Irres Gerichtsdrama um Sexvorwürfe!

Keine Angst, wir sind nicht gaga geworden: Wir bringen heute bloß die Schlagzeile, die Boulevard-Verleger Wolfgang Fellner vielleicht über den Prozess machen würde, in dem er gerade eine Rolle spielt

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 29.04.2021

„Oiso, diese MeToo-Märchen, die san frei erfunden“: Wolfgang Fellner auf dem Weg in die Verhandlung. Foto: FALTER/Staudinger

Die wüste Schlagzeile, die Sie oben (möglicherweise mit Verwunderung oder gar Entsetzen) gelesen haben, ist hier natürlich völlig fehl am Platz: Sie würde viel besser auf die Titelseite einer Boulevardzeitung passen – zum Beispiel Österreich, das Sie in der U-Bahn wahrscheinlich nicht aus dem Gratis-Verteiler nehmen, weil Sie lieber mit sauberen Händen FALTER.morgen lesen (gut so!).

Aber wir dachten uns: Wenn wir schon über ein Gerichtsverfahren berichten, in dem „Österreich“-Boss Wolfgang Fellner eine Rolle spielt, dann tun wir das so, wie er selbst darüber berichten würde, wenn es jemanden anderen als ihn selbst beträfe. Und da hat er ja auch keinen Genierer.

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Außerdem ist Fellner einer der mächtigsten Medienleute des Landes und als solcher dafür verantwortlich, dass Österreich Tag für Tag mit Hervorbringungen auf dem Niveau obiger Irres-Gerichtsdrama-um-Sexvorwürfe!-Schlagzeile geflutet wird – was umso irritierender ist, weil seine Produkte massive Unterstützung durch Steuergeld in Form von Presseförderungen, Regierungsinseraten erhalten.

Hier lesen Sie unseren Prozessbericht:

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„Hoffe, du denkst an mich“

Ein Prozess gegen eine Firma aus dem Imperium des Boulevardverlegers Wolfgang Fellner liefert das Sittenbild seiner toxischen Arbeitsumgebung.

Geht das noch, nach #MeToo? Ein Vorgesetzter schreibt seiner Mitarbeiterin diese Nachricht aus den USA: „wäre super, du wärest hier – richtig???“, und wenige Stunden später schickt er eine weitere mit Foto von einem Swimmingpool und den Worten: „Das entgeht dir – was meinst du?“

Oder diese: „Hoffe du denkst an mich“, garniert mit drei Umarmungs-Emojis.

Oder diese: „Du bist ein roh-Diamant“.

Die Nachrichten – verfasst 2019, zwei Jahre nach dem Beginn der #MeToo-Bewegung – wurden in einem Verfahren vor dem Arbeits- und Sozialgericht Wien zitiert, das sich schon eine Weile hin zieht. Bislang wurde darüber nur verschämt und ohne Namensnennung berichtet. Vorgestern hat die Österreich-Ausgabe der deutschen Wochenzeitung Die Zeit online aber erstmals die Identität von zwei prominenten Beteiligten gelüftet: Wolfgang Fellner und seine ehemalige Mitarbeiterin Raphaela Scharf, die mittlerweile für das Internet-TV der Krone arbeitet – Scharf als Klägerin, Fellner als Zeuge (beklagt ist nämlich eine Gesellschaft seines Verlagsimperiums, in der er keine formelle Funktion hat).

Scharf sagt, sie sei gefeuert worden, weil sie sexuelle Übergriffe des Verlegers dem Betriebsrat gemeldet habe. Unter anderem habe der Verleger sie an der Hüfte und am Gesäß berührt und versucht, sie gegen ihren Willen zu küssen. Fellner sagt: „Oiso, diese MeToo-Märchen, die san frei erfunden.“ Und überhaupt, ganz im Gegenteil: Die Mitarbeiterin habe ihm fortwährend Avancen gemacht, die er jedoch konsequent ignoriert habe. Scharf habe sich vielmehr mit haltlosen Beschuldigungen dafür zu rächen versucht, dass ihr eine Gehaltserhöhung verwehrt wurde, und sei daraufhin entlassen worden (Details über das Verfahren können Sie hier nachlesen).

Der Prozess liefert ein Sittenbild des Fellner-Imperiums, das mit der Jugendzeitung Rennbahn-Express begann, Basta, News, Woman sowie zahlreiche andere Magazine hervorbrachte und nunmehr unter anderem die Tageszeitung Österreich und das Web- und TV-Angebot oe24 unter die Leute bringt (hier ein Falter-Interview mit Fellner).

Wer dort zu arbeiten beginnt, begibt sich in eine Grauzone des Unternehmerfeudalismus, in der die Trennung zwischen beruflicher und privater Sphäre weitgehend aufgehoben ist und alles um die Gunst von Wolfgang Fellner kreist. In den großen Zeiten von News war das (Disclaimer: ich war einige Jahre bei Format tätig, einem anderen Medium des News-Verlags) besonders stark ausgeprägt. Fellner gibt, Fellner nimmt. Fellner lobt, Fellner tobt. Fellner nennt dich Trottel und wenig später Superstar. Fellner sagt, er schmeißt dich raus und hat das nie gesagt, weil er ohne dich nicht arbeiten kann. Fellner droht dir Watschen an, Fellner umarmt dich. Fellner isst dir deine Pizza vom Pappteller, Fellner besorgt dir einen Spitzenarzt, wenn du krank bist. Und du wartest das ganze Jahr darauf, dass er bei der Weihnachtsfeier deinen Namen nennt, weil dann ist alles gut.

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Es ist ein System, in dem das Stockholm-Syndrom und andere ungesunde Psychozustände gedeihen, und wenn man seinen heutigen Mitarbeitern zuhört, scheint es: Daran hat sich nicht viel geändert.

Fellner machte sich erbötig, Scharf bei einer Karriere als Moderatorin zu unterstützen und lobte ihre Leistungen in höchsten Tönen. Er vereinbarte berufliche Termine mit ihr bei Abendessen. Nachdem sie die Übergriffsvorwürfe gegen ihn erhoben hat, drohte er ihr mit einer Anzeige wegen Erpressung und warf ihr vor, bei Moderationen auf oe24.tv „wie eine Nutte“ aufgetreten zu sein.

Für das Gericht geht es lediglich um eine arbeitsrechtliche Beurteilung: War die Entlassung von Scharf rechtens oder nicht? Für Fellner hat der Ausgang des Verfahrens aber noch eine andere Ebene: Gewinnt seine frühere Mitarbeiterin, dann heißt das auch, dass ihren Vorwürfen gegen ihn Glauben geschenkt wurde, und er damit als Belästiger dasteht – wogegen er sich in einem anderen Verfahren zur Wehr setzt, das Scharf dazu zwingen soll, ebendiese Vorwürfe zurückzunehmen. Es wird noch einige Tagsatzungen brauchen, bis eine Entscheidung fällt. Der nächste Termin (diesmal zur Klage Fellners gegen Scharf) ist für Ende Mai anberaumt.

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