Drinnen und draußen

Ein Telefonat und ein Hörspaziergang als Performance: Die Theater werden im Lockdown immer erfinderischer

MARTIN PESL
FALTER:WOCHE, FALTER 14/21 vom 07.04.2021

Foto: Martin Pesl

Jetzt darf man noch immer nicht ins Theater. Eigentlich darf man überhaupt nicht ohne guten Grund raus. Einige Häuser beharren auf dem Primat der Analogpräsenz und warten auf die Öffnung, wann immer sie erfolgen mag. Andere wollen auf keinen Fall vom Publikum vergessen werden und streamen entweder live oder aus der Konserve.

Wieder andere gehen tausend erfinderische Wege. Besonders fleißig in den letzten Monaten war das Performance-Theater Brut Wien, das seine zahlreichen Projekte kurzerhand in andere Medien übertrug, statt sie zu verschieben. Aber auch das Volkstheater, das nach einem Umbau unter der neuen Leitung von Kay Voges noch immer nicht so richtig eröffnet worden ist, sammelt originelle Projekte für den Hausgebrauch. Beide haben neue Performances ohne Notwendigkeit einer Theaterbühne am Start, eine für draußen, eine für drinnen.

"Tausend Wege - ein Telefonat" des New Yorker Duos 600 Highwaymen (Abigail Browde und Michael Silverstone) läuft seit letztem Dezember in englischer Sprache auf diversen Festivals. Das Volkstheater sicherte sich die deutschsprachige "Erstaufführung". Aufführen kann sich das Publikum freilich höchstens selbst. Wie der Titel andeutet, besteht die Performance aus einem einstündigen Telefonat.

Zwei Ticketkäuferinnen oder -käufer werden gebeten, sich jeweils alleine in einen ruhigen Innenraum zu begeben und zum vereinbarten Zeitpunkt eine Nummer zu wählen. Eine Computerstimme geleitet die beiden durch ein Skript aus persönlichen Fragen, Erzählimpulsen und einem gedanklichen Bild, wonach alle drei gemeinsam nach einer Autopanne in der Wüste einen Schlafplatz für die Nacht suchen. Die eigenen Namen müssen nicht verraten werden, selbst Fragen an die andere Person zu stellen ist aber auch nicht erwünscht.

So hat man nach einer Stunde ein vages Bild von jemand weiterhin Unbekanntem, einen Teaser zu einem Film, den man vielleicht nie sehen wird - und wenn doch, wird man ihn erkennen? Das insofern reizvolle Psychospiel bleibt insgesamt dennoch unbefriedigend: Viele der Fragen sind irritierend banal, die Antworten somit auch nicht sonderlich interessant. Selten blieb die am Telefon gestellte Frage "Was hast du an?" so folgenlos (Tickets: volkstheater.at).

Mit deutlich geringerem Anspruch, aber umso größerem Erfolg gehen Tiina Sööt und Dorothea Zeyringer an die Distanzversion ihrer Performance "More or Less" heran. Denn, wie sie auf ihrer Audiodatei -in ähnlich gleichförmigem Tonfall wie die Telefonstimme - schlüssig erklären, ist es nur unter Lebensgefahr angebracht, 100 Prozent zu geben. Normalerweise reichen auch 60. Oder 25. Oder zehn. Das zu hören tut doch mal gut."More or Less" lässt sich für sechs Euro auf der Website brut-wien.at herunterladen. Die Datei wurde von dem estnisch-österreichischen Duo Sööt/Zeyringer als Vorstufe einer geplanten Performance für einen Spaziergang durch das eigene Grätzel konzipiert und unterläuft somit ironisch das Genre Audiowalk, bei dem normalerweise ein Publikum zusammenkommt, Kopfhörer aufsetzt und genau gesagt bekommt, wo es abbiegen oder stehen bleiben soll.

Bei Sööt/Zeyringer darf man die meiste Zeit in beliebigem Tempo gehen, wohin man will. Es wird erklärt, dass Häuser, Bäume, Postämter und elektrische Leitungen zu sehen sind, und das stimmt in der Regel in Wien ja auch.

Währenddessen berichten die beiden Künstlerinnen von ihrer Beschäftigung mit dem Thema "degrowth" (auf Deutsch sperrig als "Wachstumskritik" bezeichnet). Wirtschaftstheorien schwingen sie dabei keine, es geht hauptsächlich um sie selbst, mit etwas über 1,50 Meter beide seit jeher stolze Meisterinnen der Wachstumsverweigerung. Wie die New Yorker Kollegen bemühen auch Sööt/Zeyringer die Fantasie des Hörers: Er soll sich einmal ein Gespräch mit einem Baum, dann wieder eine Meute streikender Künstlerinnen vorstellen, die Transparente hochhalten und das Arbeiten während des Klogangs oder das Verschieben von Arztterminen wegen Besprechungen verweigern.

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Dazu demotivieren sie mit Mantren wie "Das Leben ist zu kurz, um immer glücklich zu sein","Wenn du nicht gleich Erfolg hast, gib auf!" und "Sei die durchschnittliche Version deiner selbst!". Herrlich.

Ein einziges Mal ist tatsächlich Mitarbeit gefragt: Man soll ein Foto des Himmels machen, dort, wo man gerade steht, und den Künstlerinnen schicken. Ansonsten besteht die schwierigste Forderung darin, auch in einer Pause von 4 Minuten 33 Sekunden (eine Hommage an John Cage) nicht aufs Handy zu schauen. "More or Less" ist bestgelaunter Nihilismus zum Mitnehmen.

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