Nicht das letzte Lied

Martin Blumenau hat Spuren im publizistischen Kosmos dieses Landes hinterlassen. Meinungsschwach war er nie, aber er meinte es gut. Er meinte es ernst. Er meinte es radikal.

Walter Gröbchen
02.08.2021

Foto: ORF/Ingo Pertramer

Der Mann, um den es hier geht, hätte es gehasst, diese Zeilen zu lesen. Denn Nachrufe haben es an sich, dass sie oft mehr über die Lebenden erzählen als die Toten. Was ich nicht grundsätzlich für falsch halte: so ist einer berührendsten, trefflichsten Texte über den ewig jungen Arik Brauer, der im Jänner dieses Jahres letztlich doch und leichten Herzens Abschied vom irdischen Dasein genommen hat (und ich schreibe das genau so, wie ich es meine), ihm gelungen: Martin Blumenau. Er erzählte von seinem Vater. Und letztlich von ihm. Dass Blumenau wenige Monate später selbst zum Protagonisten zahlreicher und großteils sehr inniger Nachrufe werden würde, hat damals niemand geahnt. Wahrscheinlich auch er selbst nicht.

Zu früh ist der Kerl gegangen, zu wortlos, zu beiläufig. Sie merken: da ist eine gewisse Distanz. Aber es ist mehr eine Distanz zu Ranschmeisserei und Verklärung, die Nachrufen gern innewohnt. De mortui nil nisi bene. Blumenau – und freilich sage ich allein den Nachnamen nicht ohne Respekt, im Gegenteil – hätte auch dieses Prinzip gehasst. Vielleicht hätte er es auch thematisiert. In einer Radiosendung, einem Blog-Eintrag, einer mail-Depesche, einem persönlichen Disput. Meinungsschwach war der Ex-Kollege und Freund, der Moderator und Journalist nie. Und er konnte ziemlich halsstarrig darin sein, seiner Überzeugung Ausdruck zu verleihen, das Terrain abzustecken, Konsequenzen einzufordern. Ich habe ihn oft genug mit hochrotem Kopf erlebt.

Und es ist nicht so, dass wir nicht auch direkt aneinander geprallt wären. Wenn ich so nachschlage, was er an Auseinandersetzungen regelrecht provoziert hat, fallen mir alte Hausmitteilungen, elendslange Denkschriften und legendäre „Musicbox“-Manuskripte in die Hände. Online lässt sich auch einiges nachlesen. Einmal hat er mir sogar die Gründung eines eigenen Blogs abgenötigt, weil ich nicht akzeptieren wollte, dass Gegenpositionen, die ihm nicht passten, einfach per „Delete“-Taste ausradiert wurden. Dennoch waren diese Konflikte – Apodiktik habe ich nie sympathisch gefunden – oft von erstaunlicher Produktivität und Langzeitwirkung. Er meinte es gut. Er meinte es ernst. Er meinte es radikal.

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