Zu groß zum Scheitern: Die Essls in der Albertina modern

KUNSTKRITIK: MATTHIAS DUSINI
Feuilleton, FALTER 07/21 vom 17.02.2021

Im Sport würde man von Rekorden sprechen. Die Albertina modern präsentiert Werke der Sammlung Essl, der Kollektion des Klosterneuburger Unternehmerpaars Agnes und Karlheinz Essl, die 2019 in die Albertina kam. Die Kategorien "groß" und "bekannt" halten die Auswahl zusammen, was auf den ersten Blick Spaß macht. Wo sonst sieht man in Wien Werke von Stars wie Cindy Sherman oder Daniel Richter auf einem Haufen!

Der zweite Blick wirft kuratorische Fragen auf. Die Essls, gläubige Christen mit der Sehnsucht nach Erlösung, entwickelten ihren Kunstbegriff an der Ästhetik der Nachkriegszeit. Sie schätzten die dionysischen Rituale eines Hermann Nitsch oder ahnten in den Bildern der Aborigines das Walten höherer Mächte, eine Auffassung, die in den 1950er-und 1960er-Jahren verbreitet war. Diese Handschrift schimmert nur in einigen Werken, etwa den Übermalungen Arnulf Rainers, durch.

Ansonsten präsentiert die Schau vor allem das, was die Essls -damals erfolgreiche Inhaber einer Baumarktkette -um das Jahr 2000 herum zusammentrugen: die modische deutsche Fotokunst oder die Malerei der Leipziger Schule (Neo Rauch). Häufig in Bausch und Bogen erworben, landeten zwar viele, aber nicht die besten Werke in Klosterneuburg. Die qualitativen Schwächen, etwa bei Gemälden von Georg Baselitz, treten in "The Essl Collection" gnadenlos zutage.

Die Zusammenstellung offenbart kuratorische Defizite. Das von intellektuellen Auseinandersetzungen geprägte Werk Heimo Zobernigs wird der Salonmalerei von Alex Katz gegenübergestellt, eine grob fahrlässige Hängung. Ins Schwitzen gerät der Kunstfreund im Keller, der für Fotoausstellungen vorgesehen ist. Ohne etwas über Entstehungszusammenhang oder künstlerische Intention zu erzählen, wirken die Abzüge von Andreas Gursky oder Thomas Struth so, als seien sie einzig nach dem Kriterium "riesig" ausgesucht. Too big to fail.

Albertina modern, bis 14.3.

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