Weißer Schrein der Erinnerung

In einer historischen Villa übergießt Stephanie Pflaum Plastikblumen, Haare und Herzen mit weißer Farbe

NICOLE SCHEYERER
FALTER:WOCHE, FALTER 26/21 vom 30.06.2021

Foto: Katharina Gossow

Auf einem Hang über Greifenstein steht ein Traum von einer alten Villa. Der Architekt Theophil Hansen hat dort vor rund 170 Jahren in den Formenschatz byzantinischer Baukunst gegriffen und für den Baron Louis von Pereira-Arnstein ein repräsentatives Domizil geschaffen.

Stephanie Pflaum verdankt es ihrem Urgroßvater, dass sie heute den Wintergarten dieses Prachtbaus als Atelier benützen kann. Der Bankier Moritz Pflaum kaufte die mit Türmchen, Säulenhalle und Terrasse ausgestattete Immobilie, die sich seither in Familienbesitz befindet.

Die 1971 geborene Künstlerin empfängt den Falter mit einer Entschuldigung: Eine Renovierung verursache Chaos im Haus. Der Saal mit den vielen verzierten Säulen muss durch ein Gerüst gestützt werden, da sich die Decke absenkt. In den Wohnräumen nebenan hängen die Wände voller Bilder, die Künstlerfreunde ihrer Eltern wie Walter Pichler oder Kurt Kocherscheidt geschaffen haben.

"Ich habe alles versucht, um nicht Künstlerin zu werden", erzählt Pflaum später. Die Latte "guter Kunst" sei in ihrer Familie so extrem hoch gelegen, dass sie nur vom Scheitern ausgehen konnte. Dabei zeichnete die Anwaltstochter schon als Kind ständig und erlebte auch die Maler als sehr nett. Aber es waren halt alles Männer und so keine role models.

Eine Wendeltreppe führt hinauf in den großen Wintergarten. Durch die Fenster blickt man auf alten Baumbestand. Spuren wie ein Rest Deckenmalerei hier und ein bisschen Mosaikboden dort verweisen auf einstige Grandezza. Pflaums Arbeiten passen bestens dazu, verkörpern sie doch Üppigkeit ebenso wie Verfall.

Auf den ersten Blick ist schwer auszumachen, wo das eine Kunstwerk endet und das nächste anfängt. An rohen Holzteilen oder Lampenständern hängen Plastikblumen, Haarteile, Metall- und Perlenketten. Aus einer zerfetzten Couchgarnitur ragen Gebisse, Glasaugen und künstliche Schwammerln. Und über allem ist großzügig weiße Farbe verschüttet.

"Mich interessiert das, was jeden Menschen dieser Welt gleich stark betrifft, nämlich die Beschäftigung mit Sehnsüchten, Ängsten, Fleischlichkeit und dem Tod", erklärt die Künstlerin. Schon während ihres Malerei-Studiums bei Christian Ludwig Attersee wechselte sie vom Zwei- ins Dreidimensionale. Bald entstanden Assemblagen - also Collagen aus Objekten -, die manchmal an den Nouveau Réalisme eines Daniel Spoerri denken lassen. Auch der Wiener Aktionismus mit seinem Hang zu Exzess und Gewalt korrespondiert mit Pflaums obsessiver Ästhetik. Wie Hermann Nitsch und Günter Brus arbeitete sie mit der lokalen Galerie Heike Curtze zusammen.

Schließlich sprang der US-Galerist Mike Weiss auf ihr Werk an. Von 2004 bis 2009 pendelte die Mutter zweier kleiner Söhne zwischen Wien und New York. Die Anerkennung und den finanziellen Erfolg in Übersee bezahlte sie mit einer tiefen Erschöpfung: "Als ich mich bei meiner eigenen Vernissage nur noch todunglücklich fühlte, habe ich mich gegen diese Art von Karriere entschieden."

Mittlerweile kreiert Pflaum am liebsten ganze Räume wie 2014 im Kunstforum Wien. Ein ganzes Jahr lang dauerte die Arbeit an ihrem Environment "Ein Ort aus Jetzten". Im Atelier entstanden dafür Module, die erst in der Ausstellungshalle zusammengefügt wurden.

Das Ergebnis sah wie ein verlassenes, von Pflanzen überwuchertes Wohnzimmer aus, anziehend und abstoßend zugleich. Ähnlich verhält es sich mit den verwendeten Haarbüscheln. "Die Haare rahmen Kopf, Gesicht, Gehirn und gleichsam unsere Gedanken. Sie stehen für Schönheit, aber losgelöst vom Körper können sie grauslich wirken."

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Ob mit oder ohne Perücke, das Motiv der Vergänglichkeit zieht sich bei Pflaum durch. Eine morbide Tendenz teilt die Künstlerin zwar mit vielen zeitgenössischen Positionen. Aber ihre Neigung, immer aufs Ganze zu gehen, hat auch mit frühen Erlebnissen zu tun.

Parallel zu ihrer Kunst war die 49-Jährige auch viel in Vorlesungen. Aktuell belegt sie an der Sigmund Freud Privatuniversität das Studium Psychotherapiewissenschaften. Während ihrer Lehrtherapie deckte Pflaum die Wurzeln ihrer Liebe für Plastikblumen auf. Neun Monate bevor sie selbst auf die Welt gekommen sei, sei ihre Schwester gestorben. Als kleines Mädchen habe sie ihre Eltern oft zum Familienmausoleum begleitet und dort Kinderlieder für die Verstorbene gesungen.

"Plötzlich habe ich mich daran erinnert, dass das oft von mir geküsste Foto meiner Schwester mit Plastikblumen verziert war", erzählt die Künstlerin. Wer also bei Pflaums Skulpturen an Altäre und Reliquienkult denkt, liegt nicht falsch. Es steckt ihr ganzes Herz darin.

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