Ohren auf: Klassik

Ostermusik für Büßer und Wagemutige

MIRIAM DAMEV
Feuilleton, FALTER 13/21 vom 31.03.2021

Ganze fünf Jahre, von 1963 bis 1968, arbeitete György Kurtág an seinem Zyklus "The Sayings of Peter Bornemisza" (BMC), einer Kammerkantate für Sopran und Klavier. Die 24 kurzen Sätze sind ungemein schwierig zu spielen, entsprechend selten wird das Stück aufgeführt. Tony Arnold und Gábor Csalog lassen sich davon allerdings nicht abschrecken. Lustvoll stürzen sie sich in Kurtágs klangliche Abgründe zwischen Bekenntnis, Sünde, Tod und Frühling. Auch als Zuhörerin braucht man starke Nerven: Die Musik ist extrem spröde, gespickt mit wilden stimmlichen Sprüngen inklusive Kläffen, Knurren und Stöhnen - ein klanglicher Dauererregungszustand sozusagen. Eignet sich ideal dafür, um Buße zu tun.

Händels "Brockes-Passion" (Alpha) klingt da um einiges geschmeidiger, dafür ist der Text so brutal, dass es wehtut. Das Ensemble Arcangelo liefert unter Jonathan Cohen eine fulminante Neueinspielung des Dramas mit hervorragenden Solisten: Sandrine Piau wütet als Tochter Zions mit rasenden Koloraturen; bei Petrus (Matthew Long) heißt es "Eingeweide kreischt auf glimmen Kohlen", bei Jesus (Konstantin Krimmel) wiederum "preßt der Höllen wilde Glut aus Bein und Adern Mark und Blut".

New York Polyphony, eines der gegenwärtig spannendsten Vokalensembles, durchmisst gleich 500 Jahre Passionsgeschichte: Auf dem neuen Album "And the Sun Darkened" (BIS) singen die vier Herren (Altus, zwei Tenöre und Bass) Motetten der frankoflämischen Renaissance-Komponisten Josquin Desprez, Loyset Compère oder Pierre de la Rue und stellen sie zeitgenössischen Werken von Andrew Smith (Jahrgang 1970) sowie Cyrillus Kreek (1889-1962) gegenüber. Smith schrieb seinen "Psalm 55" im Auftrag des Ensembles; Kreeks expressiver, sphärisch anmutender "Psalm 22" stammt aus dem Jahr 1914. Eine geballte österliche Portion Ach und Weh, makellos intoniert und mitreißend interpretiert.

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