„Scheiß auf die Geschmackspolizei“

Leslie Jamison zählt zu den meistbeachteten jungen Intellektuellen der USA. In ihrem jüngsten Essayband „Es muss schreien, es muss brennen“ geht sie ihrem ureigensten Thema nach: Was befähigt Menschen zur Empathie?

Klaus Nüchtern
FEUILLETON, FALTER 28/21 vom 13.07.2021

Ein Wal, der einsam durch den Pazifik zieht und ungewöhnliche Laute von sich gibt; ein Bub aus Louisiana, der von Flugzeugabstürzen träumt und davon überzeugt ist, in seinem früheren Leben Bomberpilot gewesen zu sein; ein Fotograf, der die Leichen der im amerikanischen Bürgerkrieg gefallenen Soldaten sorgsam für seine Aufnahmen arrangiert; die Spielermetropole Las Vegas, in der man rund um die Uhr nicht nur sein Geld verlieren, sondern auch heiraten kann.

Das sind nur einige der Protagonisten und Schauplätze jener 13 Essays, die in Leslie Jamisons jüngstem Buch versammelt sind. Bekannt wurde die Tochter eines Ökonomen, die in Harvard und Yale studiert hat, durch ihren 2014 erschienenen Essayband „The Empathy Exams“. Für die deutsche Ausgabe von „Die Empathie-Tests“ (2017) fügte der Verlag den Untertiel „Über Einfühlung und das Leiden anderer“ hinzu. Er umreißt nicht nur so etwas wie das Lebensthema der Autorin, sondern spielt auch auf einen Titel der New Yorker Parade-Intellektuellen Susan Sontag (1933–2004) an, mit der Jamison immer wieder verglichen wurde. In „Das Leiden anderer betrachten“ (2003) hatte sich Sontag mit dem Genre der Kriegsfotografie auseinandergesetzt und darin auch einige der Thesen aus ihrem berühmten Essay „On Photography“ (1977) revidiert.

Fotografie und das Leiden anderer sind Themen, mit denen sich auch Jamison immer wieder auseinandergesetzt hat. Darüber hinaus leben ihre Texte davon, dass sie radikal persönlich sind. Offen schreibt die Autorin über ihre Anorexie oder ihre Alkoholabhängigkeit, ohne dabei je larmoyant oder exhibitionistisch zu wirken.

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  2673 Wörter       13 Minuten

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