UND IMMER WIEDER GRENZEN

Den Schauspieler und Musiker Robert Stadlober führte die Pandemie zurück in sein steirisches Kinderzimmer

ROBERT STADLOBER
FALTER:WOCHE, FALTER 05/21 vom 03.02.2021

Lars Dreiucker

Ich bin sehr müde, und bald ist wieder Frühling. Manche Vögel tun so, als sei es bereits soweit. Da ist unsere Dusche in Berlin, mit dem offenen Fenster am Morgen, vor dem auch ein Vogel so tat, vor fast einem Jahr. Und da ist das Radio in der Küche, aus dem die Nachrichten sagen, dass die Situation ernster wird. Da ist ein Gespräch beim Kaffee am Küchentisch, das sich lächerlich nach Fernsehapokalypse anfühlt. Da sind wir, wie wir grinsend beschließen, in die Steiermark zu fahren, ein "Lockdown" stehe bevor. Vielleicht. Ist am Land sicher besser auszuhalten.

Da bin ich auf unserem Balkon, am Telefon, wie ich alles absage, für die nächsten Wochen. In dem Moment noch ein erhabenes Gefühl. Da ist das ganze Zeug, das wir wirr ins Auto stopfen. Zeug, von dem wir glauben, dass wir es vielleicht brauchen werden, wofür auch immer, wann auch immer. Da sind wir mit den Kindern im Auto, in der Nachmittagssonne. Auf dem Weg in den verfrühten Osterurlaub, wie wir lachend sagen, als wir die Alpen sehen.

Und da bin ich mit meinem Vater, wie früher vor dem Fernseher, im Wohnzimmer meiner Kindheit. Wir schauen die "ZiB". Die Kinder schlafen schon. Die Männer im Fernsehen sagen, dass die Grenzen geschlossen werden. Die Grenzen.

Da bin wieder ich, noch in Berlin, wie ich an einem Theaterabend über den deutschen Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001) arbeite, ein Gedicht von ihm lese, spätabends auf der Straße im Scheunenviertel, ganz nah bei der Synagoge. Es heißt "Ich aber ging über die Grenze" und handelt von seiner Flucht vor den Nazis. Und von seiner Wut auf die, die die Grenzen gezogen haben, über die er fliehen musste. Die Grenzen.

Und da bin wieder ich, in meinem alten Kinderzimmer, spätnachts, mein Vater schläft schon. Ich lese erneut Stefan Heym. Seine Autobiografie, die hier schon stand, als ich noch gar nicht lesen konnte. Und er schreibt von Wut und Scham und Sehnsucht, vom Zerrissenwerden zwischen dem, was richtig scheint, und dem, was offensichtlich falsch ist. Und von der Kraft des Erinnerns.

Erinnere ich mich jetzt von hier, dem 21. Jänner 2021, an diesen Moment dort im März letzten Jahres, kommt es mir vor, als fließe in ihm alles kaum fassbar zusammen. Zerfließe gleichzeitig aber auch wieder in der Zeit seitdem. Hinein in die Zeit, die noch kommen wird.

Meine Tochter, die das Laufen lernt, auf der gleichen Wiese, auf der auch ich laufen gelernt habe. Wie wir ihr dabei zusehen, lachen und uns küssen und durch meine Kinderspielsachen wühlen. Ohne diese durchgewürfelte Welt da draußen wäre das nie passiert. Unser Glück oben auf dem Berg, mit meinem Vater. So nah, so lang, so schön. Und von da oben, aus unserer Isolation, so eigentümlich weit weg die Welt da draußen. Und dennoch immer ganz da. Über die Screens, die Bilder, die Ticker.

Aus Norditalien erst und bald aus der ganzen Welt. Die starken Männer hier und dort, die all das nicht glauben oder glauben wollen. Sich auflehnen gegen etwas, gegen das nicht anzukommen ist. Und viele, die sich auflehnen mit einem Mal, die sonst immer still waren. Still sind, wenn es um Dinge geht, gegen die anzukommen wäre. Selbst im nahen Umfeld sind sie.

Und immer wieder Grenzen. Die für die einen gelten, für die anderen nicht. Und Stefan Heym. Über dessen frühe Gedichte sich in den ersten Monaten des seltsamen vergangenen Jahres Melodien gelegt haben. Melodien, die ich schließlich spielen konnte, mit Freundinnen und Freunden im Sommer, als kurz alles wieder leicht war. Im Stall bei uns im Dorf erst, dann im Innenhof des Gasthauses und schließlich einmal sogar in einem Theater in einer Stadt, bevor wieder alles zu war.

Diese Texte, die mich, die uns über dieses Jahr gebracht haben. Diese Lieder, die wir schließlich aufgenommen haben, für eine Platte. In einem nebligen November ganz nah an einer Grenze. Wenn ich diese Lieder jetzt hier höre und im selben Moment die Bilder von den geschlossenen Grenzen für die vielen sehe, von den Lagern, die eingerichtet werden für die, die gegen diese Grenzen anrennen, von den wenigen, frage ich mich, wem sie eigentlich gehören, die Grenzen. Wem sie dienen und wofür. Und ich ahne, dass keine Grenze uns je schützt vor irgendetwas. Schützen wird uns nur, sie zu überwinden.

An die zurückliegenden und noch kommenden Monate denkend, weiß ich, wie schön es ist, mit anderen zu sein. Mit anderen zu denken, zu sprechen, zu träumen. Und wie schrecklich, wenn das nicht möglich ist. Wenn wir voneinander getrennt sind. Allein. Ich hoffe, dass es das ist, was bleiben wird aus dieser Zeit. Dass alles, was gelungen ist, was schön war, sein wird, nur ging und geht, weil es gemeinsam getan wurde und wird. Wir zueinander kommen können, immer und überall, egal, woher jemand ist, und egal, wohin jemand geht.

Alle die, die mir nah waren in diesem Jahr und viel zu weit weg, alle meine Liebsten, sie sind meine Festung. Diese Festung ist grenzenlos und uneinnehmbar. Und es gilt sie zu verteidigen.

Ja, ich bin wirklich sehr müde, aber ich will mich an alles erinnern.

Robert Stadlober, 38, ist ein österreichischer Schauspieler und Musiker. Als Teenager in den Hauptrollen der deutschen Erfolgsproduktionen "Sonnenallee"(1999) und "Crazy"(2000) bekannt geworden, konzentrierte er sich später vermehrt auf Arthouse-Filme und Theaterarbeiten. Mit seiner Indierockband Gary hat Stadlober mehrere Alben veröffentlicht

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