Fünf Vierteln vor Zehn

Wie Wien den ersten Tag nach dem Ende des Lockdowns zelebrierte – ein Lokalaugenschein.

Barbara Fuchs, Birgit Wittstock, Eva Konzett, Heidi List, Klaus Nüchtern, Martin Staudinger, Soraya Pechtl, Stefanie Panzenböck
FALTER.MORGEN, 20.05.2021

Guten Morgen, dürfen wir Ihnen ein Aspirin anbieten? Wir wollen Ihnen keineswegs zu nahe treten, die Frage kommt bloß daher, dass die Gast- und Schanigärten der Stadt gestern bereits am Vormittag ebenso gut gefüllt waren wie viele Gläser – man war offenbar fest entschlossen, sich bis zur Sperrstunde um 22 Uhr ordentlich einzuschenken. Plansoll: Fünf Vierteln vor Zehn, sozusagen.

Und das, obwohl Bürgermeister Michael Ludwig anti-alkoholisch beispielhaft voranging und die Wiederöffnung der Gastronomie mit einem Kaffeetscherl im Café Frauenhuber zelebrierte (übrigens im Gegensatz zu seinem früheren Londoner Amtskollegen und jetzigen britischen Premierminister Boris Johnson, der sich vor genau einem Monat zum gleichen Anlass ein Pint, also ein ziemlich großes Krügel hineinzischte). Dass die Regierung Kurz-Kogler währenddessen im Schweizerhaus Mineralwasser trinken war, lassen wir jetzt mal dahingestellt, weil es einfach affig ist, ins Schweizerhaus zu gehen und dort ostentativ Mineralwasser zu trinken.

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Abgesehen davon liegt es uns fern, die Spaßbremse zu spielen, ganz im Gegenteil: Wir beim FALTER haben uns ja auch schon danach gesehnt, nach Redaktionsschluss endlich wieder einmal im Wirtshaus weiterzustreiten. Allerdings haben wir nicht in erster Linie den Schwips im Tschocherl vermisst, sondern noch viel mehr die fünf Zeitungen und den Apfelstrudel im Kaffeehaus, das Mittagessen an einem echten Restauranttisch, die Wurstsemmel in der Sportplatz-Kantine, die Fachsimpelei im Theaterbuffet u.v.m.

Deshalb sind gestern ein paar von uns ausgeschwärmt, um ein bisschen was von dem nachzuholen, das uns (wie Ihnen vermutlich auch) in den vergangenen Monaten ent- und abgegangen ist. Hier sind die Lokalaugenscheine derjenigen, die anschließend noch artikulations- und schreibfähig waren.

Aumannplatz, 18. Bezirk, in aller Früh

Hinter dem Lokal steht der Koch, beide Hände mit Faschen eingewickelt, und raucht finsteren Blickes. Die Kellnerin steht daneben und lacht ihn aus.

„Oida, wir hom no ned amoi aufgesperrt und du bist scho verletzt.“

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„Hoit di Pappn, i kum ma vua wia a Lehrling. I bin’s nimma gwöhnt.“

*

Adlerhof, 7. Bezirk, ein bisschen später

Mittwoch früh Punkt 9 Uhr das ganz große Glück: Ein Kaffee, in der Tasse, an den Tisch serviert – und kein Pappbecher auf der Parkbank. Um den Tisch drinnen freizugeben, muss sich die Kellnerin allerdings in verschiedene Informationen einarbeiten: einmal in einen Impfpass (liegt die Erst-Impfung lange genug zurück, um schon zu gelten?), dann einen Nachweis über Genesung plus einmaliger Impfung studieren und schließlich ein fast schon unspektakulär negatives Testergebnis überprüfen. Wie das Personal sich durch diese Zettelwirtschaft kämpfen soll, wenn viel los ist, bleibt spannend. Sonst ist alles beim Alten: die Hälfte wird falsch gebracht und vergessen, freundlicher könnte es auch zugehen. Was soll’s. Endlich wieder Kaffeehaus!

*

Café, 5. Bezirk, knapp vor Mittag

Der Schanigarten ist fast leer, es dauert aber trotzdem, bis sich der Kellner mit FFP2-Maske an den Tisch bemüht. Vor den Metalltischen schiebt sich der Stadtverkehr zur roten Ampel hin. „Haben Sie eine Zutrittsberechtigung?“ fragt er ungelenk.

„Ich kann Ihnen meinen Test zeigen. Wollen Sie ihn sehen?“

„Ja, wenn Sie ihn mir zeigen wollen?“

Kurze Stille. Das Testergebnis ist nicht heruntergeladen. Die Seite lässt sich nicht öffnen: Funkloch. Die Handhabung beweist Hilflosigkeit. „Ich bringe Ihnen einmal einen Verlängerten“, sagt der junge Mann in die beidseitige Ratlosigkeit hinein. Und beim Weggehen: „Uns hat halt niemand gesagt, wie man das jetzt richtig macht!“

*

Rabensteig, 1. Bezirk, zu Mittag

Im Entrée zum Bermudadreieck werden Paletten mit Getränkekisten und Bierfässern angeliefert, die Schanigärten füllen sich mit Mittagsgästen, bloß ein Lokal öffnet heute nicht: Das Bin Ramen. Hier wurde der Restaurantbetreiber QiangLi am letzten Abend vor Beginn des Lockdowns von einem islamistischen Attentäter ermordet.

In der Glastüre klaffen noch immer sieben Einschusslöcher, welche die tödlichen Kugeln des Angreifers hinterlassen haben; rechts neben dem Eingang stehen drei Grabkerzen, davor verdorren Bambussträucher in Holztrögen. Die Hinterbliebenen von QiangLi haben bislang noch keine adäquate Unterstützung oder Entschädigung von der Republik Österreich bekommen, und das bedeutet: das Bin Ramen hat am 2. November wohl unwiderruflich geschlossen.

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Yppenplatz, 16. Bezirk, am frühen Abend

Am strömenden Regen stört sich hier niemand. „Es tut mir leid. Alles ist voll“, sagt ein Kellner zu einem verzweifelten Gast am Telefon. In den Schanigärten am Yppenplatz trinken junge Hipster gemütlich Veilchen-Spritzer und Bier.

In den Lokalen sitzen die Stammgäste so selbstverständlich auf ihren Plätzen, als hätte es die vergangenen sieben Monate Lockdown nicht gegeben. Der Kellner trällert im Vorbeigehen „Listen to your heart”. Sänger ist keiner an ihm verloren gegangen. Gute Laune verbreitet er trotzdem. Und der Spritzer, ein Gemisch aus billigem Weißwein und Soda vom Discounter, schmeckt besser als jedes Bio-zertifizierte DAC-Gesöff, das ich in den vergangenen sieben Monaten getrunken habe. Prost!

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Hannovermarkt, 20. Bezirk, gegen 19 Uhr

Am Fenstertisch der „Kopfwehinsel” sitzen drei ältere Damen (zwei resch und gebräunt, eine etwas melancholisch), vor sich Schartnerbombe und ein Plastikbehältnis mit undefinierbaren Süßigkeiten. Ein Herr segelt in leichter Schieflage auf sie zu und grüßt die eher Melancholische.

Gu’n Abend, lang net g’sehn.

Nicken. Pause.

Tschuidigung, hab‘ g’hört, der Gatte is voriges Jahr g’storm.

Nicken. Pause.

War’s guad, dass er g’storm is?

Nicken. Pause.

I hob eam mögn. Hab‘ tarockiert mit eam.

Nicken. Pause.

Na dann … herzliches Beileid.

Nicken. Pause.

*

Gaudenzdorf, 12. Bezirk, nach 19 Uhr

Die Steinbauergasse ist so etwas wie die Mahü des Meidlinger Bezirksteils Gaudenzdorf. Manche Anrainer nennen sie auch die „Straße des Glücks“, weil sich hier einst die Spielautomatenlokale und Handyshops aneinanderreihten. Heute ist sie die Ausgehmeile des Grätzels: gut ein Dutzend Schanigärten kommen auf rund 400 Meter. Getrunken wird hier fast rund um die Uhr. Zumindest war das bis vor dem zweiten Lockdown so. An diesem Nachmittag hingegen stehen die regennassen Tische leer.

Aus dem Un Momento, dem schicksten Lokal der Gasse, prostet ein Einsamer den Vorbeigehenden hinter den großen Scheiben zu. Lediglich vorm Eck-Tschocherl Wenia herrscht Partystimmung: vier Männer stoßen klirrend ihre Krügeln zusammen. „Weu´s endlich wieder geht“, schreit einer von ihnen, und klammert sich torkelnd am Stehpult fest.

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Stadtsaal, 6. Bezirk, knapp vor 19.30 Uhr

„Nachweis und Ausweis bitte dem Kollegen zeigen”, sagt der freundliche Herr vor dem Eingang des Stadtsaals zu den Besuchern. Mit Abstand und Maske und ganz ohne Stress kramt man Impfpass, Gurgeltestscreenshot oder Teststraßen-Zettel hervor, hält etwas Behördliches mit Lichtbild bereit und zeigt es dem angekündigten Kollegen ein paar Schritte weiter. Kartenkontrolle, Garderobe, Bar – es ist fast wie früher. Nur ein bisschen anders. Viele Sitzplätze müssen frei bleiben. Aber trotzdem knistert es im Saal. Es wird dunkel. Der Kabarettist Lukas Resetarits betritt die Bühne. Heute spielt er die Premiere seines 28. Soloprogramms.

„Ich bin froh, dass Sie da sind“, sagt er. Tosender Applaus.

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Restaurant D’Landsknecht, 9. Bezirk, nach 20 Uhr

Taxler zur Kellnerin: Taxi!

Kellnerin zu einem Gast: Warten Sie auf ein Taxi?

Gast zur Kellnerin: Nein, auf mein Bier.

Kellnerin: Ist das schön, wenn man wieder ein bisschen Hektik hat!

*

Hauptbücherei, 7. Bezirk, gegen 22 Uhr

Die Mai-Ausgabe der Literatur-Talkshow „Tea for Three“ fällt zufällig auf einen Mittwoch und dann auch noch den neunzehnten! Seit Monaten ist erstmals wieder Publikum zugelassen, und tatsächlich finden sich gezählte zwanzig Leute in der Hauptbücherei am Gürtel ein, die um halb acht nichts Dringlicheres zu tun haben, als Co-Host-Daniela Strigl, Ö1-Mann Peter Zimmermann und mir (Klaus Nüchtern, Anm.) eineinhalb Stunden lang zuzuhören, wie wir uns über Neuerscheinungen und -übersetzungen von Christoph Ransmayr (unrettbar), Helen Macdonald (aber hallo) und Gustave Flaubert (ja eh) ziemlich einig sind. Es wird dann doch etwas eng, weil die Küche in dem Lokal, in dem für danach der zugelassene Vierertisch reserviert wurde, um 21.30 Uhr schließt. Da ist man strikt. In Sachen Eintrittsbestimmungen weniger. Niemand will einen Test oder sonst was sehen. 21.55 Uhr: Last Orders. 22.05 Uhr: Sperrstund! Zumindest das fühlt sich an wie „Normalität alt“: Charmetechnisch ist hier noch immer sehr viel Luft nach oben.

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Facebook, überall, 22 Uhr

Die Zahl der geposteten Krügerln, Achterln und Schnapserln übersteigt zum ersten Mal seit Beginn der Lockdowns jene von Katzenbildern und Anti-Basti-Rants. Sperrstunde.

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