Die Vertreibung der Piraten von der Alten Donau

Können Segelboote zu laut sein? Ja, findet eine neue Generation von Anrainern an der Alten Donau – und ist drauf und dran, eine Wiener Traditionsregatta zu vertreiben.

Emil Biller
FALTER.MORGEN, 23.07.2021

Zu nah am Ufer und zu laut? Regattaboote an der Alten Donau. Foto: FALTER/Emil Biller

Günter H. ist ein bisschen angespannt: Wolken ziehen auf, es wird Zeit abzulegen, bevor der Regen kommt. Der pensionierte Segellehrer macht das Startboot für die Regatta klar, bei der heute zehn „Hofbauer-Piraten“ an den Start gehen.

Piraten: Das sind kleine Zwei-Mann-Segelboote (Knickspant-Jollen für alle, die es genau wissen wollen). Und Hofbauer ist eine der traditionsreichsten Segelschulen in Wien: „Wer in Wien segelt, kennt den Hofbauer”, sagt ein Teilnehmer. Seit den 1960er-Jahren veranstaltet Hofbauer Bootsrennen an der Alten Donau – jede Woche zweimal, am Mittwoch und am Samstagnachmittag. Für Segelenthusiasten in Wien eine nicht wegzudenkende Tradition. Aber die könnte in dieser Form bald ein Ende haben.

Dieser Text ist ein Teil des FALTER.morgen (Ausgabe vom 23.07.2021), dem neuen Früh-Newsletter aus der FALTER-Redaktion. Melden Sie sich hier an:

„Die Probleme mit den Anrainern häufen sich, fast täglich gibt es Beschwerden“, erzählt Markus Hiebeler, Geschäftsführer von BOATS2SAIL, im Gespräch mit dem FALTER.morgen. Erst kurz vor dem ersten Lockdown vergangenen Frühling hat der Segelunternehmer die Segelschule Hofbauer übernommen. 2020 sei ein sehr starkes Jahr gewesen, insbesondere bei den Kinder- und Jugendkursen gab es viel Zulauf. Genau diese Kinder stellen aber für viele Anrainer an der oberen alten Donau neuerdings ein Problem dar. Sie klagen über angeblichen Lärm und Geschrei – und das, obwohl Segeln bekanntermaßen zu den leiseren Wassersportarten gehört.

Zusätzlich gäbe es oft erboste Anrufe, dass Boote dem Ufer zu nahe kommen würden: „Es kann schon auch passieren, dass ein Segelboot mal einen Steg streift“, sagt Hiebeler, der an insgesamt vier Standorten in Wien, Niederösterreich und im Burgenland Wassersport anbietet. Bei den alten Stegen sei das kein großes Problem gewesen, jetzt hätte ein kleiner Kratzer oft sündteure Rechnungen für die Segelschule zur Folge. Auch bei der Regatta Samstag vergangener Woche machte wieder einmal ein Anrainer seinem Ärger Luft. Der Mann hatte beschlossen, dass zwei junge Segler zu nahe an seinem Grundstück vorbeigefahren seien, und sofort bei Hiebeler angerufen.

Früher hat die Koexistenz zwischen Landratten und Seebären klaglos funktioniert. In den vergangenen Jahren wurden an der oberen Alten Donau aber immer mehr Grundstücke verkauft und neue Häuser gebaut. Darüber hat Kollegin Birgit Wittstock bereits 2018 im FALTER berichtet. „Die neuen Anrainer hätten wohl am liebsten keine Segler mehr da, obwohl die Segelschule viel früher da war als diese Einfamilienhäuser“, erklärt Hiebeler.

Der Segelschulbesitzer hat daraus inzwischen seine Konsequenzen gezogen. Künftig wird er einen Teil der Regatten und sämtliche Kinderkurse und Sommercamps auf die Neue Donau verlegen. Sehr zum Leidwesen der Piraten-Crews – die schätzen die Alte Donau nämlich wegen der perfekten, weil herausfordernden Segelbedingungen. „Unser Revier wird immer weiter eingeschränkt“, ärgerte sich eine der Teilnehmerinnen der Regatta am vorigen Samstag.

Sofern es das Wetter zulässt, wird Günter H. vermutlich aber auch diesen Samstag noch einmal die Flaggen hissen, mit dem Startboot rausfahren und die Zielboie auslegen. Wie lange die „Hofbauer-Piraten“ die Alte Donau aber noch unsicher machen werden, ist ungewiss.

Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie jetzt und bleiben Sie mit unserem Newsletter immer informiert.

Bitte liken Sie den FALTER auf Facebook: