Zwischen Erschöpfung und Erhabenheit

In den Cartoons und Bildgeschichten von Pascale Osterwalder spielen sich existenzielle Dramen in Dusche und Spüle ab

BILDBESCHREIBUNG: KLAUS NÜCHTERN
FALTER:WOCHE, FALTER 16/21 vom 21.04.2021

Foto: Heribert Corn

Wilma wünscht sich manchmal ein eigenes Kind, Alvin geht in Therapie, Sidney und Pearl haben sich vor einiger Zeit getrennt, die Jefferson-Zwillinge hingegen sind ihr Leben lang unverheiratet geblieben und angeblich sogar am selben Tag gestorben. Soweit, so aufregend. Ungewöhnlich an diesen Schicksalen ist vor allem der Umstand, dass es sich bei den Genannten - so wie auch bei Helen, Peter oder Thierry -nicht um Menschen, sondern um Seifenspender handelt; freilich um solche mit ausgesprochen humaner Anmutung.

Es sind einzelne Zeichnungen oder kurze Bildsequenzen, in denen Pascale Osterwalder die Schicksale und Beziehungsdramen dieser Spenderexistenzen in ihrem soeben erschienenen Buch "Daily Soap" festhält und ausleuchtet. Aufmerksamen Falter-Leser:innen werden die Sujets vertraut vorkommen, denn Osterwalders Seifenspender-Cartoons erscheinen seit dem ersten Lockdown regelmäßig in der Falter:Woche; mit der vorliegenden Ausgabe feiert die Serie ihr einjähriges Jubiläum.

Seifenspender gehören fraglos zu den Corona-Gewinnern, denen die Epidemie geholfen hat, ein wenig aus ihrem Schattendasein zu treten. Im Œuvre der Künstlerin spielen sie freilich schon viel länger eine Rolle. Erstmals "als Wesen wahrgenommen" hat Osterwalder die alltäglichen Gebrauchsgegenstände in New York, wo sie 2007 ein halbes Jahr als Artist in Residence verbrachte. Kurz darauf übersiedelte sie "der Liebe wegen" nach Wien, wo ihr zunächst ein etwas ruppiger Empfang beschieden war: "Ich war gerade 30 geworden, bin im Januar in eine enge Hinterhofwohnung gezogen, und die Leute haben mich auf der Straße eine ,blede Kuh' geheißen."

Die Reinprechtsdorfer Straße, damals noch weitgehend bobofreie Zone, erwies sich für die aus Appenzell Ausserrhoden stammende Schweizerin, die mittlerweile Mutter zweier Kinder ist, als hartes Pflaster, aber auch als eine Quelle der Inspiration für die mitunter an die melancholischen Interieurs eines Edward Hopper gemahnenden Settings: In Dusche und Spüle, neben dem Heizungskörper und im Supermarktregal spielen sich hier existenzielle Dramen der Erotik und Verzweiflung zwischen Seifenspender, Tube und einem Scheuerschwamm namens Ray ab, und die Hausfassade vis-à-vis entspricht tatsächlich dem, was zu sehen ist, wenn Osterwalder aus dem Fenster blickt. Wobei: "So trist wie in dem Buch ist es in Wirklichkeit gar nicht."

Der beinahe fotografisch anmutende Kitchen Sink Realism, den Osterwalder mit subtil geschummerten Strichen von Bleistiften bis zum Härte-oder besser: Weichheitsgrad 6B aufs Papier bringt, repräsentiert aber nur eine Facette ihres Schaffens. Den Gegensatz zum hart urbanen Grau-in-Grau von "Daily Soap" stellt die farbenfroh aquarellierte Welt von "Grigor &Tolja" dar, zwei märchenhaften Wesen, die in einer hohlen Eiche zwischen Knorrwald und Sumpfteich hausen. Osterwalder verbrachte einen guten Teil ihrer Kindheit auf dem Bauernhof und fühlt sich ihrer ruralen Heimat immer noch verbunden.

Wo Grigor und Tolja in diesem seit fünf Jahren betriebenen Workin-Progress entspannt durch die Natur tollen dürfen, da herrscht in der Welt der Seifenspender der Druck zur Selbstoptimierung. Das Heft "Express Yourself", für das die Künstlerin zum schwarzen Filzstift gegriffen hat, gibt in Tagebuchform Auskunft darüber, und das Repertoire an Metaphern und Wendungen, die sich anbieten, wird voll ausgeschöpft: Der Protagonist arbeitet "gerne mit Menschen" und begreift sich als "eine Institution für die öffentliche Hand", sorgt sich aber auch um seine "Liquidität" und muss feststellen, dass er immer wieder große Probleme hat, sich "auszudrücken".

"Jeder von uns ist ein Stück weit auch Dienstleister", erklärt Osterwalder das Identifikationspotenzial ihrer unglamourösen Heldinnen und Helden. Im Laufe der Jahre "in die Selbstständigkeit geschlittert", läuft es für die multimedial agierende Künstlerin, die auch Animationen oder Plakatsujets - unter anderem für den Kabarettisten Hosea Ratschiller -entwirft, zurzeit nicht schlecht. Die Selbstvermarktung scheint indes nicht zu ihren allergrößten Stärke zu zählen. Auch hier musste die Pandemie nachhelfen. In der "Was machst du eigentlich beruflich?"-Konversation war die Antwort "Ich zeichne depressive Seifenspender" immer ein Icebreaker, erinnert sich Osterwalder. "Heute sagen alle:,Ah ja, klar!'" Und auch das Buchprojekt, das sie verschiedenen Verlagen schon vor Jahren angeboten hatte, versah Corona auf einmal mit einer ganz anderen Triftig-und Dringlichkeit: "Ich dachte, wenn ich das jetzt nicht durchziehe, macht's am Ende noch wer anderer."

Wie lange sie mit dem Sujet noch weitermachen kann und will, steht für die empathiebegabte Zeichnerin nicht fest. Ähnlich ihren Protagonisten selbst, die dazu neigen "sich zu verausgaben", die sich dann ganz "ausgelaugt" fühlen und "nur noch volllaufen lassen" wollen, ist auch das Reservoire an existenziellen Metaphern eines Tages erschöpft. Und Kommentare über H.-C. Strache und Konsorten will Osterwalder ihren Figuren nicht in den "Mund" legen: "Dafür sind Seifenspender dann doch zu erhaben."


www.elaxa.ch

Den aktuellen Cartoon von Pascale Osterwalder finden Sie auf Seite 22 der Falter:Woche

Pascale Osterwalder: Daily Soap. Aus dem Leben eines Seifenspenders. Luftschacht, 136 S., € 18,–

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