Drohnenflug in Schwarz-Weiß: Der Dokumentarfilm „Surviving Gusen“

Feuilleton, FALTER 22/21 vom 02.06.2021

Die Lebenserwartung in den Stollen des KZ Gusen betrug keine vier Monate (Foto: Bright Films)

Über keinen Ort der Vernichtung auf österreichischem Boden ist mehr spekuliert worden als über das Konzentrationslager Gusen. Zuletzt sorgte 2019 eine im ZDF ausgestrahlte History-Doku für Aufregung, der zufolge es in Gusen ein weiteres unterirdisches Lager gegeben haben soll, in dem die Nazis eventuell an der Atombombe arbeiteten.

Für diese haltlosen Mutmaßungen, die nicht zuletzt vom Nachkommen des ehemaligen Lagerkommandanten befeuert wurden, hat "Surviving Gusen" erfreulicherweise nichts übrig. Vielmehr widmen sich Johannes Pröll und Gerald Harringer in ihrem Film drei Überlebenden dieses Lagerkomplexes - und der eindringlichen Erkundung dieser "Hölle aller Höllen", wie einer von ihnen sagt.

Dafür haben die Filmemacher, beide stammen aus Oberösterreich, eine außergewöhnlich rigide Form gewählt, die in ihren besten Momenten an dokumentarische Arbeiten von Thomas Heise (zuletzt "Heimat ist ein Raum aus Zeit", 2019), dann allerdings wieder an die Oberfläche eines Computerspiels mit etwas geschmäcklerischem Sounddesign erinnert.

Gut die Hälfte des Films besteht aus Aufnahmen einer Kameradrohne, das schafft Übersicht, macht Distanzen nachvollziehbar. Die Farben hat man herausgenommen, wodurch die schöne Landschaft plötzlich sehr fremd anmutet. Dazu zitiert Maria Hofstätter aus zeitgenössischen Dokumenten und Peter Simonischek aus der Autobiografie von Karl Littner, einem polnischen Juden, der am 5. Mai 1945 in Gusen von den Amerikanern befreit wurde: "Ein Leben am seidenen Faden."

Die durchschnittliche Lebenserwartung in dem KZ lag bei unter vier Monaten. Rund die Hälfte der 71.000 dort eingesetzten Zwangsarbeiter fand den Tod. Dušan Stefančič gehört zu den wenigen, die diese Statistik Lügen straften. 2017 besuchte der gebürtige Slowene eine Gedenkveranstaltung in Gusen und traf unter anderem Alexander Van der Bellen. Das bei dieser Gelegenheit aufgenommene Gespräch mit dem Zeitzeugen zählt zu den Höhepunkten des Films.


Premiere: Crossing Europe Linz, 1. und 6.6.

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