„Als Schauspieler bist du die Maskeraden ja gewöhnt“

Benedict Cumberbatch über seinen neuen Kinofilm „Der Spion“ – eine ebenso wahre wie unwahrscheinliche Agentengeschichte fernab aller James-Bond-Klischees

Michael Omasta
FALTER:WOCHE, FALTER 26/21 vom 29.06.2021

Foto: FILMLADEN

Die einsamen Genies und brillanten Bösewichte hat Benedict Cumberbatch drauf wie kein anderer. Das weiß, wer ihn je im Fernsehen als Sherlock oder als Dr. Strange im gleichnamigen Marvel-Franchise gesehen hat. Oder als Mathematiker Alan Turing in „The Imitation Game“, dessen Darstellung ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Neuerdings jedoch macht der Brit-Star, der 1976 im Londoner Bezirk Hammer­smith in eine Schauspielerfamilie geboren wurde, mit 13 in einer Schulaufführung als Elfenkönigin Titania im „Sommernachtstraum“ erstmals auf der Bühne stand und 2013 vom Filmmagazin Empire zum „Sexiest Movie Star“ gewählt wurde, seinen Einfluss verstärkt auch hinter der Kamera geltend. So zeichnet Cumberbatch bei „Der Spion – The Courier“ in der Regie des bühnenerfahrenen Dominic Cooke zudem als Produzent verantwortlich.


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Gleiches gilt für den Justizthriller „The Mauritanian“ (Regie: Kevin Macdonald), in dem er als US-Chefankläger eine Verurteilung des jahrelang schuldlos in Guantanomo Bay inhaftierten Mohamedou Ould Safahi erwirken soll. Beim Zoom-Gespräch mit dem Falter im Jänner war dieser Film, der nun ebenfalls am Freitag in den heimischen Kinos erscheint, allerdings noch kein Thema.

„Der Spion“ basiert auf wahren Begebenheiten und ist Genrekino im besten, etwas altmodischen Sinn des Wortes. Erzählt wird die Geschichte eines Handelsvertreters namens Greville Wynne, der 1962 wegen seiner Geschäftskontakte hinter dem Eisernen Vorhang vom britischen Geheimdienst und der CIA angeworben wird. Er soll als Verbindungsmann des sowjetischen Obersts Oleg Penkowski militärische Geheimnisse aus Moskau herausschleusen. Die Rolle erlaubt dem Schauspieler, sich in einem neuen Fach zu bewähren: Angetan mit Hut und Schnurrbärtchen à la David Niven meistert Benedict Cumberbatch den Part des unauffälligen Jedermanns, der langsam über sich selbst hinauswächst, bravourös.

Falter: Herr Cumberbatch, existiert für Sie eine Ähnlichkeit zwischen der Kunst des Schauspielers und dem Handwerk eines Spions?

Cumberbatch: Spionagethriller sind Speis und Trank für einen Schauspieler. Das gilt besonders für diese Art von analogem Low-Fidelity-Film wie „The Courier“, in dem es um Menschen geht, um Beziehungen und reale Orte. Die einzigen Gadgets, die es gibt, sind Mikrofilmkameras. Als Schauspieler bist du die Maskeraden ja gewöhnt und hast ein gewisses Rüstzeug, um einen Charakter möglichst glaubhaft darzustellen. Wenn du einen Spion spielst, bekommen Szenen gleich einen doppelten Boden, weil du dein Gegenüber ständig auszutricksen versuchst. Das ist eine ziemlich subtile Angelegenheit. An diesem Charakter hat es mich gereizt, jemanden darzustellen, der am Anfang vollkommen naiv ist – ein Amateur, der null Ahnung vom Geschäft der Geheimdienste hat.

Er wird von der Unschuld zum Profi?

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Cumberbatch: Genau, wobei der echte Greville Wynne und der russische Informant richtig gute Freunde wurden. Anders als die Profis hat er als Einziger versucht, Oleg Penkowski aus Moskau zu holen, als dieser aufzufliegen drohte.

Greville ist weit von den grenzgenialen Charakteren entfernt, die Sie sonst häufig spielen – von Sherlock Holmes und Alan Turing ebenso wie von Erzbösewichten wie Khan oder Dr. Strange.

Cumberbatch: „The smartest person in the room“ ist er bestimmt nicht, aber ein Performer, was in der Spionage überlebenswichtig sein kann. Er ist ein Verkäufer, der anderen etwas schmackhaft machen und bei einem feuchtfröhlichen Geschäftsessen einen Vertrag zum Abschluss bringen kann. Er hat Charme und ein gewisses Charisma. Das befähigt ihn, sein wahres Interesse zu verbergen, nämlich dass die Leute ihre Scheckbücher zücken und kaufen, was er ihnen andreht. Aber es stimmt, Gre­ville unterscheidet sich schon sehr von den meisten Charakteren, die ich bisher gespielt habe. Er stammt aus Wales, hat einen Arbeiterklasse-Hintergrund, hat jung geheiratet und sich hinaufgearbeitet. Jetzt gehört er der Mittelschicht an, ist über 40, ein Geschäftsmann mit komfortablem Familienleben und ersten Anzeichen eines Bierbauchs. Er tut nur noch das Nötigste – und dann passiert etwas, das sein Leben auf den Kopf stellt.

Eine spannende Entwicklung, genau das Gegenteil eines James Bond. Haben Sie eine Erklärung, warum ausgerechnet das britische Kino so besessen von Spionagegeschichten ist?

Cumberbatch: Es ist einfach ein großartiges Genre, um spannende Geschichten zu erzählen, die clever und elegant sind. Das entspricht doch genau den Eigenschaften, die wir als „typisch britisch“ so gern in unserem kulturellen Besitz wähnen. (Lacht.) Für mich ist es ein ganz interessanter Rahmen, um damit zu arbeiten. Es ist wie Schach und perfekt geeignet fürs Kino, es geht viel um Blicke und Nuancen. Und das Publikum muss sich selbst seinen Reim auf diese nonverbale Action machen, es bekommt nicht andauernd alles erklärt.

Zumindest gilt das für die labyrinthischen Spionagegeschichten à la John le Carré – haben Sie den Autor kennengelernt?

Cumberbatch: Ja, als ich vor zehn Jahren in einer Verfilmung seines Romans „Tinker Tailer Soldier Spy“ mitgespielt habe. Er war ein perfekter Gentleman und überaus witzig obendrein. Damals habe ich mehrere seiner Bücher wiedergelesen und erst verstanden, dass er in Geheimdienstgeschichten immer brandaktuelle Themen verpackt hat. David (so der bürgerliche Vorname le Carrés, Anm.) war ein absoluter Meister – nicht nur des Romans oder eines bestimmten Genres, sondern der modernen Literatur. Die Art und Weise, wie er seine Charaktere entwickelt, der Reichtum, mit dem er ihr Innenleben ausgestattet und all das mit den Qualitäten eines Pageturners verbunden hat, sind schlicht phänomenal. James Bond ist die wunderbar eskapistische Fantasy-Version davon, jeder Film ein Groß­ereignis, das ein Millionenpublikum anzieht. Ich denke, wir haben in unserer Kultur für beides Platz.

„Der Spion – The Courier“ erzählt eine höchst unwahrscheinliche Geschichte – aber ist ihr Witz nicht, dass sie auf wahren Begebenheiten beruht?

Cumberbatch: Auf jeden Fall. Es ist die praktisch unbekannte Geschichte zweier Leute, die in einem kritischen Moment des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich finde sie auch für heute kulturell und politisch wichtig: den Gedanken nämlich, dass Leute sich von ihrer Partei lossagen oder Befehle ihrer Vorgesetzten missachten, die mutig genug sind, sich gegen Autoritäten zu stellen, um der Menschheit und der Demokratie zu dienen. 1962 standen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion am Rande der gegenseitigen Vernichtung. Heute sind trotz Abrüstung bedauerlicherweise mehr Staaten im Besitz von Nuklearwaffen als damals im Kalten Krieg. Das ist schon beunruhigend. Während wir den Film 2018 drehten, schoss Kim Jong-un gerade wieder mit Raketen herum. Es ist also immer noch ein Thema. Ein individueller Akt des Mutes kann ungeahnte Auswirkungen haben, Freundschaft die Kluft zwischen Nationen überwinden, wenn sie gemeinsamen Ideen von Freiheit, Sicherheit, Familie verpflichtet ist.

Würde man das heute nicht viel eher Whistleblowern zutrauen als Leuten vom Geheimdienst?

Cumberbatch: In gewissem Sinn war Oleg Penkowski ein Whistleblower. Nur hat er Informationen öffentlich gemacht, indem er sie an westliche Geheimdienste hinausspielte. Übrigens sehe ich das nicht so kritisch wie Sie, ich glaube, dass es auch in den Geheimdiensten noch hochtalentierte Männer und Frauen gibt, die mit Hingabe für ihr Land arbeiten und schwere persönliche Opfer bringen. Der Frieden ist einer Vielzahl von Bedrohungen ausgesetzt, egal ob durch rechte Nationalisten oder religiöse Fundamentalisten. Insofern finde ich eine Spionageschichte wie sie „The Courier“ erzählt, immer noch relevant, weil auch die Probleme und möglichen Lösungen immer noch relevant sind.

In der letzten halben Stunde zieht das Tempo des Films richtig an, im Abspann wird sogar ein eigenes Team für „Wynne’s Prison Cell“ angeführt – um den Szenen diesen speziellen Look zu verleihen?

Cumberbatch: Stimmt, da wird es sehr unruhig. Die meisten Gefängnisszenen sind mit Handkamera gedreht, Farbpalette und Licht verändern sich massiv, es gibt unvermittelte Szenenwechsel, abrupte Schnitte. Ähnlich krass ist die Veränderung, die Greville aufgrund der Verhöre und Misshandlungen im Gefängnis durchmacht, dieser Wechsel musste unbedingt glaubwürdig sein. Zuerst hat er dieses etwas rundliche, joviale, von zu viel Alkohol leicht aufgedunsene Gesicht. Und dann, am Tag seiner Freilassung, trägt er dieselben Sachen wie bei seiner Festnahme, nur dass sie jetzt um ihn herumschlottern. Er ist bloß noch Haut und Knochen, praktisch nicht mehr wiederzuerkennen als der Mann, der er vorher war. Diese Verwandlung sowohl körperlich als auch mental spürbar zu machen war für mich als Schauspieler die größte Herausforderung. Man geht da schon an seine Grenzen, ist sehr verletzlich, aber ich wollte mich vor dieser brutalen Erfahrung keinesfalls drücken.

Wie haben Sie sich auf diesen Teil des Drehs vorbereitet?

Cumberbatch: Ich musste Produktion und Regisseur überzeugen, mir genug Zeit zur Vorbereitung zu lassen, und habe sie überredet, in den Weihnachtsferien nicht zu drehen. Für diese zwei Wochen habe ich mir ein straffes Programm verordnet: sehr viel körperliches Training, endloses Schwimmen in eiskaltem Wasser – das schien am besten zu helfen – plus Yoga, Meditation und Diät. Ich wollte nicht einfach nur Kilos verlieren, sondern fit und kräftig wirken dabei. Seltsam war, dass es viel länger gedauert hat, das Gewicht nachher wieder zuzulegen. Mir ist das ziemlich lange nachgehangen, bis ich mich in meinem Körper wieder richtig wohlgefühlt habe. Irgendwie sah ich monatelang fremd aus.F

„Der Spion – The Courier“ läuft ab 2.7. in den Kinos (OmU im De France und Votiv, OF im Haydn)

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