"Wir haben den Elefanten restauriert"

Die Direktorin des Naturhistorischen Museums Wien über gefräßige Haie und die Evolution von Corona

INTERVIEW: MATTHIAS DUSINI
Lexikon, FALTER 06/21 vom 10.02.2021

Die Biologin Katrin Vohland, Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien (NHM), sitzt gerade im Zug, als sie der Videoanruf des Falter erreicht. Vor knapp einem Jahr zur Leiterin von Österreichs wichtigstem naturkundlichem Museum bestellt, besucht Vohland ihren früheren Wohnsitz in Potsdam; zwei ihrer drei Kinder bereiten sich gerade auf das Abitur vor.

Die 52-Jährige ist Expertin für Artenvielfalt und Klimawandel. Am Berliner Museum für Naturkunde leitete sie den Forschungsbereich Museum und Gesellschaft, mithin jenen Bereich, der Fachwissen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht. In der ganzen Welt gilt die deutsche Institution als Vorbild für die Vermittlung von Wissenschaft. Nun will Vohland auch die Dauerausstellung im Naturhistorischen Museum Wien modernisieren.

Falter: Frau Vohland, wie erklären Sie einem zehnjährigen Kind, warum es in das vor 132 Jahren eröffnete Naturhistorische Museum Wien kommen soll?

Katrin Vohland: Weil wir eine große Vielfalt von Tieren und Mineralien aus aller Welt haben. Der Dinosauriersaal ist für Kinder sicher am spannendsten. Sie sammeln ja auch oft Plastikdinosaurier und bekommen bei uns einen ersten Eindruck von der Millionen Jahre alten Erdgeschichte.

Wenn ich Vögel und Würmer sehen will, gehe ich in den Wald. Warum sollte ich ins Museum?

Vohland: Sehen Sie da wirklich Tiere? Da haben Sie bei uns mehr Chancen. Man kann die Objekte aus großer Nähe betrachten. Die Kinder sehen die Krallen und das Fell der Tiere und bekommen einen Eindruck von der Größe, was selbst im Zoo in dieser Form nicht möglich ist. Wir haben jetzt gerade den Elefanten restauriert, ein Tier von beeindruckenden Ausmaßen. Bei den Fischen gibt es eine kleine Show über Haie. Den Kindern werden die Nahrungsnetze der Haie erklärt, etwa dass sich verschiedene Haiarten gegenseitig fressen. In einem Haibauch können sich so auch noch Räuber und Beute treffen. Faszinierend.

Gibt es bei den Dinosauriern etwas Neues?

Vohland: Wir übernehmen aus Hannover im Herbst eine Ausstellung mit dem Titel "Kinosaurier. Zwischen Fantasie und Forschung", in der es um die Präsentation von Dinosauriern in Kino und Fernsehen geht. "Jurassic Park","King Kong" oder "Familie Feuerstein" haben unsere Vorstellungen von Dinosauriern stark geprägt. Aber entsprechen diese Bilder auch der Forschung? Als absolutes Highlight werden wir den ersten europäischen Dinosaurier ausstellen, einen Plateosaurier. Die Knochen werden gerade in der hauseigenen Präparation montiert.

Was wollte das Museum dem Publikum ursprünglich erzählen?

Vohland: Wir laufen durch die Geschichte des gesamten Universums. Es fängt mit der Anorganik an: Die Meteoriten sind Botschaften aus der Tiefe des Weltalls. Weiter geht es mit der Paläobiologie, der Entstehung von Leben auf der Erde. Dann läuft man den Stammbaum der Evolution entlang. Der Gründungsdirektor Ferdinand von Hochstetter war einer der ersten Wissenschaftler, die Charles Darwins Theorie ernst genommen haben.

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Warum gibt es in Ihrem Museum derart viele Vitrinen?

Vohland: Das NHM wollte die Vielfalt der Artengruppen zeigen, und die Ordnung der Vitrinen folgte der Systematik der Natur, was sich nicht jedem auf den ersten Blick erschließt. Wir werden in Zukunft weniger Objekte präsentieren und dafür mehr den Prozess der Evolution darstellen. Ganz wollen wir das Vitrinenprinzip aber nicht aufgeben, denn den Überblick über das gesamte Tierreich gibt es nur mehr in ganz wenigen Museen. Das ist etwas Besonderes. Damit die Kinder in die Vitrinen reinschauen können, haben wir teilweise Hocker angebracht. Bei den Mineralien gibt es UV-Licht, wodurch die Steine fluoreszieren.

Warum sehen Vögel unterschiedlich aus?

Vohland: Das lässt sich anhand der Schnäbel gut darstellen, was bereits Darwin erkannte und woraus er seine Theorie entwickelte. Die Schnäbel geben darüber Auskunft, welche Nahrungsnischen sich Vögel gesucht haben, weswegen sich in der Folge eigene Gruppen gebildet haben. Ein Thema, das uns derzeit beschäftigt, sind Krankheiten, die ebenfalls die Evolution der Tierwelt stark geprägt haben.

Wann wird das Coronavirus bei Ihnen zu sehen sein?

Vohland: Das dauert noch etwas, aber wir beschäftigen uns tatsächlich mit der Co-Evolution von Viren und Menschen. Dabei können wir auf die anatomisch-pathologische Sammlung des Narrenturms zurückgreifen. Die Ärzte haben bereits im 19. Jahrhundert damit begonnen, Lungengewebe von Tuberkulosekranken zu entnehmen und aufzubewahren. So lässt sich heute mit modernen genetischen Methoden analysieren, um welchen Typ von Tuberkulose es sich handelte. Auf ähnliche Weise könnte man versuchen, die Evolution des Covid-19-Virus darzustellen.

Warum gelten Fledermäuse als Ursprung von Corona?

Vohland: Viren kommen meist von Tieren. Die Pocken stammen wahrscheinlich von den Kühen. Man nimmt an, dass Aids ausgebrochen ist, als Menschen Affen aßen. Und Fledermäuse waren als Träger der Coronaviren bekannt. Wildtiere wurden immer gegessen, aber jetzt kommt die hohe Mobilität der Bevölkerung hinzu. Wenn früher eine Fledermaus gegessen wurde, die mit einem Ebolavirus infiziert war, wurde eine kleine Gruppe Menschen krank, und das war's. Heute kann sich ein Virus auf dem ganzen Planeten ausbreiten.

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