Stairway to Heaven

Der Stephansdom erhält zu Ostern eine temporäre Lichtskulptur, und auch in Oberösterreich beweisen derzeit diverse Künstlerinnen, dass sie der Kirche neue Strahlkraft verleihen können

Nicole Scheyerer
FALTER:WOCHE, FALTER 13/21 vom 30.03.2021

Die Künstlerin Billi Thanner baut dem Stephansdom eine Leiter in den Himmel (Foto: Heribert Corn)

Die Künstlerin Billi Thanner steht am Stephansplatz und blickt nervös nach oben. Ihre Sorge gilt den Aktivitäten auf dem Südturm von Wiens berühmtester Kirche. Ein Stück unterhalb der Turmspitze, in 130 Metern Höhe, werden gerade die gelben Metallteile ihrer Licht­skulptur „Himmelsleiter“ montiert.

Es ist ein windiger Tag. „Ohne ein extra Gerüst zum Befestigen würde das alles sowieso nicht halten“, erklärt die in Kroatien und Österreich aufgewachsene Künstlerin, die mit slawischem Akzent spricht. Wachmänner bilden einen schützenden Halbkreis um den Turm, schließlich könnte etwas herabstürzen. Vorbeikommende Passanten müssen ausweichen.


Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Ausnahmsweise lesen Sie diesen Artikel kostenlos. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement oder testen Sie uns vier Wochen lang kostenfrei.

Nach dem Betreten des Doms wirkt Thanner gelöster, schließlich strahlt sie sogar. „Ich bin so glücklich, dass nichts zerbrochen ist“, sagt sie vor einer Absperrung, hinter der eine 18 Meter lange Leiter aus Aluminium und Neonröhren über den Köpfen hängt. Die Künstlerin zückt ihr Handy und zeigt ein Video des Aufbaus. Ein einzelner Arbeiter, „ein sehr starker Argentinier“, habe die Skulptur hinauf bis zum Glockenstubengeschoß des Turms gezogen.

Thanner, Jahrgang 1972, trägt eine kecke Lederkappe mit Tüllschleier. Die Mütze stammt wie auch der Rest ihres Outfits von Dior. Die Wiener Boutique kleidet sie ein; schließlich wurde kürzlich in der Vogue ihre Skulpturenserie „Art Viren“ gefeatured, bei der sie Designertaschen in Figuren verwandelt. Auch das Privatmuseum Angerlehner bei Wels zeigt derzeit eine Personale der Künstlerin. Den Dompfarrer Toni Faber hat sie als passionierten Kunstfreund kennengelernt.

Seit etlichen Jahren initiiert Faber im Stephansdom künstlerische Interventionen. Als Fastentuch verhüllt noch bis Karsamstag ein gigantischer Pullover von Erwin Wurm den Altar. „Meine Idee ist ganz spontan entstanden. Schließlich kommt keine Baustelle ohne Leiter aus“, schildert Thanner. Außerdem wohne die Künstlerin ums Eck von einer der letzten Wiener Werkstätten für Neonanlagen. Dass ihr Einfall Realität werden konnte, verdanke sie der Zustimmung des zwölfköpfigen Dom-Gremiums sowie dem Sponsoring durch die Unternehmerin Ursula Simacek.

In der Osternacht wird Thanners Installation erstmals leuchten. Mit einem Sprossenteil im Kirchenraum und einem am Turm wird die Illusion erzeugt, dass die „Himmelsleiter“ eine durchgehende Verbindung vom Boden bis zur Spitze darstellt. Das Motiv der Aufstiegshilfe ins Paradies kennt bereits die Bibel. Im Alten Testament träumt Jakob von einer Treppe, auf der Engel zwischen Gottesreich und Erde auf- und niedersteigen.

Thanners „Himmelsleiter“ wird weithin sichtbar sein. Es ist die erste Außeninstallation auf Österreichs größter Kathedrale, und sie stammt von einer Künstlerin. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich sind Frauen im patriarchalisch strukturierten Katholizismus immer noch unterrepräsentiert – wohlwollend ausgedrückt. Erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den frühen 1960ern dürfen Frauen in bestimmten kirchlichen Ämtern aktiv sein.

Jahrhundertelang schmückten ausschließlich Skulpturen, Gemälde und Fresken männlicher Künstler die Sakralräume. Lediglich Textilien wie etwa Fastentücher, die traditionell 40 Tage lang Altarbilder und Kreuze verhüllen, wurden seit dem Mittelalter von Nonnen genäht und bestickt. Auch bei der Ausgestaltung der modernen Sakralbauten der Nachkriegszeit waren kaum Frauen involviert. Umso erfreulicher, dass landesweit gerade weitere spannende Kirchenkunstprojekte von Künstlerinnen fertig geworden sind.

In keinem anderen heimischen Kirchenbezirk genießt zeitgenössische Kunst einen so hohen Stellenwert wie in der Diözese Linz. Seit bald 20 Jahren leitet dort Hubert Nitsch das Kunstreferat. In dieser Zeit hat die Diözese mit rund 200 Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet.

Die Gestaltungfelder sind viel weiter, als man denkt. Sie reichen von Altären sowie großen und kleinen liturgischen Objekten über Kirchenfenster, Glocken und Orgeln bis hin zu Aufbahrungshallen und Gedenk­orten auf Friedhöfen. Im Zuge von Renovierungen finden Wettbewerbe für Kunst-am-Bau statt; die Finanzierung solcher „Extras“ wird in der Regel durch Spenden möglich. „Wenn wir es nicht schaffen, heutige Inhalte mit heutigen Mitteln darzustellen, haben wir im Generationenvertrag versagt“, betont Kunstreferent Nitsch im Telefoninterview. Die Kirche würde in Österreich rund 50 Prozent der historischen Kulturgüter verwalten. Diese Aufgabe dürfe sich nicht bloß auf das Konservieren und Renovieren beschränken: „Gute Kunst erzeugt einen Mehrwert, der nicht gleich fassbar ist. Kunst und Musik können dabei helfen, für das Geheimnis des Glaubens eine Form zu finden.“

Über die Liturgie des Katholizismus und seine Mysterien hat die Künstlerin Sofie Thorsen zuletzt sehr viel Neues erfahren. Die Protestantin aus Dänemark konnte sich bei einem geladenen Wettbewerb für die Neugestaltung der Pfarrkirche von Oberneukirchen durchsetzen. Dieses Mühlviertler Gotteshaus im neugotischen Stil wurde modernisiert, auch der Altarraum sollte ein neues Gesicht erhalten.

„Ein bisschen furchteinflößend war diese Aufgabe schon“, erzählt die 1971 geborene Künstlerin, die schon lange in Wien lebt. Der Auftrag umfasste nämlich nicht nur Altar, Lesepult, Tabernakel und so weiter, sondern auch eine Veränderung des Bewegungsflusses und der Sitzgelegenheiten. Gemeinsam mit dem Architekten Walter Kräutler entwickelte Thorsen ein Konzept, bei dem der Altartisch in die Raummitte gerückt wurde. Auf diese Weise steht er den Gläubigen nicht mehr frontal gegenüber, sondern bildet das Zentrum innerhalb der historischen Kirchenbänke.

Bei Thorsens stimmiger Gestaltung stechen besonders die dünnen, weißen Stäbe ins Auge, auf denen unter anderem die schwere Altarplatte ruht. „Das ist eine Übersetzung der gotischen Idee, wo auch das Kirchendach auf schlanken Säulen ruht“, erklärt die Künstlerin. Sie habe es extrem spannend gefunden, mit einem so wunderschönen historischen Raum arbeiten zu können, schwärmt Thorsen. Auch die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen und Wünschen der Gemeinde empfand sie als bereichernd.

„Ich bin in der ganzen Zeit kein einziges Mal auf meinen Glauben angesprochen worden“, antwortet Thorsen auf die Frage, ob ihre Konfession eine Rolle gespielt habe. Wichtiger als ihre persönliche Kirchenzugehörigkeit oder Religiosität erschien der Künstlerin die Frage, ob sie diesem spirituellen Raum etwas geben könne, das ihn mit Leben erfüllt. Ihr Entwurf verkörpere Leichtigkeit und Transparenz, sagt Thorsen. Insofern fand sie es sehr mutig, dass sich die Gemeinde für ihr Projekt entschieden hat.

Viele Kirchenbräuche muten heute eigenartig an. Wer sich etwa die Fotos von Thorsens Projekt genauer ansieht, kann im Boden unter dem Altartisch ein kleines bronzefarbenes Quadrat entdecken. Wenn Thorsens Altar bald durch den Bischof geweiht wird, sollen in dem dort einbetonierten Messingbehälter Reliquien von Franz Jägerstätter eingesetzt werden. Sie stammen aus der Urne des Kriegsdienstverweigerers, der 1943 per Fallbeil von den Nazis hingerichtet und 2007 vom Papst seliggesprochen wurde.

Über die Überreste von Märtyrern musste sich die Künstlerin Judith Fegerl in der Pfarrkirche Pollham am Hausruck keine Gedanken machen. Fegerls ebenso gewagter wie genialer Entwurf katapultiert den oberösterreichischen Sakralbau in die Gegenwart: Als Vorbild diente die Gestalt einer Platine, also einer Leiterplatte, wie sie in Computern zu finden ist. Dafür wurden in den Kirchboden Messinglinien eingelassen und die liturgischen Objekte wie elek­tronische Bauteile angedockt.

Wie kann man sich das vorstellen? Konkret bestand die Anforderung darin, einen wandelbaren Altarraum zu schaffen. Immer mehr Gemeinden möchten ihr Gotteshaus auch für Kulturveranstaltungen nutzen, aber dafür muss die „Einrichtung“ mobil sein. Da ein Altartisch nicht einfach weggeräumt werden kann, hat Fegerl einen fixen Ersatzort geschaffen.

Die massiven Messingbeine stecken dabei in Öffnungen am Boden. Sollen Altartisch oder Lesepult für ein Konzert weichen, stehen definierte Alternativplätze mit Steckstellen zur Verfügung.

„Mir ging es darum, die sozialen Handlungen innerhalb der Kirche als Bodendiagramm darzustellen“, schildert die technik­affine Künstlerin. Immer mehr Bereiche der Kirche, etwa die Taufstelle, seien im Zuge des Bauprozesses an das Liniennetz „angeschlossen“ worden. Während Erwin Wurm vor der Stephanskirche eine Wärmflasche als Symbol für Nächstenliebe aufgestellt hat, bringen bei Judith Fegerl goldfarbene Linien die Energie der Aktionen zum Ausdruck.

Bei der Umsetzung wirkten auch lokale Handwerksbetriebe mit. Durch deren ehrenamtlichen Einsatz konnte das Projekt sogar noch schneller als geplant umgesetzt werden. „Wann hat man sonst schon einmal die Gelegenheit, etwas Bleibendes zu machen?“, freut sich die 1977 geborene Wienerin.

Die Pfarrkirche Pollham ist für Fegerl weniger ein erfüllter Gestaltungsauftrag als vielmehr eine bleibende Installation, eine Art Gesamtkunstwerk, hat sie doch auch alle Kleinobjekte wie Kerzenständer, Vasen oder Ölgefäße neu entworfen. Wer weiß, vielleicht wird die Platinen-Kirche ja eines Tages eine beliebte Hochzeitsdestination für Computernerds?

Die Kirche trat zwar immer als Mäzenin der Künste auf, aber seit jeher hängt es an kunstaffinen Persönlichkeiten, welche Gestaltungsspielräume dort frei werden. „Ich hätte mein Alleinstellungsmerkmal gerne los“, meint der Linzer Kunstreferent Nitsch. Er sieht die Vermittlungsarbeit – also Workshops, Vorträge und Touren – als Grundvor­aussetzung einer befriedigenden Kunsterfahrung. Erst die Bildung befähige die Leute, sich für etwas zu entscheiden.

Im großen Wien sind die kirchlichen Fürsprecher der zeitgenössischen Kunst rar. Lange bevor Toni Faber Lichtinstallationen in den Stephansdom holte, hat Pater Gustav Schörghofer schon in der Jesuitenkirche mit Künstlerinnen und Künstlern kooperiert. Seit 1998 zählt der studierte Kunsthistoriker zum Vorstand des Kunstpreises, der in memoriam von Monsignore Otto Mauer (1907–1973) vergeben wird. Der Domprediger Mauer wurde mit der von ihm gegründeten Galerie nächst St. Stephan zu einem der wichtigsten Förderer heimischer Avantgarden der Nachkriegszeit.

„Es gehört heute fast schon zum guten Ton, etwas mit Kunst zu machen“, sagt Schörghofer beim Gespräch an seiner aktuellen Wirkungsstätte – der kunstsinnige Pater steht inzwischen der Konzilsgedächtniskirche in Lainz-Speising vor. In dem brutalistischen Waschbetonbau strahlt an diesem Samstagvormittag die Sonne durch die umlaufenden Fenster.

In der Galerie des 1968 errichteten Kirchenbaus hat die Künstlerin Sabina Hörtner weiße Emailplatten installiert, sie tragen Farbelemente in den liturgischen Farben des Kirchenjahres. Von der Decke hängen zwei bemalte Leinwandobjekte von Lilo Rinkens, die an Gewänder erinnern. „Diese Arbeiten sind leicht zu erklären, weil sie an Tauf- oder Messkleider erinnern“, sagt Pater Schörghofer. Ganz anders war es mit dem Kreuz aus Legosteinen, das der Künstler Manfred Erjautz 2004 in der Jesuitenkirche aufgestellt hat.

Das Lego-Kruzifix wurde zwei Mal zerschmettert. Die Vandalen fanden es wohl lästerlich, dass im überbordenden Barockambiente etwas – vermeintlich – so Banales auf den Altar gestellt wurde. Schörghofers Herz schlägt aber gerade für die armen, nicht wertgeschätzten Materialien. „Die Entdeckung des Abfalls zählt zu den erstaunlichsten Phänomenen der Kunst im 20. Jahrhundert“, sagt der Jesuit, der darin letztlich auch eine Option für den „Ausschuss“ der Gesellschaft sieht.

Schörghofers Pfarre betreibt eine Wärmestube für Bedürftige. Außerdem hält er die Kirche seit Beginn der Corona-Pandemie rund um die Uhr geöffnet. Der Pater würde sich das auch von den Museen wünschen. „Das Leben kommt durch die Feiern der Gemeinde herein. Es geht darum, dass eine Verwandlung stattfindet“, sagt Schörghofer, der in der Liturgie eine Art Performance und in den Kirchgängern eine soziale Plastik ausmachen kann.

Je nach finanziellen Mitteln werden in den tollen Lainzer Kirchenraum Künstlerinnen und Künstler eingeladen. Das kann ein temporäres Wandgemälde von Georgia Creimer ebenso sein wie ein neues Taufbecken samt Kreuz von Keramikkünstler Franz Josef Altenburg. Vom Glauben beseelte Künstlerfiguren wie Marc Chagall würden heute kaum mehr existieren. Die meisten seien Atheisten, aber es komme ohnehin auf die Qualität der Kunst an. Warum es außer ihm und Toni Faber so wenige innerkirchliche Kunstförderer in Wien gibt? Auf diese Frage weiß Schörghofer nicht wirklich eine Antwort.

Anders als im letzten Jahr können die Gotteshäuser während des diesjährigen Frühlingslockdowns Messen abhalten. Die Kirchgänger dürfen mit Mundschutz und zwei Metern Abstand den Ostersegen erhalten. Aber vielleicht verleiht auch schon eine leuchtende Himmelsleiter am Kirchturm Zuversicht, dass es eine Auferstehung aus der Pandemie geben wird.F

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook:
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Alle Artikel der aktuellen Ausgabe finden Sie in unserem Archiv.