Eine Liebeserklärung an das Kino

Filme, die Sie schon längst einmal gesehen haben sollten, Teil 20: "Matinee" von Joe Dante

MICHAEL OMASTA
FALTER:WOCHE, FALTER 14/21 vom 07.04.2021

Foto: Universal

Gene ist ein wandelndes Filmlexikon. Ständig sitzt er im Kino, manchmal darf sein kleiner Bruder Dennis mit. Er kennt alle Schauspieler, alle Regisseure, alle Filmmonster. Die Matinee am nächsten Wochenende will Gene auf keinen Fall versäumen. Da nämlich wird Lawrence Woolsey, der König des trashigen Horrorkinos, seinen neuesten Film persönlich vorstellen. "Half Man! Half Ant! All Terror!", lautet der Werbeslogan dafür: "Mant!"

Schauplatz ist Key West, Florida, man schreibt das Jahr 1962, und auf Kuba, keine 90 Meilen entfernt, fahren die Sowjets gerade mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen auf. Eine harte Konkurrenz für Woolsey, der mit seinen vergleichsweise sehr harmlosen Leinwand-Albträumen vor allem beim jungen Publikum punktet. Der Vater von Gene und Dennis ist ein Militärangehöriger und im Kriseneinsatz, wie überhaupt Eltern und Erwachsene sich hier durch ihre Abwesenheit auszeichnen.

Es sind Kinder und grenzgeniale Kindsköpfe wie Woolsey, die in "Matinee" von Joe Dante die Hauptrolle spielen. Im Deutschen hat man der 1993 gedrehten Komödie den Zusatztitel "Die Horrorpremie" verpasst, und genau darum geht es auch. Unter anderem.

Zuallererst ist "Matinee" eine Hommage an ein Kino, das es so schon lange nicht mehr gibt. Es war Flucht aus der Realität und Schule des Lebens, simpel ein Teil des Alltags, bevor mit den 1960ern das Fernsehen zum Leitmedium wurde. Die erste Version der Geschichte spielte in einem aufgelassenen, inzwischen als Videothek genutzten Kino, in dem es spukt. Die Idee, sie vor dem Hintergrund des atomaren Wettrüstens und der Kubakrise anzusiedeln, kam Dante und seinem neuen Drehbuchautor Charlie Haas erst später, ebenso die Figur des Trash-Regisseurs und des Films im Film.

Woolsey (mit viel Gusto verkörpert von John Goodman), der mit seiner Freundin, Komplizin und Hauptdarstellerin Ruth Corday (hinreißend: Cathy Moriarty) ständig auf Achse und der Suche nach Geldgebern für seine tollkühnen Projekte ist, hatte ein reales Vorbild: William Castle, ein Regisseur legendärer Gruselfilme wie "The Night Walker" oder "Schrei, wenn der Tingler kommt", der sein Publikum zusätzlich mit Liveeffekten (Spezialbrillen, klappernde Skelette im Saal usw.) erschreckte.

So wird auch die Premiere im Key West Strand penibel vorbereitet. Woolsey präsentiert "Mant!" in atemberaubender "Atomo Vision" und durchrüttelndem "Rumble Rama"; die Sitze im Kino werden entsprechend präpariert, und am Eingang bringt sich Ruth im Kostüm einer Krankenschwester in Stellung, sollte während der Vorführung jemand in Ohnmacht fallen.

So weit, so gut, aber worum geht es in diesem Film im Film überhaupt? "Da ist einer drin, der wird zur Ameise", lautet die einfache Antwort. Und das kommt so: Ein gewisser Bill wird beim Zahnarzt, der gerade eine Röntgenaufnahme macht, von einer Ameise gebissen. Schrittweise mutiert er zum Insekt; seine Ehe mit Carol bleibt davon nicht unberührt.

Am Ende muss das Militär eingreifen, um Bill, der mittlerweile die Größe King Kongs hat, Herr zu werden. Während ein General ihn mit dem Ruf "Wir haben Zucker für dich" anzulocken versucht, bricht Carol schluchzend zusammen: "Er ist doch kein Monster, er ist Schuhverkäufer." Spätestens in dem Moment, so Woolseys künstlerische Vision, soll das gesamte Kino erzittern und - letzter Clou - ein als Mant verkleideter Teenager durch das vollbesetzte Parkett stürmen.

Nach einem Jahr fast ohne Kino kann man beim Wiedersehen von "Matinee" schon etwas wehmütig werden. Eingebettet ist die Film-im-Film-Premiere, die natürlich im absoluten Tohuwabohu endet, in eine vielschichtige Erzählung, die Ängste unterschiedlicher Art verhandelt: die ständige Bedrohung durch die Bombe, die Angstlust im Kino sowie die pubertäre teenage angst, die Gene (Simon Fenton) und seinem Kumpel Stan (Omri Katz) im Umgang mit Mädchen zu schaffen macht.

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Auch hier zeigt Regisseur Dante große Liebe zum Detail. Etwa wenn die zwei Buben heimlich eine Platte von Lenny Bruce hören, dem scharfzüngigsten Comedian jener Zeit. Oder wenn Sandra (Lisa Jakub), die Vifste der ganzen Klasse, sich mit Gene fürs Kino verabredet. Indem sie ihre Eltern mit dem Vornamen anspricht und nicht als Mom und Dad (oder gar Sir), sind auch diese - ein fortschrittliches Lehrerehepaar - gleich ebenso hinreichend wie treffend charakterisiert.

Nicht zuletzt, erzählt Sandra, die mit ihrer Meinung nie hinter dem Berg hält und im Unterricht für ein friedliches Zusammenleben mit den Sowjets wie auch den Schwarzen im eigenen Land eintritt, habe man sie schon mal zu einer Woche Schularrest verdonnert. Aber was soll's, "Gandhi haben sie ein Jahr lang eingesperrt". Worauf Gene, der mit seiner Familie ständig von einem Stützpunkt zum anderen zieht und erst kürzlich nach Key West gekommen ist, aufrichtig bedauert: "Ich kenn noch nicht so viele Leute hier."


"Matinee" (USA 1993) Regie: Joe Dante, Buch: Charles S. Haas nach einer Geschichte von Haas und Jerico Stone, Kamera: John Hora, Schnitt: Marshall Harvey, Musik: Jerry Goldsmith, Produktion: Michael Finnell, Pat Kehoe, Universal, Darsteller/-innen: John Goodman, Cathy Moriarty, Omri Katz, Simon Fenton, Robert Picardo, Lisa Jakub, Kellie Martin, Jesse White, Kevin McCarthy

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