"Die Premiere wird nicht stattfinden"

Der Geiger Aliosha Biz blättert durch Tagebuchaufzeichnungen der vergangenen zwölf Monate

ALIOSHA BIZ
FALTER:WOCHE, FALTER 07/21 vom 17.02.2021

Foto: Aliosha Biz

Es ist der 14.2.2020, ich habe kein gutes Gefühl. Meine Frau schickt mich zum Supermarkt: "Kauf ein für zwei bis drei Wochen. Alles, was man so braucht." Zwei Wagerln gehäuft. Auf mir Dutzende Augen voll Verwunderung und leichter Verachtung. Ich bin gebürtiger Osteuropäer. Ich weiß es: Besser JETZT einkaufen! 25.2.2020. Erste bestätigte Fälle. Gut, dass ich schon eingekauft habe.

5.3.2020. Ischgl. OMG. 10.3.2020. Alle Veranstaltungen indoor ab 100 Personen abgesagt. Na wunderbar. Ich bin Musiker. Ich lebe davon. Schauma mal. 11.3.2020. Vorläufig letztes Konzert. 99 Personen im Saal. Alles legal. Stimmung leicht gedämpft. Nach mehreren Bieren steigt sie. Social Distancing noch kein Thema. Schon gar nicht nach mehreren Bieren. Die Leberkässemmel war hervorragend. Schauma mal.

13.3.2020. Lockdown ab dem 16.3.! Gerücht: Wien wird abgeriegelt. Weg hier. Zusammenpacken. Alles, was man so braucht. Meine vier Kinder und meine Frau sitzen schon im Auto. Aufs Land! Zum Glück gibt es dieses Refugium. Das verdanken wir meiner Frau. Sie ist eine Hiesige. Nicht so wie ich. Kann ich "normal" aus Wien raus? Oder muss ich durch die Schrebergartensiedlungen? Gedanken eines gebürtigen Osteuropäers. Angekommen. Problemlos. Problemlos? Meine Frau: "Klopapier vergessen!!!" Ich wieder zum Supermarkt. Genau das, was ich vermeiden wollte. Nur eine Packung Klopapier gekauft. Auf mir Dutzende Augen voll Mitleid.

16.3.2020. "Betretungsverbot öffentlicher Orte." WTF! Homeschooling. Kind eins (13) und Kind zwei (11):"Wir haben hier kein WLAN! Wie soll das gehen?" Hotspot auf meinem Smartphone aktiviert. Nach einer Woche sind die Daten verbraucht. War das nur Homeschooling, oder haben Tik-Tok, Youtube und Co damit zu tun?

25.3.2020. Kurz mal nach Wien. Auf der Autobahn außer mir nur Lastwagen. Déjà-vu? Orwells "1984". Nein. Terry Gilliams "Brazil"? Wien ist nicht abgeriegelt. War nur ein Gerücht. Bei der Rückkehr aufs Land Dutzende kritische Blicke auf mein Auto. Noch nie habe ich mich meines Wiener Kennzeichens schämen müssen.

Der Frühling war wunderschön! Zum ersten Mal im Leben die Natur beim Aufwachen beobachten. Unvergesslich.

1.5.2020. Lockerungen. Zurück in Wien. Interessante Stimmung. Die meisten machen große Pläne für den Sommer. Hallo, Leute, es ist nicht vorbei! Auf mir Dutzende Augen voller Ärger.

17.5.2020. Erster Auftritt nach dem Lockdown. Noch ohne Publikum. Nur für die Kameras. Danach zum Bierwirt meines Vertrauens. Er beklagt sich, dass ihm das Wasser bis zum Hals steht. Habe schlechtes Gewissen. Mir geht es gut. Zum Glück bin ich nur ein Einzelunternehmer.

Sommer war wunderschön. Sogar ein Kurzurlaub in Osttirol ist sich ausgegangen. Kind drei (4,5) und Kind vier (2) euphorisch. Heuhüpfen. Alpenalpakas anschauen. Bei der Rodelbahn in Lienz Sonnenhut von Kind drei vom Winde verweht. Schade, hat einst dem Kind zwei gehört.

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Sommer gut genützt. Endlich das Kabarettprogramm geschrieben. Premiere am 17. November.

10.9.2020. Beginn der Proben am Theater. Alle sind glücklich, dass es möglich ist. Zumindest für einen halb leeren (halb vollen?) Saal. "Die Premiere eures Theaterstücks wird nicht stattfinden", sagt meine Frau. Sie behält nicht recht. Die Premiere und drei weitere Vorstellungen gehen sich aus. "Die Premiere deines Kabarettprogramms wird nicht stattfinden", sagt meine Frau. Sie behält recht.

2.11.2020. Was für ein schrecklicher Tag. Trauer, Zorn und unendliches Leid. November mochte ich nie. 17.11.2002. Lockdown light endet, harter Lockdown 2.0 kommt. Gastronom*innen, Hoteliers und Künstler*innen schauen durch die Finger. Umsatzersatz, Fixkostenzuschuss, Überbrückungsfinanzierung? Direkt Betroffene, indirekt Betroffene?

28.11.2020. Leistenbruch. Das habe ich noch gebraucht. Na ja, wenn man jahrelang vier Kinder und ihr Zeug durch die Gegend schleppt Aber Glück im Unglück: Ich verpasse keinen einzigen Auftritt! Es gibt nämlich keine. AKH. Alle sind um mich (und alle wie mich) unglaublich bemüht. Tiefe Verneigung vor den Mediziner*innen. Narkose, lockerer Wiener Schmäh und viele osteuropastämmige Seelenverwandte im OP-Bereich. Ob ich gern noch schnell einen Wodka trinken würde, fragt einer in Grünblau. Filmriss.

Silvester, Donauwalzer, Neujahrskonzert, Radetzky-Marsch. Muti. Nächstes Jahr Barenboim. Was für eine Überraschung. Nawalny nach der auskurierten Vergiftung zurück aus Deutschland. Sofort verhaftet. Und ruckzuck verurteilt. Was für eine Überraschung. Ein Schloss am Schwarzen Meer. Sputnik 5. Pfizer/Biontech. Astrazeneca. Ökos demonstrieren auf dem Heldenplatz zusammen mit Neonazis. Was man unter Narkose so alles träumt

8.2.2021. Lockerung 3.0. Schnelles "Hallo" zum Vater des Kindergartenkindes F. (ein Kindkollege des Kindes drei aus der Gruppe zwei). Er muss schnell zum Zoom-Meeting. Er arbeitet. Ich arbeite nicht. Dreieinhalb Monate ohne einen einzigen Auftritt vor Publikum. 14.2.2021. Die Leberkässemmel schmeckt hervorragend.

In der Reihe "Aus meiner Festung" erzählen lokale Kulturschaffende in der Falter:Woche von ihrem Alltag unter Pandemie-Bedingungen


Aliosha Biz 1970 in Moskau geboren, lebt seit 1989 in Wien, der Stadt seiner Vorfahren. Als Musiker zwischen E und U unter anderem Mitglied bei Dobrek Bistro und Russian Gentleman Club, daneben schauspielerische Tätigkeit. Die Premiere seines ersten Solokabaretts muss pandemiebedingt noch warten

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