"Bist du etwa Systemerhalterin?"

Die Autorin Teresa Präauer weiß aus erster Hand: Die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein

AUS MEINER FESTUNG: TERESA PRÄAUER
FALTER:WOCHE, FALTER 13/21 vom 31.03.2021

Foto: Terea Präauer

Schreiben kann man mit und ohne Pandemie. Auch wenn die Pandemieforscher seit einem Jahr bei mir am Frühstückstisch sitzen. Eigentlich sitzen ausschließlich sie am Frühstückstisch, ohne mich, und ich muss hinterher die Brösel aufkehren. Die Milch ist aus, die Eier, das Brot. Alles haben die Pandemieforscher aufgejausnet, aber einkaufen gehen sie nicht.

Die Pandemieforscher müssen ihre Forschung vorantreiben, gerade in Zeiten der Pandemie, dafür habe ich Verständnis. Ich verlasse die Wohnung und die Pandemieforscher rufen mir nach: Mundschutz tragen! Am Anfang der Pandemie hielt ich den Mundschutz noch für eine Finte der Pandemieforscher: Sie wollten in meiner Küche doch ihre Ruhe haben für die Forschung, und jedes Wort von meiner Seite, auch wenn ich kaum je Widerspruch einlegte, hätte sie aus ihrer Pandemieforschungskonzentration gerissen.

Bei mir wohnen zwei von ihnen, eine Frau und ein Mann, ein Pandemieforscherehepaar. Jeder bekommt ja durch die Stadt Wien jemanden zugeteilt, die einen haben die Virologen am Tisch sitzen, die anderen die Wahrscheinlichkeitsmathematiker. Eine meiner besten Freundinnen hat es ganz schlimm erwischt, bei ihr ist ein Zukunftsforscher eingezogen. Der wusste schon vor der Pandemie, wie sich unsere Gesellschaft nach der Pandemie verändert haben würde. Seither ist er unleidlich und duldet in der Gegenwart keine Abweichung von seinen Prognosen.

Dass wir, wie er selbst noch vor einem Jahr in einem großen Artikel über die Zukunft der postpandemischen Gesellschaft prognostiziert hatte, durch die Pandemie so viel lernen würden über uns als Menschheit, würde halt auf ihn persönlich gar nicht zutreffen, beschwert sich meine Freundin. Unter anderen Umständen, nämlich nicht unter denen einer weltweiten Pandemie, hätten wir uns spätestens jetzt verabredet im Café Jelinek, wo man sich gegenseitig so schön das Herz ausschütten kann beim Kaffeetrinken.

Jammern auf hohem Niveau, rufen die Pandemieforscher aus meiner Küche, uns beschäftigt schließlich eine weltweite Pandemie, die uns auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht verlassen wird. Ihr jammert aber auch ganz schön viel herum, sage ich zu den Pandemieforschern, aber die haben sich wieder über ihre Studien gebeugt.

Die Pandemieforscherin, die seit über einem Jahr nicht beim Friseur gewesen ist, vergräbt grübelnd ihre Finger in ihren viel zu langen Haaren. Der Pandemieforscher zerbricht sich den Kopf und kaut dabei an meinem Bleistift. Ob das denn virentechnisch unbedenklich sein kann, frage ich mich und unterdrücke dabei ein leises Schaudern. Ich mache leise Kaffee in der Küche, frage noch leiser, ob die beiden auch eine Tasse wollen. Die Pandemieforscher nicken wie selbstverständlich.

Gut, flüstere ich, sie leisten wertvolle Arbeit. Die Pandemieforscher nicken wieder, sie schenken sich Kaffee ein, sie schenken sich Kaffee nach, zwei, drei Mal. Bisschen auch auf mich achten, murmle ich passiv-aggressiv.

Die Pandemieforscher blicken gleichzeitig von ihren grafischen Darstellungen auf und haben dabei diesen Blick aufgesetzt, den ich gut von ihnen kenne. Dieser Blick ist aktiv-aggressiv, und er stellt stumm die Frage: Bist du etwa Systemerhalterin?

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Meinen Freund haben sie auch schon vergrault mit diesem Blick. Er hatte ihnen ganz zuversichtlich seine Systemrelevanz plus Resilienz minus Vulnerabilität dargelegt, als die beiden Pandemieforscher bloß den Kopf schüttelten und vernichtende Wörter in den Mund nahmen wie: Aerosole.

Dass wir Menschen solche Virenschleudern sind, ist mir erst bewusst, seit die Pandemieforscher bei mir wohnen und mich täglich neu damit konfrontieren. Sie selbst haben, um sich und mich zu schützen, das Haus seit über einem Jahr nicht mehr verlassen. Auf meine Frage nach ihrer sogenannten Welthaltigkeit, die ja der erzählenden Literatur so gern abverlangt wird, antworten sie, ihre Studienergebnisse seien im Kleinen mikroskopgestützt und im Großen hochgerechnet.

Apropos hochgerechnet, fügt die Pandemieforscherin vorwurfsvoll an, wenn ich mir das Innenleben deines Kühlschranks so ansehe, dann gehen diesem Haushalt spätestens übermorgen die Lebensmittel aus. Spätestens morgen, korrigiert der Pandemieforscher mahnend und greift beherzt nach dem letzten Stück Kuchen.

Jetzt sind sie sich, fürchte ich, gleich wieder uneinig, und ich frage mit letztem Mut, bevor ich fluchtartig die Wohnung Richtung Supermarkt verlasse, wie lang die Pandemieforscher denn noch hier wohnen bleiben wollen. Die nächsten zwei Wochen werden entscheidend sein, antworten die Pandemieforscher wie aus einem Munde.


In der Reihe "Aus meiner Festung" erzählen lokale Kulturschaffende in der Falter:Woche von ihrem Alltag unter Pandemie-Bedingungen

Teresa Präauer, 1979 in Linz geboren, lebt als Schriftstellerin in Wien. Bis vor einigen Jahren war die 2017 mit dem Erich-Fried-Preis Ausgezeichnete auch als bildende Künstlerin tätig. Soeben ist bei Wallstein ihr Geschichtenband "Das Glück ist eine Bohne" herausgekommen (siehe Falter 11/21 )

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