Es war nicht alles schlecht

Ab 16. März 2020 hieß es: „Alles abgesagt!“ Und so sollte es dann auch bleiben. Kulturleben? Wenn überhaupt, dann unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen. Was hat uns trotzdem getaugt, was fehlt uns am meisten? Ein kultureller Blick zurück auf ein Jahr Pandemie

Barbara Fuchs, Gerhard Stöger, Klaus Nüchtern, Lukas Matzinger, Martin Pesl, Michael Omasta, Miriam Damev, Nathalie Grossschädl
FALTER:WOCHE, FALTER 10/21 vom 09.03.2021

Popfest im Pandemiesommer 2020 (Foto: Patrick Münnich Photography)

In der Oper fehlt was

Mein letztes berauschendes Opern­erlebnis hatte ich Ende Jänner 2020 im Theater an der Wien. Es war bitter kalt, vor dem Haus standen die Menschen dicht an dicht, die Stimmung war ausgelassen, man lachte und unterhielt sich. Das Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt, gespielt wurde Richard Strauss’ „Salome“ in der Inszenierung von Nikolaus Habjan. Als nach 100 atemlosen Minuten und unzähligen Gänsehautmomenten der Vorhang gefallen und der Jubel längst verstummt war, blieb ich noch eine Weile sitzen. Der Abend war eine Offenbarung, musikalisch, darstellerisch und emotional.


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Bald darauf sperrten die Theater zu, und ich sah erstmals eine Premiere daheim im Fernsehen: Beethovens „Fidelio“, ebenfalls aus dem Theater an der Wien. Erinnere ich mich zurück, spüre ich immer noch die Enttäuschung und die Ernüchterung. Von der Magie der Oper, den großen Emotionen und der Intensität blieb kaum etwas übrig. Seither war ich nur noch sporadisch in der Oper – wenn etwa für das Fernsehen aufgezeichnet wurde und wir darüber Berichtende das Glück hatten, den Premieren leibhaftig beiwohnen zu dürfen.

Zuletzt saß ich bei „Carmen“ in der Wiener Staatsoper. Der prunkvolle Zuschauerraum, in dem normalerweise über 2000 Menschen gespannt auf die Bühne schauen, war gespenstisch leer. In diesem Moment empfand ich tiefe Traurigkeit. Mir fehlt die Musik als gemeinschaftliches Erlebnis, und ich vermisse die Magie des Augenblicks, die dann am schönsten ist, wenn man sie mit anderen teilt. Unter die Trauer mischten sich Angst und Wut. Angst, dass es sich nie wieder so anfühlen wird wie vor dem 16. März 2020. Und Wut, weil den Verantwortlichen die Erkenntnis fehlt, dass Kultur Seelennahrung ist, die wir brauchen, um glücklich zu sein.

Miriam Damev


Auf der Fashion Week

Mein Ausgeh-Highlight im Corona-Jahr war überraschenderweise die Fashion Week im Museumsquartier vergangenen September. Zuvor hatte ich um die Wiener Modewoche ja eher einen Bogen gemacht. Schuld war meine Eitelkeit. Die gehypten heimischen Designer zeigen lieber in Paris, Tokio oder Berlin. Mit den eingekauften Stars stelle ich mir das alles glamouröser vor und wäre lieber dort als bei der regionalen Leistungsschau. Dann ging ich doch hin, und siehe da: In all den Jahren hatte ich doch glatt etwas versäumt!

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Flankiert von Freundin Ernie trat ich in High Heels den Weg über den roten Teppich an. Die Füße taten schon beim Kommen weh, nach all den Monaten im Homeoffice waren sie ja bloß noch Sneakers und Birkenstock gewohnt. Also Zähne unter der Maske zusammengebissen. Vor uns ein bunt gestyltes Verleger-Ehepaar, für die gab es ein großes Hallo. Uns wedelten sie mit schnellen Handbewegungen durch.

Nach dem Fiebermessen an sogenannten Screening-Terminals – damals glaubte man noch, die Pandemie so eindämmen zu können – gab es Prosecco. Ich wurde sofort gnädig, stürzte mich in Gespräche. Für Smalltalk war keine Zeit, wir kamen schnell zur Sache, das Interesse aneinander wirkte auf mich plötzlich ehrlicher. Ganz egal, ob in schwarzem Lackleder, Fetzenjeans oder mit Pfauenfedern auf dem Kopf: Ich war in diesem Moment so stolz, zu diesem bunten Modevölkchen zu gehören. Und dann erst die Shows! In einen Mantel, der da über den Laufsteg schwebte, bin ich auch ein halbes Jahr später noch verliebt.

Nathalie Großschädl


Lasterhaftes in der Kirche

Alles fühlte sich falsch an. Statt tausende Menschen anzulocken, die vier Tage lang Party auf dem Karlsplatz machen und nebenbei Dutzende Liveacts sehen, war das Popfest im Pandemiesommer 2020 eine exklusive Hochsicherheitsveranstaltung, eingedampft zum Wochenend-Abendprogramm. Nur vier Konzerte in der Karlskirche – mit zugewiesenen Sitzplätzen, Desinfektionsmittelspendern, Abstandsregeln und Contact-Tracing-Formular. Ganz klar: Distanziertes Stillhalten und Popkultur, das geht sich nicht aus.

Auf mein Kartenprivileg verzichtete ich trotzdem nicht. Zum Glück. Soap&Skin schuf mit ihrer fragilen Überwältigungskunst an diesem Sonntagabend Ende Juli einen jener wundersamen Momente, in denen die Zeit kurz stillsteht und danach kaum mehr Kommentar als ein gestammeltes „Wow!“ möglich ist, erschüttert und beglückt zugleich. Es wäre auch in normalen, veranstaltungsreichen Zeiten ein Höhepunkt des Jahres gewesen.

Meinen liebsten Konzertmoment 2020 hatte ich trotzdem schon tags davor erlebt, ebenfalls beim „Popfest im Ausnahmezustand“ in der Karlskirche. Voodoo Jürgens spielte da mit seiner Band, leicht wackelig, weil lockdownbedingt etwas aus der Übung. Seine Lieder vom Rand der Gesellschaft animierten die Wiener Kulturstadträtin drüben im anderen Kirchenschiff zum beinahe ausgelassenen Sitztanz. Entzückend. Noch weit entzückender freilich war, was sich in der Reihe vor mir tat. Da saß der Pfarrer, lächelnd, sein Smartphone in der Hand, mit dem er – sichtlich im Bann dieser Lieder – kleine Erinnerungsfilmchen anfertigte.

Dass der Hausherr schon vor dem Konzert wusste, wem er seine Kirche überlässt, sollte ich erst später erfahren. Zur Begrüßung hatte der Gottesmann eine Dose Bier aus dem Mantel gezaubert und dem nicht nur einmal von Sünde und Laster kündenden Sänger feierlich überreicht. Wie schön, wenn Popmusik Grenzen einreißt. Auch und erst recht in einem verfickten Scheißjahr wie 2020.

Gerhard Stöger


Im Kino gewesen, Glück gehabt

Montag ist Redaktionsschluss, da werden die Abende im Falter oft lang. An diesem Novembertag war klar: Ein neuerlicher Lockdown wird in Kraft treten, in der nächsten Ausgabe kein aktuelles Kinoprogramm mehr erscheinen. War ich mit der Arbeit wenigstens zwei, drei Stunden früher fertig als normal.

Also auf ins Kino! Um halb sieben spielt’s im Filmmuseum „Tote tragen keine Karos“, den hab ich seit meinem Maturajahr nicht mehr gesehen. Steve Martin, der als Privatdetektiv da seine Nase in Dutzende klassische Films noirs steckt, klärt jeden noch so kniffligen Fall – sogar, wie die Nazis mithilfe von Schimmelkäse die Welt erobern wollen –, nur die Bedeutung des Titels, die klärt er nicht.

Der Film läuft noch als Teil der Viennale-Retrospektive, der schwarze Kinosaal ist voll besetzt. Eine bekannte Filmverleiherin ist gekommen, meine Kollegin Sabina, die Filmemacherin Ruth Beckermann und so weiter. Allerdings sitzt man, jeder für sich, im Schachbrettmuster über die Reihen verteilt; für einen kurzen Tratsch, bis der Film beginnt, eignet sich das eher nicht.

Im Kino gewesen, viel gelacht. Dann auf kleinen Umwegen heimwärts getrottet. Dass inzwischen einer mit Sturmgewehr quasi vor der Redaktion herumgeballert und vier Menschen getötet hat, erfahre ich erst zuhause. Glück gehabt. Es war mein bisher letzter Kinobesuch.

Michael Omasta


Alles Theater

Danke, Sara. Die Theaterverantwortliche des Falter hatte ihre Familienplanung exzellent getimt. Pünktlich mit Ende März 2020 überließ Sara Schausberger mir, ihrem Karenzvertreter, ein Ressort, aus dem es plötzlich nichts zu berichten gab. Statt täglich von der Kindertheateraufführung zur Abendpremiere zu hetzen, hockte ich daheim und tippte Empfehlungen für Online-Streams, die anzuschauen ich selbst zu deprimiert war.

So war mein erstes Erwachen aus der Verzweiflung der Theatersommer. Die Rückkehr der alten Normalität. Es fand zwar weniger statt, das aber praktisch unter den gleichen Bedingungen wie früher: „Romeo und Julia“ auf Burg Perchtoldsdorf, Milo Rau in Salzburg, Mini-Performances beim Wiener Kultursommer: Ist doch egal, wenn neben dir ein Platz frei ist. Sogar ganz angenehm, ehrlich gesagt.

Mit dem Herbst kehrte die übliche Theaterkritikerhektik ein, sodass ich den November-Lockdown als erholsam empfand. Anfangs, als ich noch dachte, im Dezember könne ich wieder ins Theater gehen. Das waren Zeiten. Inzwischen lassen sich Österreichs Häuser angesichts der anhaltenden Schließung und der fehlenden Planungssicherheit immer mehr einfallen. So bin ich in den letzten Wochen alleine durchs Volkstheater marschiert und habe Stimmen im Kopf gehört. Mir wurde eine Virtual-Reality-Brille nachhause geschickt, die mich in eine dystopische Schwarz-Weiß-Welt versetzte. Demnächst werde ich Whatsapp-Nachrichten mit Teenagern in Australien schreiben. Und all das wird Theater gewesen sein, das ich ohne diese ganze Misere vielleicht nie erlebt hätte. Danke, Sara.

Martin Pesl


Mein Festivalsommer

Ausgehungert. So fühle ich mich als Festival-Liebhaberin in Zeiten der Pandemie. Schon im Frühsommer stellte sich eine gewisse Leere ein. Wann hatte ich mich zuletzt mit schwitzenden Menschen vor eine überdimensionierte Bühne gedrängt? Wann meine Stimme mit tausend anderen beim Mitsingen heiser geschrieen? Wann meinen Rücken vom vielen Stehen das letzte Mal nicht gespürt? Wann in den Matsch gesetzt, um überteuerte, grausliche Pommes zu essen und dazu schlecht gemixte Drinks zu trinken?

Ein unerwartetes Trostpflaster für fehlende Livemusik unter freiem Himmel gab es letzten Sommer dann doch noch: Ausgerechnet der mobile Donauinselfest-Bus, der mit Musik aus allen Genres durch die Wiener Bezirke tourte, bescherte mir im Juli im tiefsten Ottakring meinen einen Festivalmoment 2020. Die Sonne blinzelte nach einem durchgehend bewölkten Tag hinter den Wolken hervor und tauchte den Kongresspark in warmes Licht, jungen Menschen saßen Dosenbier trinkend in der Wiese, Fans sangen zum Auftritt des österreichisch-isländischen Sängers Thorsteinn Einarsson lauthals mit, kleine Kinder flitzen im Publikum herum – da war er also, der eine Moment, in dem Musik für Gänsehaut sorgt, Sorgen und Ängste einfach vergessen lässt und plötzlich alles gut ist.

Pop-Festivals wird es dieses Jahr noch immer keine geben. Ich setze also auf den Donauinselfest-Bus, der hoffentlich auch 2021 wieder unterwegs sein wird. So spare ich mir wenigstens das Geld für schlechtes Essen und langes Anstehen bei der Pfandbecher-Rückgabe.

Barbara Fuchs


Ein Jahr ohne Nächte

Nicht vor dem Türsteher antreten wie der Prüfling vor dem Professor, kein Glitzer im Gesicht und keine Sonnenbrille im Dunklen tragen. Nicht die Wirren der Woche vergessen, nicht aus Freude beim Gehen federn und mit den Gliedmaßen um sich schlagen, als würde man sie loswerden wollen. Nicht geheimen Geliebten Nachrichten schreiben, jemandem auf die Füße steigen oder am Gürtel nesteln. Keine Fremden mit ähnlichen Leben kennenlernen und keine Bekannten treffen, die nie Exzess erahnen ließen.

Sich nicht zu mehrt in Klokabinen quetschen, in die Backstagegemächer stehlen oder ins Buschwerk übergeben. Nicht um die Beachtung der Barleute oder sonstiger Begehrenswerter kämpfen, keinen beißenden Männerschweiß wahrnehmen.

Sich nicht unsittlich, ungesund und unbedacht benehmen, nicht mit einem Ensemble von Stempeln auf dem Unterarm aufwachen und einem Kater, der Funken im Hinterkopf schlägt.

Die Tanzflächen der Stadt sind besenrein, die Bars sind leergeräumt, die Getränkeflaschen abverkauft. Die Kellner sind in Kurzarbeit, die DJs haben umgeschult. Die Clubs sind, wie die Flaktürme oder die Ausgrabung am Michaelerplatz, Überreste der Stadtgeschichte.

Die Raver pflegen ihre Depressionen und Sukkulenten. Sie haben sich gerade am Couchtisch eine Hand Solitär ausgeteilt und interessieren sich für Sodaclub-Geräte statt für Technoclub-Geliebte. Die Nächte sind nur noch etwas Erinnertes.

Lukas MAtzinger


Ins Kino und dann volllaufen lassen

„Ins Kino und dann volllaufen lassen“. Das ist, in den üblich knappen Worten, die Vorstellung von einem gelungenen Abend, die einer der Protagonisten aus einem frühen Film Aki Kaurismäkis seinem Gegenüber skizziert. Man kann das ein bisschen anders akzentuieren, aber im Grunde würde ich dem nicht widersprechen wollen. Mit Familie, Freundinnen und Freunden einen Film ansehen und anschließend zum Wirten – es sind solche „cheap thrills“, die ich am meisten vermisse.

An den Moment, an dem das so selbstverständlich Scheinende jäh unterbrochen wurde, kann ich mich noch genau erinnern, weil ich exakt eine Woche vor dem ersten Lockdown in kurzer Zeit unüblich oft im Kino war: Am 9. März 2020 musste ich zu Mittag in die Pressevorführung der kongenial danebenen Verfilmung von Hermann Hesses Schmonzette „Narziß und Goldmund“. Am Abend dann sahen meine Familie und ich eine Aufführung von „The Parasite“, und 16 Stunden später saß ich schon wieder im Votiv Kino. Mein Freund Wolfgang und ich hatten nämlich kurz davor beschlossen, einmal im Monat eine Nachmittagsvorstellung zu besuchen (am Nachmittag sind weniger Menschen, daher ist auch die Deppendichte geringer). Wir hatten uns für Roman Polanskis „J’accuse“ entschieden und waren sehr zufrieden gewesen.

Dass wir unser Projekt erst ganze fünf Monate später fortsetzen würden, konnten wir damals natürlich nicht ahnen. War aber dann, am 11. August, auch wieder toll gewesen: der grandiose „King of Staten Island“, Judd Apatows mit Abstand beste Regiearbeit, im Gartenbau und danach super Schwechater Zwickl in unserem alten Stammschanigarten. Das muss wieder her. Und zwar pronto!

Klaus Nüchtern

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