Tanzen, bis der Arzt kommt?

Die Clubs sind voll, die Corona-Infektionszahlen steigen: Jetzt verschärft die Regierung die Maßnahmen, die sie gerade gelockert hat.

Emil Biller
FALTER.MORGEN, 16.07.2021

Beim Kultursommer-Club ist coronasicheres Tanzen möglich, bisher hält sich die Nachfrage aber noch in Grenzen. ©FALTER/Biller

In den Niederlanden haben die Parties in den Clubs nach knapp 14 Tagen ein jähes Ende gefunden. Über 200 der 600 Feiernden hatten sich beim Tanzen in einer Großraumdisco in Enschede mit dem Coronavirus angesteckt, trotz Einlasskontrolle und 3G-Nachweis. Rund 1000 Infektionen sind auf ein Festival in Utrecht am ersten Juli-Wochenende zurückzuführen, obwohl auch dort die Besucher geimpft, getestet oder genesen sein mussten. Der niederländische Premierminister Mark Rutte entschuldigte sich am Mittwoch für die verfrühten Öffnungen. Auch im spanischen Katalonien mussten die Clubs nach nur drei Wochen wieder schließen.

Auch in Österreich begann sich ungefähr zeitgleich mit der Öffnung der Clubs am 1. Juli die hochinfektiöse Delta-Variante auszubreiten. Inzwischen macht sie 90 Prozent aller Covid-Neuinfektionen aus. Die 7-Tages-Inzidenz liegt in Wien mit Stand gestern bei über 30. Am häufigsten betroffen ist die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen, 70 Prozent aller Neuinfizierten sind laut der Gesundheitsagentur AGES unter 35 Jahre alt. Das ist auch jene Alterskohorte, in der gleichzeitig die meisten Parties gefeiert werden und aktuell noch die wenigsten Personen geimpft sind.

Dieser Text ist ein Teil des FALTER.morgen (Ausgabe vom 16.07.2021), dem neuen Früh-Newsletter aus der FALTER-Redaktion. Melden Sie sich hier an:

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) sah deshalb dringenden Handlungsbedarf. Er hat gestern in einer gemeinsamen Aussendung mit Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) bekannt gegeben, dass ab 22. Juli der Eintritt in die Nachtgastronomie nur mehr mit Impfung (ob ein Stich reicht oder man sich zweimal piksen muss, hat die Regierung noch nicht präzisiert) oder einem maximal 72 Stunden altem PCR-Test (ab Probenentnahme) erlaubt ist. Das Zertifikat für den Grünen Pass wird zudem erst nach Vollimmunisierung ausgestellt und die Kontaktdatenerfassung in der Gastronomie bleibt bestehen. Aber wie konnte es überhaupt soweit kommen?

Clubs als Corona-Hotspots

Mindestens sieben mit Corona infizierte Personen haben an den ersten beiden Wochenenden seit der Öffnung Nachtclubs in Wien besucht, über 1.500 wurden daraufhin als Kontaktpersonen identifiziert. Die meisten davon sind K2-Kontakte und wurden lediglich informiert, mussten also nicht in Quarantäne. Bis jetzt haben sich daraus aber keine Folgefälle entwickelt, so ein Sprecher der Stadt Wien.

Die meisten großen Clubs halten sich recht brav an die Maßnahmen, zog Walter Hillerer, Leiter der Gruppe Sofortmaßnahmen, nach dem ersten Clubwochenende in einer Aussendung Bilanz. In kleineren Bars und Clubs werden die 3G-Regel und die Registrierungspflicht aber zu späterer Stunde oftmals ignoriert, wie auch ein Lokalaugenschein vergangenen Freitag zeigte. Unter diesen Umständen sei auch das Ansteckungsrisiko in den Clubs erhöht, bestätigt der emeritierte Professor und Epidemiologe Michael Kundi (Med-Uni Wien). Allerdings: „Es ist überschaubar, wenn die Maßnahmen eingehalten und streng kontrolliert wird.“

ANZEIGE

Als ganz essentiell sieht Martina Brunner von der Vienna Club Commission das Contact-Tracing: „Dort wo viele Menschen zusammenkommen, wie das in Clubs der Fall ist, werden sich Cluster nicht vermeiden lassen. Durch gutes Contact Tracing können Infektionsketten aber schnell eingegrenzt und Personen isoliert werden.” Brunner appelliert an die Club-Besitzer und die Besucherinnen: „Die Clubs können solange offen bleiben, wie sich das Publikum gewissenhaft testen lässt und die Betreiber sich ihrer Verantwortung auch bewusst sind.”

Tanzen nur mit 1G

Ein Beispiel für einen Club, der sich seiner Verantwortung bewusst ist, ist „Das Werk” am Donaukanal. Hier war der Zutritt von Beginn an nur mit negativem PCR-Test möglich, zwischenzeitlich wurden auch tagesaktuelle Antigentests akzeptiert, da da PCR-Tests außerhalb Wiens oft sehr teuer und schwierig zugänglich sind. Dieses Konzept muss angesichts der angekündigten Verschärfungen der Maßnahmen ab 22. Juli wohl erneut überarbeitet werden. Mückstein will jedenfalls die PCR-Tests auch in den anderen Bundesländern wieder stärker ausrollen, sagte der Gesundheitsminister gestern in der ZiB 2.

Der Werk-Inhaber Stefan Stürzer will den Besuch so sicher wie möglich gestalten, er befürchtet ein erneutes Zusperren der Nachtclubs. „Wenn die Zahlen wieder stark ansteigen, sperren wir als erstes wieder zu. Das betrifft uns dann alle, obwohl das Unvermögen einzelner Betreiber daran schuld ist.”

Stürzer schämt sich für seine Branche, sein Betrieb halte sich streng an die Maßnahmen: „Bei uns gibt es wie in der Verordnung vorgegeben nur 75 Prozent Auslastung, bei einigen anderen hingegen bis zu 130 Prozent. Das ist ein Wahnsinn, was da passiert.” Bis jetzt sei noch kein einziger Corona-Fall auf einen Besuch im „Werk” zurückzuführen.

Die Alternative der Stadt Wien

Eine coronasichere Alternative zum Tanzen in den Clubs hat sich auch Jugendstadtrat und Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr (NEOS) einfallen lassen. Im Rahmen des Kultursommers bietet die Stadt Wien erstmals eine offizielle Clubbing-Location unter freiem Himmel an.

Bis Mitte August verwandelt sich ein Lagerplatz der MA28 (Straßenmeisterei) an den Wochenenden in einen Outdoor-Club mit Industrieflair. Direkt neben der Südosttangente können hier Partywütige zu lauten Klängen und dumpfem Bass bis zwei Uhr früh abtanzen. Bislang noch nicht so gut besucht, könnte das Angebot durch die steigenden Coronazahlen für viele bald interessanter werden.

Wenn ab Mitte August auch diese Alternative wegfällt, müssen Jugendliche fürs sicherere Outdoor-Feiern wohl wieder auf Karlsplatz und Donaukanal ausweichen.

Eine Reportage über das Outdoor-Clubbing der Stadt Wien finden Sie im aktuellen Falter.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.


12 Wochen FALTER um 2,17 € pro Ausgabe
Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld. Unterstützen Sie uns mit einem Abonnement!