Todeshaiku mit Kind

Der Musiker Paul Plut fungierte in letzter Zeit vor allem als Entertainer für den eigenen Nachwuchs

AUS MEINER FESTUNG: PAUL PLUT
Lexikon, FALTER 14/21 vom 07.04.2021

Vergangenes Jahr im März, eine Woche bevor das Land den Betrieb herunterfuhr, begann meine Elternkarenz. Mich traf die Wucht der Nachricht, dass die Kultur die Schotten dichtzumachen hatte. Doch das Wissen um ein Grundeinkommen aus dem Kinderbetreuungsgeld, das auch ich als Freischaffender entgegen manch anders lautendem Aberglauben beziehe, federte die finanzielle Unsicherheit ab, mit der sich viele Berufskolleg*innen plötzlich konfrontiert sahen.

Alle waren im Lockdown, nur mein Kind fuhr die Gänge hoch. In der ersten Ausgangssperre lernte es gehen. Als die sozialen Kontakte zum zweiten Mal eingeschränkt wurden, fing es an zu sprechen. Das Kind ist inspiriert, es experimentiert, und seine Freiheit steckt mich an. Pandemie hin oder her. Es wirft mir ständig mentale Bälle zu, man möchte sie fangen, aufspringen und in den Computer tippen. Das gefällt ihm aber nicht. Ich übe, meine Gedanken zu jonglieren, bis sich ein günstigeres Zeitfenster auftut.

Zu diesem Zeitpunkt, im Frühjahr 2020, schläft das Kind zwei Mal täglich eine halbe Stunde. Hin und wieder gelingen mir in dieser Zeit ein paar Silben. Ein Haiku besteht aus gut zehn Silben. Das gibt eine realistische Anzahl an sinnvoll aneinandergereihten Wörtern, die ich in dreißig Minuten auf Papier bringen kann -Schläfchen inklusive.

Japanische Zen-Mönche feilen zu Lebzeiten an ihren Todes-Haikus. Letzte Worte in Form von Sterbegedichten, die man parat hat, wenn einen unverhofft das Zeitliche einholt. Papa Plut gefällt das natürlich. Manchmal fange ich aber gar keinen der Bälle, die das Kind mir zuspielt, und ich genieße die gelassene, aus Müdigkeit und zweiteiligen Puzzles erwachsende Sedierung, die mein Vatersein auch begleitet.

Mittlerweile ist das Kind vormittags im Kindergarten. Ich arbeite daran, wieder zu arbeiten. Ich arbeite daran, meine Konzentration über die praktizierten dreißig Minuten hinaus zu halten. Ich arbeite daran, das Chaos der im Laufe eines Jahres entstandenen Silben und Demoaufnahmen zu schlichten. Meine digitalen Ordner sind wie ein Museumsdepot. Aus den Tiefen dieser Sammlungen fördere ich Ideen für aktuelle Projekte zutage.

Normalerweise (Unwort) gibt es hier penible Ordnung und die richtige Luftfeuchtigkeit. Dieses vergangene Jahr aber habe ich alle neuen Stücke unsortiert in einen überladenen Raum gepfercht. Das Kinderzimmer ist ein Apothekerschrank dagegen. In kurzer Zeit bin ich vom Kurator zum Masseverwalter meines geistigen Eigentums geworden.

Auf der Suche nach einer Lösung verbringe ich viele halbe Stunden in einschlägigen Foren und stoße auf das Zettelkasten-System. Zur Ideensammlung für den vorliegenden Text beschreibe ich einige A6-Karteikarten, die mein Kind in den Couchschlitzen verschwinden lässt. Noch residiere ich im Chaos, Löcher in der Seele stopfend. Ich verhalte mich solidarisch und fahre auf Sicht.

Das Kind macht das auch so. Ich kann dieser Kurzsichtigkeit durchwegs etwas abgewinnen. Wenn wir die roten, blauen und grünen Steine in das Steckpuzzle geben, sagt es nach jeder Runde "Noch einmal!" und würde das am liebsten wiederholen, bis ich tot umfalle. Der Monotonie treu zu bleiben erfordert so viel Vitalität!

Mein Kind, das die Routine liebt, besitzt ohne Zweifel mehr davon als ich. Irgendein britischer Theologe (ich wüsste, welcher, wäre meine digitale Wunderkammer aufgeräumt) stellte sich sogar vor, wie ein vor kindlichem Esprit sprühender Gott jeden Tag zur Sonne und jeden Abend zum Mond sagt "Noch einmal!". Ich bemühe mich, die Monotonie, wie sie durch den Lockdown und den Alltag mit Kleinkind begünstigt wird, in meinem Leben zu begrüßen und sie mir im Geiste der drehenden Derwische irgendwie zur spirituellen Übung zu machen.

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Vergänglichkeit

Ein Kirschenfleck am Hemd

Etwas, das bleibt

Nach abgeschlossener Kindergarteneingewöhnung habe ich nun meinen Proberaum zurückerobert. Ich bin dort allein und zelebriere es. Ich zündle und lösche, ich vergleiche Eisenketten auf ihren Scheppergehalt, sage reimlose Sprüche auf, stimme alle Saiten auf A, montiere Tonabnehmer in Stierhörner, die ich gegeneinanderschlage.

Hier ist mein persönlicher Montessori-Erlebnispark. Der Trick geht auf. Ich verliere mich. Ein guter Geist fasst mir unter die Arme. Unsortierte Demos, Texte und Konzeptideen greifen ineinander. Es war ja auch schon immer klar, wo das blaue Dreieck hingehört. "Noch einmal!"

Paul Plut, 1988 in Schladming geboren, ist ein in Wien lebender Musiker. Mit der Band Viech hat er mehrere Alben veröffentlicht, sein Solodebüt "Lieder vom Tanzen und Sterben" kam 2017 heraus. Aktuell veröffentlicht Paul Plut monatlich ein neues Lied über seinen Newsletter, im Herbst folgt das neue Album "Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse"


Paul Plut,

1988 in Schladming geboren, ist ein in Wien lebender Musiker. Mit der Band Viech hat er mehrere Alben veröffentlicht, sein Solodebüt „Lieder vom Tanzen und Sterben“ kam 2017 heraus. Aktuell veröffentlicht Paul Plut monatlich ein neues Lied über seinen Newsletter, im Herbst folgt das neue Album „Ramsau am Dachstein nach der Apokalypse”

In der Reihe "Aus meiner Festung" erzählen lokale Kulturschaffende in der Falter:Woche von ihrem Alltag unter Pandemie-Bedingungen

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