität entsteht manchmal einfach auch deswegen, dass man in diesem Alter gar keine anderen Möglichkeiten hat, als die Kohle aufzuteilen oder zu dreißigst in einer kleinen Wohnung zu sitzen – weil es eben keine größere gab. Wir sind dort aber schon auch ein bisschen sozialarbeitermäßig geschult worden. Ich merke heute noch, dass ich im Alltag viel gelassener reagiere, wenn jemand auszuckt. Gegenüber den ganzen Übergriffen und sexistischen Kommentaren, die wir uns seinerzeit haben bieten lassen, wäre ich heute allerdings viel weniger tolerant.

In Ihrem Buch, Frau Helfer, geht es wesentlich aggressiver zu: „Die Bagage“ sind eindeutig die, die buchstäblich ganz am Rand des Dorfes situiert sind und sich gegen den Rest der Welt behaupten müssen.

Helfer: Genau. Die „Bagage“ hat man einfach nicht gemocht. Die haben halt das Ihre gemacht: Sie waren stolz, stark und stur. Aber es ist ihnen trotzdem sehr schlecht gegangen.

Die wichtigste Auskunftsperson ist Ihre Tante, die im Unterschied zu Ihrer Mutter über eine sehr starke Konstitution verfügte und ein greisenhaftes Alter erreicht hat.

Helfer: Als die im Alter endlich zu erzählen begann, ist sie übermütig geworden. Die hat einfach drauflosfabuliert, was mir natürlich sehr entgegengekommen ist: Ihre Erfindungen habe ich sehr gerne angenommen.

Wie konnten Sie überhaupt Fakten von Fiktion trennen?

Helfer: Ich hab viel von meiner Schwester erfahren, die in der Verwandtschaft weit besser integriert war als ich. Meine Mutter war wirklich ein Kind, das nicht hätte sein sollen und mit dem ihr Vater nie gesprochen hat – was sich fortgesetzt hat: Sie war eine merkwürdige Frau, die nie mit uns geredet hat. Die war schon als Kind komisch, aber wie auch nicht?! Mein Großvater hat auch auf dem Totenbett nicht geglaubt, dass meine Mutter sein Kind ist. Das ist schon sehr traurig.

Die Angehörigen der „Bagage“, also Ihrer Familie, sind alles andere als makellos, aber dennoch ist es ein bisschen eine Heldengeschichte, oder?

Helfer: Ja, das ist komisch. Es gibt ein Foto von meinen Onkeln, die sind am Sonntag immer fast so mafiosomäßig aufgetreten: schwarzer Anzug, weißes Hemd. Das hat mir schon imponiert. Die waren auch im hohen Alter noch sehr stabile und saftige Männer.

Wie gleicht man Fiktion und Projektion dann mit den Fakten ab?

Helfer: Das ist schon schwierig und man muss sich wirklich zur Zucht rufen, weil man es nicht verherrlichen darf. Die waren schon auch ungute Typen. Aber das eine mit dem anderen zusammenzubringen war natürlich spannend.

Dafür gibt es den schönen Begriff der „Ambiguitätstoleranz“: das Vermögen, es einfach auch auszuhalten, das Menschen nicht nur „gut“ oder nur „böse“ sind.

Helfer: Das trifft natürlich auf die ganze Menschheit zu: Wir sind alle grau.

Für mich war die sogenannte „Handke-Debatte“ ein Beleg dafür, dass das Bedürfnis, ein finales und eindeutiges moralisches Urteil zu fällen, unschön weit verbreitet ist.

Helfer: Ich nehme ihn als Schriftsteller wahr. Dass er daneben gerne unglaublich cool sein will und bei jedem Interview die Sau rauslässt, ist eine andere Sache. Ich höre ihm gerne zu, weil er so frech ist, aber den Nobelpreis hat er ja nicht für seine Frechheit gekriegt oder seine politische Unkorrektheit. Ich finde, das muss man trennen.

Sargnagel: Ich kenne viele Leute – auch Kolleginnen und Kollegen von der Akademie –, deren Sachen ich super finde, die ich aber für unangenehme Menschen halte. Ich werde als Feministin wahrgenommen und damit wird unterstellt, dass ich für alles stehe, was aus dieser Ecke kommt. Ich wollte mit meinem Buch aber schon auch zeigen, dass nicht alles immer so klar ist. Dieser Rainer, der da vorkommt, hat uns Mädchen eigentlich die ganze Zeit sexuell belästigt, aber er hat eine gewisse Grenze nie überschritten und war zugleich irgendwie sympathisch.

Eine Gemeinsamkeit Ihrer Romane besteht darin, dass beide nicht sehr umfangreich sind.

Helfer: Ich bin kein epischer Mensch, sondern ungeduldig und will immer gleich fertig werden. Ich kann keine langen Bücher schreiben.

Sargnagel: Ich hätte schon noch ganz gerne etwas mehr erzählt, aber mir ist die Zeit davongelaufen.

Wie viel Ungeduld kann man sich beim Schreiben leisten und wie viel Geduld braucht es dann doch?

Helfer: Als Mutter von vier kleinen Kindern findet man sehr schwer Zeit zum Schreiben. Da notiert man sich halt untertags was auf Zettel, und wenn man nicht einschläft, tippt man es in den Computer – oder klopft es in die Schreibmaschine, wie das seinerzeit der Fall war. Heute habe ich viel Zeit, könnte ewig schreiben, bin aber trotzdem bei der knappen Form geblieben. Ich schreibe gerne mitten in der Nacht. Ich wache auf, es ist sehr leise und ich kann mich gut konzentrieren. Dafür schlafe ich in der Früh ziemlich lang.

Wie hoch ist denn der mindestens nötige Output?

Helfer: Wenn ich nicht zumindest zwei Seiten zusammenbringe, kann ich gleich wieder ins Bett gehen. Wenn es gut läuft, schaffe ich vielleicht auch eine dritte oder sogar vierte.

Sargnagel: Kurze Texte gehen eigentlich immer, aber bei längeren muss ich mich schon zwingen, drei Seiten zu schreiben, damit einfach mal Material da ist – das man später noch immer kürzen oder rauswerfen kann.

Welche Rolle spielt der Ort des Schreibens für Sie?

Sargnagel: Für den Roman habe ich mir ein Schreibatelier in Meidling ohne Internetanschluss genommen. Da ist man dann nicht ständig von zig Menschen auf hunderten Kanälen abgelenkt.

Helfer: Brauchen Sie die Menschen zum Schreiben?

Sargnagel: Im Prinzip schon, weil ich ja was erleben muss, um Stoff zu haben. Fürs konzentrierte Arbeiten natürlich nicht. Wie ist das bei Ihnen?

Helfer: Ich brauche sie als Objekt der Beobachtung. Wenn ich sieben Stunden im Zug sitze, habe ich wieder Material zum Schreiben. Zum Kommunizieren brauche ich sie nicht mehr so.

Viele wollen uns die Corona-Krise als Chance zur Umkehr, zur Besinnung auf das wirklich Wichtige verkaufen. Haben Sie etwas gelernt? Etwas über sich erfahren?

Helfer: Ich weiß über mich ziemlich gut Bescheid, da kann auch eine Pandemie nichts ausrichten. So zu tun, als ob einen das Virus zu einem besseren Menschen machen könnte, ist doch Unsinn.

Sargnagel: Keine Ahnung. Ich beobachte nur, dass es allen zusetzt, auch jenen, die man immer als sehr stabil wahrgenommen hat. Ich muss mich um kein Homeschooling kümmern und treffe auch Leute, mit denen ich spazieren gehe. Es macht mich aber trotzdem mürbe. Man merkt auch, dass man sich wenig zu sagen hat. Dafür schaut jetzt zum ersten Mal meine Wohnung tatsächlich wie eine Wohnung und nicht wie ein Lager aus. Wirklich kreativ zu arbeiten fällt mir sehr schwer. Ich habe aber eh gerade ein Buch gemacht und kann mich jetzt ruhigen Gewissens der Inneneinrichtung widmen.

Apropos fertigstellen: Wenn Sie ein Buch zu Ende bringen, herrscht dann Euphorie vor oder eher Depression?

Sargnagel: Ich war einerseits sehr ängstlich – wie geht’s dem Baby jetzt alleine in so einer grauslichen Welt? –, andererseits aber schon euphorisch. Die Resonanzen waren sehr positiv, und nachdem es zurzeit nicht viel gibt, worüber man sich freuen kann, finde ich es schon ziemlich positiv, dass das Buch gut läuft und ich finanziell abgesichert bin.

Helfer: Ich bin schon gefährdet abzustürzen. Diesmal habe ich mich damit getröstet, indem ich einfach weitergeschrieben habe. Ich habe mich an meinen Vater erinnert und ganz schnell ein Buch über ihn geschrieben, das mir gut von der Hand ging und das im Jänner auch schon herauskommt. Danach mache ich ein drittes über meinen Bruder. Und danach werde ich eh bald sterben, weil es geht ja nicht ewig so weiter.

Welche Rituale helfen Ihnen, den Lockdown zu ertragen?

Helfer: Wie sonst auch gehe ich jeden Tag auf den Berg und wieder runter, eineinhalb Stunden. Das ist gut fürs Hirn und für die Beine. Mehr brauche ich nicht.

Sargnagel: Ich habe keine fixe Struktur. Einmal bin ich auf Lesetour, dann muss ich was arbeiten, dann habe ich wieder zwei Wochen komplette Freiheit. Das Einschneidendste ist, dass die Beisln geschlossen haben.

Betrinken Sie sich jetzt zuhause?

Sargnagel: Das finde ich öd. Der Kater in der Pandemie ist noch deprimierender. Außerdem sind das ur anstrengende und sinnlose Räusche. Sobald man etwas getrunken hat, will man auch auf Lepschi gehen! So sitzt man zu zweit zuhause und kann nichts machen, außer ein bissl Austropop gemeinsam zu singen.

Helfer: Man wird sentimental und weint, oder?

Sargnagel: Es bleibt eigentlich nicht viel, außer auf Tinder Männer anzuschreiben. Um die Häuser ziehen und schauen, was der Zufall so bringt, geht gerade nicht.

Sie hatten allerdings beide Glück im Unglück, weil Ihre Bücher von den Lockdowns nicht unmittelbar betroffen waren: Die Buchhandlungen waren offen, sie wurden besprochen und gekauft, und Sie haben sogar ein paar Lesungen?

Helfer: Sehr wenige. Ich habe sicher über 40 abgesagt. Das ist viel Geld, und natürlich hätte ich gerne in Hamburg oder Berlin gelesen, aber die Leute mögen mein Buch, und das macht mich ganz glücklich.

Sargnagel: Bei mir ist es ganz ähnlich. Ich bin aber gar nicht so scharf darauf, aus dem Buch zu lesen, weil ich davor immer kurze, pointierte Sachen geschrieben habe. Das war schon fast wie Stand-up-Comedy. Und jetzt ist das auf einmal so berührend …

Geniert Sie das?

Sargnagel: Na ja, die Leute kommen alle, weil sie denken, dass es lustig wird, und dann gibt es eine einstündige Prosalesung, bei der sich alle konzentrieren müssen. Es macht viel weniger Spaß, als etwas vorzulesen, bei dem alle lachen.

Ich fand gerade gut, dass Sie Ihre eigene Jugend nicht verwitzelt oder zwangsironisch aufgeputzt haben.

Helfer: Da gebe ich Ihnen recht!

Sargnagel: Ich wollte aber auch nichts verklären und hatte Angst, dass es vielleicht kitschig wird.

Helfer: Nein, das ist es nicht. Lassen Sie denn beim Lesen auch manchmal ein paar Zeilen aus, weil Sie mit denen nicht mehr zufrieden sind?

Sargnagel: Ja, wenn ich beim Lesen finde, dass ein anderes Wort besser klingt, mache ich das schon.

In einem Roman gibt es letztlich ja nicht viel mehr als fünf, sechs Stellen, die sich wirklich gut zum Vorlesen eignen. Langweilt man sich da nicht selber, wenn man die Abend für Abend vortragen muss?

Helfer: Man merkt natürlich, was zieht, nimmt dann immer dieselbe Route und kommt sich dabei schon leer vor – weil man sich selber nicht mehr überraschen kann. Indem ich manchmal eine Zeile auslasse und einen neuen Anschluss suchen muss, mache ich es für mich wenigstens ein bisschen spannender.

Sargnagl: Man kriegt eigentlich erst durch die vielen Lesungen mit, wie eine coole Dramaturgie aussieht, und traut sich dann auch, dazwischen etwas mehr zu erzählen. Am Ende einer Tour hat man das optimiert. Das mag ich eigentlich ganz gern.

Helfer: Aber ein bisschen wie ein Kasperl kommt man sich schon vor, weil man auf einmal Schauspielerqualitäten an sich entdeckt und beginnt, die Stimme zu verstellen.

Sargnagel: Ich bin eigentlich gerne Kasperl. Je souveräner man ist, umso mehr kann man das so gestalten, dass man sich auch selber amüsiert.

Wie wichtig sind denn die Publikumsreaktionen?

Sargnagel: In einem Saal zu lesen, in dem es vollkommen ruhig bleibt, ist tausendmal anstrengender. Ich finde es auch cool, wenn Musik dabei ist oder ein Gespräch, damit es nicht so super andächtig wird. Da fühle ich mich unwohl.

Helfer: Natürlich freue ich mich, wenn es gut ankommt. Aber ich lese halt mein Zeug und bin eigentlich froh, wenn ich wieder abhauen kann. Ich kokettiere auch nicht mit dem Publikum, das ist nicht meins.

Aber das Publikum und die Veranstalter haben doch den Anspruch, dass man die Autorin angreifen, mit ihr reden und noch was trinken gehen kann?

Helfer: Das brauche ich überhaupt nicht.

Sie haben keine Angst, als unhöflich oder arrogant zu gelten?

Helfer: Ja gut, ich gehe schon manchmal mit, aber aus purer Höflichkeit. Ich bin froh, wenn ich wieder in meinem Hotelzimmer zurück bin und fernsehen kann.

Sargnagel: Ich gehe kaum noch allein auf Tour, und das macht es viel angenehmer. Christiane Rösinger und Denice Bourbon, mit denen ich manchmal unterwegs bin, sind totale Bühnenprofis und übernehmen dann auch den Smalltalk für mich.

Ich habe im Zeit-Magazin die SMS-Konversation von Frau Sargnagel mit ihrer Lektorin gelesen und mich wahnsinnig geärgert: Wie kann jemand dermaßen pushy sein? Der Druck auf Autorinnen, ständig zur Verfügung zu stehen, ist schon sehr groß, oder?

Helfer: Ich fand das auch blöd. Die haben kein Gespür dafür, und eigentlich müsste man sich wehren – wenn man’s könnte.

Sargnagel: Ich hatte damals gerade einen Filmdreh und daher wirklich keine Zeit. Ich fand sie auch etwas streng, aber für mich ist das vielleicht ganz gut, sonst würde ich einfach sagen: „Ist doch wurscht.“

Aber genau das darf man nicht mehr sagen. Bei manchen Preisen ist sogar vertraglich festgelegt, dass man diesen ganzen Verpflichtungen nachzukommen hat, wenn man sie annimmt.

Helfer: Man sollte sich dem eigentlich verweigern, ist aber eben eitel und denkt sich: Ha, vielleicht verkauft sich mein Buch dann noch besser … Vor diesem Blödsinn ist man nicht gefeit.

Wollen wir zum Abschluss über Weihnachten sprechen? Die ganze Pandemie-Politik richtet sich danach aus, dass Weihnachten gefeiert werden kann und das Weihnachtsgeschäft nicht sabotiert wird. Welchen Stellenwert hat Weihnachten für Sie?

Helfer: Die Osterhasenchristkindzeit ist für mich gelaufen, weil ich ja keine Kinder mehr im Haus habe. Wenn die Enkel kommen, kriegen sie was geschenkt, sitzen unterm Christbaum, und alle sind glücklich. Mir selber ist das wurscht. Wenn ich mit dem Michael allein bin, haben wir auch einen Weihnachtsbaum – wir sind ja altmodische Menschen –, aber Sternspritzer brauchen wir keine.

Mit den erwachsenen Kindern zusammensitzen hat doch auch was?

Helfer: Ich bin ja eine Glucke und hätte am liebsten, wenn alle da wären und ich sie bekochen könnte. Aber wenn’s nicht geht, dann geht’s halt nicht.

Sargnagel: Ich habe keine Omas und keine Kinder, für die ich das machen müsste. Für mich ist das nicht so bedeutsam.

Helfer: Für die Mama?

Sargnagel: Die seh ich eh häufig. Es ist schade, aber nicht schlimm, wenn wir uns zu Weihnachten nicht sehen. Ich fahre immer aufs Land zu meiner Großfamilie, das find ich schon schön.

Helfer: Sind Sie dort der Star?

Sargnagel: Schon. Es heißt dann: „Ah, die Berühmtheit ist wieder da!“ Mir ist das ein bisschen peinlich.

Helfer: Die sind doch sicher stolz?

Sargnagel: Ja, die stehen eigentlich hinter mir, obwohl es in meinen Texten auch viel um Drogen und um Privates geht. Aber sie kennen mich und sind sicher nicht sehr überrascht.

Ihre Mama beklagt sich nicht, dass Sie über so arge Sachen schreiben?

Sargnagel: Bei „Dicht“ habe ich sie stark vorgewarnt. Aber sie hat eh alles gewusst. Und ich kann auch immer sagen: „Schau, es ist ja doch was aus mir geworden!“F


Monika Helfer, 73, lebt als Schriftstellerin in Hohenems. Sie hat Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Kinderbücher verfasst und wurde dafür vielfach ausgezeichnet. Ihr Buch „Oskar und Lilli“ wurde 2018 unter dem Titel „Ein bisschen bleiben wir noch“ verfilmt

Monika Helfer: Die Bagage. Hanser, 160 S., € 19,90


Stefanie Sargnagel, 34, ist eine Wiener Autorin und Zeichnerin. Sie hat bei Daniel Richter Kunst studiert, wurde durch launige Facebook-Statusmeldungen bekannt und erhielt 2016 den Publikumspreis beim Bachmann-Wettlesen. „Dicht“ ist ihr erster Roman

Stefanie Sargnagel: Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin. Rowohlt, 256 S., € 20,60

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