Buch der Stunde

Metamorphosen eines gehypten Jungautors

ELIAS HIRSCHL
Feuilleton, FALTER 07/21 vom 17.02.2021

Wie eine maoistische Hotelbibel kommt dieser Roman daher, mit nichts als einem kryptischen Kreuz-Emblem auf rotem Grund auf dem Cover. In Gestalt einer Heiligengeschichte erzählt "Kurzes Buch über Tobias" die Biografie von Tobias Becker und dessen Wandlung vom vorschussbelorbeerten Jungautor zum evangelischen Pastor und fundamentalistischen Twitch-Streamer: Ein Lebenswandel, der seit 2020 nicht mehr ganz unrealistisch wirkt. Getrieben von völliger künstlerischer und gesellschaftlicher Desillusionierung jagt Noltes Protagonist im Höchsttempo durch prophezeite Flugzeugabstürze, ovidische Metamorphosen und postjugoslawische Erleuchtungen, bis er sich schließlich im tiefsten Dreck und Glauben wiederfindet.

Was dieses Buch aus dem Haufen von Romanen junger Berliner Autoren über junge Berliner Autoren herausreißt, sind seine Realitätsverweigerung und sein angenehm offensiver Hass. Letzterer mündet auch in Beschimpfungen der österreichischen Kultur - mit einem Furor, der Thomas Bernhard und Lydia Haider durchaus verwandt ist.

Überhaupt durchzieht das Buch ein erfrischender Kultur-und Literaturpessimismus. Eine Gruppe junger Autorinnen und Autoren plant etwa eine Sammelklage gegen den ORF für all die physischen und seelischen Schmerzen, die ihnen beim Bachmann-Preis zugefügt wurden: "Sie haben die Kritik und die Häme auf Twitter schlicht nicht verkraftet. Sie leben in Kliniken, wo sie unter Einfluss von starken Psychopharmaka und Benzos in einer sich ewig wiederholenden Wippbewegung Tweets murmeln, unter die jemand ihre Namen, mit einem Hashtag versehen, gesetzt hat."

Noltes Roman ist aber mehr als ein kultureller Abgesang. Die Handlung ist derart mit religiösen und literarischen Anspielungen gespickt, dass man nicht mehr aus dem Analysieren rauskommt. Irgendwann wirkt es wie die normalste Sache, wenn wer beiläufig in ein weißes Kaninchen verwandelt wird. Am besten schaltet man beim Lesen seinen inneren Bachmann-Juror aus und wirft sich in die Symbolflut.

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