Jäger und Googler

Der österreichische Plagiatsgutachter Stefan Weber bringt die deutschen Grünen ins Wanken. Was treibt ihn an?

Anna Goldenberg
MEDIEN, FALTER 28/21 vom 13.07.2021

Foto: Joachim Bergauer

Wenn Journalistinnen und Journalisten sich für die Arbeit von Stefan Weber interessieren, erhalten sie von ihm regelmäßig Updates. „Baerbock lässt ihr Doktor-Stipendium prüfen“, schickt er am vergangenen Samstag per Whatsapp. Das deutsche Boulevardblatt Bild berichtete, die grüne deutsche Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock habe von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung ein Promotionsstipendium erhalten. Weil sie währenddessen bereits für die Partei tätig war, lässt Baerbock nun überprüfen, ob die Zahlungen rechtmäßig gewesen sind. Das Stipendium war nämlich nur für Promovierende, die nicht nebenbei arbeiteten. Dass die Bild in dem verlinkten Artikel von einem „neuen Wirbel“ schreibt, dass Deutschland nun eine Debatte über Plagiate führt und wohl auch dass die Umfragewerte der deutschen Grünen weiter sinken, dahinter steckt der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber. Seit 2007 ist der 51-jährige Salzburger als selbstständiger Plagiatsprüfer tätig; die meisten seiner Fälle taugen nicht für den großen Medienrummel.

Doch spätestens seit Weber am 7. Jänner 2021 den Link zu einem Artikel mit dem Titel „Plagiate, falsche Zitate, mangelnde Deutschkenntnisse: Diplomarbeit der österreichischen Ministerin Christine Aschbacher unterbietet alle wissenschaftlichen Standards“ verschickt, den er auf seinem Blog veröffentlicht hatte, kennt ihn das ganze Land. Nachdem am Tag darauf auch Aschbachers seltsam formulierte Doktorarbeit publik wird, tritt die Arbeitsministerin zurück.

Nun sägt Weber am Sessel der Kanzlerkandidatin der deutschen Grünen, nachdem er zunächst Ungereimtheiten in ihrem Lebenslauf und dann Stellen, die sie in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ von anderen abgeschrieben hatte, aufdeckte. Anfangs fünf Textpassagen, nun erhält er laufend Hinweise, 43 Plagiatsfragmente sind es insgesamt. Die deutschen Grünen werfen ihm „Rufmord“ vor, die deutschen Zeitungen spekulieren über mögliche Hintermänner. Nein, sagt Weber, das Baer­bock-Buch ackere er unbezahlt durch, seine Erklärung klingt arrogant und einleuchtend zugleich: „Hätte ich das mit dem Auftrag gemacht, Baerbock zu erledigen, hätte ich einen großen Schlag gemacht, und drei Tage später wäre sie zurückgetreten.“ Wieder andere werfen ihm vor, er bewerte ein Sachbuch, ein politisches Pamphlet, mit Kriterien für wissenschaftliches Arbeiten. Nein, sagt Weber. „Ich will bei Fakten wissen, wo sie herkommen.“

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