Gelesen: Bücher, kurz besprochen

Die Wissenschaft der Tagebücher

VERONIKA HELFERT
Politik, FALTER 29/21 vom 21.07.2021

Alle, die schon einmal ein Tagebuch eines fremden Menschen in den Händen gehalten haben, wissen um die Faszination, die davon ausgeht, die Aufzeichnungen einer Unbekannten zu lesen.

"Kommunikative Geheimnisse" nennt Li Gerhalter in ihrer Studie zu Tagebüchern als Quellen eine Funktion dieser Textgattung: Geheimnisse, die auch gelüftet und geteilt wurden. Ihre eigene Forschung der Mädchentagebuchkultur im 20. Jahrhundert stellt die Historikerin in ihrer theoretisch fundierten Studie in eine lange Tradition von wissenschaftlicher Beschäftigung mit diaristischen Aufzeichnungen.

Gerhalter führt uns in die Forschungsund Sammlungspraxen von Kleinkindpädagoginnen und -pädagogen im 19. Jahrhundert, Jugendpsychologinnen und -psychologen der Zwischenkriegszeit - Charlotte Bühler ist unter ihnen nur die Bekannteste - oder Alltags-, Frauen- und Geschlechterhistorikerinnen und -historiker seit den 1980er-Jahren.

Es ist von Bedeutung, wer sammelt(e) und forscht(e) und wer die Aufzeichnungen zur Verfügung stellt(e), die die "Explosion" der Selbstzeugnisforschung in den letzten Jahrzehnten ermöglichten. Das Buch, das immer konsequent die "Analyseperspektiven soziale Schicht" und "Geschlecht" im Blick behält, ist nicht nur für Tagebuch-Begeisterte eine spannende und aufschlussreiche Lektüre, es sei auch all jenen ans Herz gelegt, die sich für die (deutschsprachige) Wissenschaftsgeschichte interessieren.


Li Gerhalter: Tagebücher als Quellen. Forschungsfelder und Sammlungen seit 1800. L'Homme Schriften 27, Vandenhoeck & Ruprecht, 459 S., € 32,99

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