„Strikte Sanktionen, keine milden Maßnahmen“

Rosa Logar, Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt, über die notwendigen Konsequenzen aus dem Mordfall der 13-jährigen Leonie.

Soraya Pechtl
FALTER.MORGEN, 01.07.2021

Geschäftsführerin der Interventionsstelle gegen familiäre Gewalt Rosa Logar bei ihren Ausführungen

Afghanen begehen zwölf Mal häufiger Sexualverbrechen als die Durchschnittsbevölkerung. Was sind die Gründe dafür?

Logar: Die patriarchalen Strukturen in manchen afghanischen Familien sind sehr stark ausgeprägt. Aber der überwiegende Teil dieser Männer ist nicht gewalttätig. Ja, es ist ein erhöhter Prozentsatz, den man ernst nehmen muss, aber man darf das nicht pauschalisieren. Ich möchte auch betonen, dass das Erklärungen für die Ursachen sind, die Gewalt aber keinesfalls entschuldigen.

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Welche Erfahrungen haben Sie in der Interventionsstelle gemacht?

Logar: Ich erinnere mich an einen jungen 16-jährigen Afghanen, der vor einigen Jahren versucht hat, sexuelle Übergriffe zu begehen. Er wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Niemand hat sich darum gekümmert, dass er ein massives Gewaltproblem hat. Wir haben dann mit anderen Einrichtungen zusammengearbeitet. Wir müssen dranbleiben an diesen gefährlichen Jugendlichen und auch an der Stärkung der Mädchen. Aber die Gewaltschutz-Einrichtungen haben dafür zu wenig Personal. Es gibt keine längerfristigen Präventionskonzepte.

Was müsste jetzt passieren?

Logar: Wir haben mehrmals gefordert, Mord- und schwere Gewaltdelikte schnell zu analysieren, damit wir Stärken und Schwächen unserer Gewaltschutzmaßnahmen evaluieren können. Nur so können wir solche Eskalationen verhindern. Aber es gibt immer noch keine Mordfall-Analysen. Auch eine bessere Beweismittelsicherung bei Gewaltdelikten wäre notwendig. Von zehn Anzeigen werden acht eingestellt.

Und was ist mit der Täterarbeit?

Logar: Das mit der Täterarbeit ist so eine Sache. Man tut, als ob die Täterarbeit allein schon so wirkungsvoll wäre. Der 18-Jährige Verdächtige war vorbestraft und wurde vorzeitig entlassen. Die meisten Häftlinge kommen nach zwei Drittel der Strafe raus. Man muss auch im Gefängnis am Aggressionsproblem der Täter arbeiten. Wenn das Delikt während der Haft überhaupt nicht bearbeitet wird, ist die Wiederholungsgefahr groß. Der Tatverdächtige 18-Jährige hat nach der Haftentlassung wahrscheinlich einen Bewährungshelfer bekommen. Das sind meist Sozialarbeiter, die einem helfen Fuß zu fassen und eine Wohnung zu finden. Man darf aber nicht glauben, dass die Haltung, Frauen mit Gewalt zu beherrschen, verschwindet, wenn jemand eine Wohnung bekommt. Es müssen strikte Sanktionen gesetzt werden, und keine milden Maßnahmen. Wir brauchen ein Monitoring von Wiederholungstätern, wie bei den Terroristen – und eine Kommission, die sich damit beschäftigt.

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