Lonely Planet

Peter Iwaniewicz weiß, dass böse Wale keine Lieder haben

Peter Iwaniewicz
FALTERS ZOO, FALTER 11/21 vom 16.03.2021

Zeichnung: Bernd Püribauer

Fühlen Sie sich einsam? Treiben sich Ihre Freunde nur mehr in Zoom-Konferenzen herum, aber keiner lädt Sie dazu ein? Bleiben Ihre nächtlichen Facebook-Postings ohne Antworten und Likes? Fragen Sie sich manchmal: Wo sind denn nur alle anderen? Dann verstehen Sie sicher die traurige Geschichte vom einsamsten Wal der Welt.

Diese beginnt vor 90 Jahren, als Grönlandwale als erste wildlebende Tierart vom damaligen Völkerbund unter Schutz gestellt wurden. Zum Glück, denn sonst wären diese Säugetiere heute wahrscheinlich ausgerottet und niemand hätte ihre wunderbaren Gesänge entdeckt. Das wiederum „verdanken“ wir dem Zweiten Weltkrieg, als die Militärs begannen, die akustische Unterwasserwelt abzuhören, um feindliche U-Boote aufzuspüren. Zu ihrer Überraschung empfingen sie aber in dem gar nicht so stillen Ozean nicht nur das Gebrumm von Dieselmotoren und Schiffsschrauben, sondern viele andere Töne. Ab 1967 belauschten die amerikanischen Zoologen Roger Payne und Scott McVay Buckelwale und erkannten in deren tieffrequenten Lauten sich wiederholende, variierende Strophen. 1970 erschienen dann auf Langspielplatte „Songs of the Humpback Whale“, die dann erst 1988 auch bei uns als „Die Gesänge der Buckelwale“ veröffentlicht wurden. Diese Platte war in der damaligen alternativen Szene ein Must-have und ich brachte damit Willi Resetarits zum Erbleichen, weil ich als Gast in seiner Sendung „Trost & Rat“ verlangte, er möge die zehn Minuten lange Nummer „Solo Wal“ abspielen.


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Diese Gesänge sind über tausende Kilometer Entfernung zu hören. Dazu nutzen Wale ein physikalisches Phänomen: Die Grenze zwischen warmem Oberflächen- und kaltem Tiefenwasser funktioniert wie ein Tunnel, in dem die Schallwellen jeweils reflektiert und, ohne leiser zu werden, in nahezu gerader Linie weitergeleitet werden. Jede Walart kommuniziert dabei wie ein Radiosender auf jeweils einer eigenen Frequenz.

Finnwale zum Beispiel unterhalten sich auf Wellenlängen zwischen zehn und 35 Hertz. Um so überraschender war es, als Meeresbiologen die Stimme eines Finnwals im Bereich von 52 Hertz auffingen. Unverstanden von seinen Artgenossen schwimmt er bis zu seinem maximalen Alter von etwa 100 Jahren alleine durch die Tiefen des Ozeans, ohne jemals eine Antwort zu bekommen. Ich hätte darüber gerne ein Buch geschrieben, aber Gabriel García Márquez hat mir diesen genialen Titel bereits weggeschnappt.F

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