Karl Nehammer, Stadtparkwächter

Wie Innenminister Karl Nehammer persönlich dafür sorgte, dass 300 Jugendliche im Stadtpark sicher feiern können

Martin Staudinger
FALTER.MORGEN, 24.06.2021

Es waren offenbar besorgniserregende Szenen, die Karl Nehammer wahrnehmen musste, als er vorgestern Abend nach halb Zehn mit seiner Frau durch den Wiener Stadtpark flanierte: Jugendliche, Alkohol, Musik – eine Gemengelage, an der das Auge des Gesetzes nicht einfach vorbeiblicken darf.

Also zückte er das Handy und waltete seines Amtes. „Über OVD (Offizier vom Dienst, Anm.) bzw. Präsidialjournaldienst wurde eine Beschwerde des Herrn Innenministers bekannt, welcher eigene Wahrnehmung im Stadtpark gemacht hatte“, heißt es in einem dem FALTER.morgen vorliegenden Einsatzbericht der Landespolizeidirektion Wien, die pflichtschuldig ihre Truppen in Marsch setzte. Unter dem roten Altbürgermeister Helmut Zilk hätte es nicht besser laufen können.

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Wenig später bezogen im Stadtpark Einsatzkräfte Stellung – darunter ein Technisches Kommunikationsfahrzeug (TKF) und eine Bildüberwachungseinheit.

Ihre Observationen haben es in sich: „Nachschau um 21. 50 h ergab ca. 300 Jugendliche in der Wiese gegenüber vom Kursalon Hübner, loses Zusammensitzen bzw. – stehen einzelner Jugendgruppen, es wurde Alkohol konsumiert und in vertretbarer Lautstärke Musik gespielt“. Festgestellt wurde weiters eine „ausgelassene aber problemlose Stimmung“. Abgesehen von einer Amtshandlung wegen Suchtgift waren keine Maßnahmen angezeigt. Um 00.30 Uhr beobachteten die Beamten einen „starken Abstrom“ (die letzte U-Bahn!) und „keine Problemstellungen“, um zwei Uhr früh waren noch „in kleinen Grüppchen ca. 150-200 Personen anwesend, ruhige Lage.“

Was den Innenminister an der Szenerie im Stadtpark dermaßen beunruhigte, erklärt er gegenüber FALTER.morgen folgendermaßen: Es sei ihm nicht darum gegangen, die Jugendlichen vom Feiern abzuhalten – sondern darum, ihre Sicherheit zu gewährleisten. Zuletzt habe es immer wieder sexuelle Übergriffe unter Alkoholeinfluss gegeben: „Vor allem die Mädels sollen feiern und auch trinken können, ohne dass ihnen etwas zustößt.“

Abgesehen davon (kleiner Seitenhieb auf Wien): „Wenn sich das Magistrat ordnungspolizeilich nicht kümmert, ist die Sicherheitspolizei gefordert. Und wenn ich als Innenminister ein Sicherheitsproblem wahrnehme, ist es meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass nichts passiert.“

Innerhalb der Polizei sorgt Nehammers Anruf freilich für leichtes Amüsement: Der Exekutive macht ein Gelage von ein paar hundert Jugendlichen im Stadtpark deutlich weniger Sorgen als die Situation am Donaukanal – einem Bereich, in dem sich laut einer Risikoeinschätzung oft „tausende alkoholisierte Personen aufhalten“ und „eine aggressive Stimmung gegenüber den Polizeikräften, aber auch gegenüber den Mitarbeitern des Magistrats der Gruppe Sofortmaßnahmen“ herrsche, wie es in einem internen Lagebericht heißt. Zudem sei dort „ein mögliches Sturzgeschehen von Beteiligten (Einsatzbeamten und Passanten) in den Donaukanal“ zu befürchten.

Vielleicht sollte Karl Nehammer einmal dort spazieren gehen.

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