Ein Jahr ohne Hans

Die Poetry-Slam-Veranstalterin Diana Köhle ist Onlinemüde. Dennoch hat sie hübsche digitale Formate gebastelt

SEBASTIAN FASTUBER
FALTER:WOCHE, FALTER 12/21 vom 24.03.2021

Anna Muhr

Jubel, Trubel, Heiserkeit: Poetry Slams leben vom Livemoment, bei den Veranstaltungen geht es normalerweise laut zu. "Das Publikum muss mitgehen und schreien können, sonst bringt das nichts", sagt Diana Köhle. Sie muss es wissen: Die in Wien lebende Tirolerin ist schon lange in der Szene aktiv. Sie veranstaltet den Slam B im Literaturhaus sowie im Theater an der Gumpendorfer Straße den TAGebuch Slam, bei dem Jugendsünden aus dem persönlichen Text-Schatzkästchen vorgetragen werden.

Seit einem Jahr ist bei ihr aber, von einigen Open-Air-Slams im Sommer abgesehen, alles auf Pause gestellt. Ein Slam mit weit auseinandersitzenden Menschen, die Masken tragen? Das ist für Köhle, die sich dem modernen Dichterwettstreit vor enthusiastischem Publikum seit 2015 hauptberuflich verschrieben hat, undenkbar.

Die letzten zwölf Monate gestalteten sich für die ansonsten sehr Umtriebige vorsichtig ausgedrückt bescheiden. Sie war von der Situation, zuhause eingesperrt zu sein, wie erschlagen. "Ich habe oft gehört, dass ich mich halt neu aufstellen soll", erzählt sie. "Nur lässt sich am Format Slam nicht viel verändern. Dann hieß es: Sei kreativ! Aber ich habe erst mit der Situation klarkommen müssen. Und ich kann nicht kreativ sein, wenn ich keine Leute sehe, keinen Austausch habe und nichts erlebe."

Langsam kommen ihr nun wieder Ideen. Die nächsten Monate wird Köhle noch mit Online-Formaten überbrücken. Obwohl sie dem Streaming nie viel abgewinnen konnte und nach einem Jahr Pandemie auch schon ziemlich bildschirmmüde ist: "Du kriegst nix zurück, keine Lacher und keinen Applaus. Man kann das, was in der realen Welt funktioniert, auch nicht eins zu eins in die Online-Welt übersetzen."

Trotzdem hat sie sich zwei Streaming-Formate ausgedacht, die gute Kompromisslösungen sein könnten. Ihr Slam B feiert heuer seine 100. Ausgabe, darum blickt Köhle unter dem Motto "Slam B Revue" auf Vergangenes zurück. Ihr Glück: Das Literaturhaus zeichnet für sein Archiv alle Veranstaltungen auf. Bis auf die ersten paar Ausgaben sind daher sämtliche Slams in Ton und Bild erhalten.

Das Sichten des Materials wurde zum nostalgischen Vergnügen. Slam B war für manche Leute eine Startrampe. Der Autor Elias Hirschl war bei seinem ersten Auftritt ein 16-jähriges Bürschchen, das seine Deutschschularbeit vorlas; David Scheid, der heute als Influencer Dave im ORF auftritt, performte einen Text über Erwin Pröll. Bei einigen politischen Texten hat Köhle wiederum festgestellt, "dass sie noch erschreckend aktuell sind".

Ein bisschen Livecharakter bekommt die Revue durch die Moderation, die sich Slam-Mistress Köhle mit dem jungen Kollegen David Samhaber teilt. Allein hat sie im letzten Jahr schon genug Zeit verbracht. In der neuen Folge, die am Freitag gestreamt wird und dann vier Wochen online bleibt, widmen sich die beiden unter anderem dem Mythos Hans.

Hans wohnt in jenem Haus im siebten Bezirk, in dem auch das Literaturhaus untergebracht ist. Eines Abends wunderte er sich über den Lärm und ging hinunter, um sich das Slam-Treiben einmal aus der Nähe anzusehen. Beim nächsten Slam B war er wieder da, nahm selber teil und gewann prompt. Seither lässt er sich alle heiligen Zeiten einmal sehen - gerade häufig genug, um die eigene Legende zu nähren, aber nicht so oft, um sie zu entmystifizieren.

Für ihren TAGebuch Slam hat Köhle einen anderen Plan: Ab Anfang April wird sie via Podcast alte Gäste zum Gespräch bitten. Das potenziell Witzige oder auch Berührende daran ist, dass die Tagebuchschreiberin von einst auf die Person trifft, über die sie sich in ihrem Text ausgelassen hat. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Konstellationen: "Es werden Leute kommen, die sich seit 15 Jahren nicht gesehen haben. Oder jemand bringt seine Mama mit. Ein Tagebuch-Paar hat sogar geheiratet."

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Eine Frage beschäftigt Köhle wie so viele im Kulturbereich hartnäckig: Werden die Leute die Veranstaltungsstätten stürmen, wenn die Pandemie überstanden ist - oder werden sie verunsichert zuhause bleiben? Sie erzählt von berührenden E-Mails, in denen ihr Stammpublikum schreibt, wie sehr es diese Abende vermisst.

Trotzdem ist Diana Köhle etwas skeptisch: "Ich persönlich bin ausgehungert Ende nie und nehme alles, was geht", sagt sie. "Letztens war ich bei den Schaufenster-Konzerten des Musikers Stefan Sterzinger. Ich habe im Freundeskreis herumgeschrieben, um Leute zu motivieren. Aber es ist niemand mitgegangen. Ich frage mich: Was haben die alle gerade vor? Insofern habe ich schon Angst, dass das Publikum ausbleiben könnte."


Slam B Revue: 26.3., 20 Uhr www.literaturhaus.at

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