Die Liebe in einer Zeit außer Rand und Band

Erich Kästners Roman „Fabian“ erzählt von Hunger, Liebe und Moral im Berlin der Weimarer Republik. Dominik Graf hat den Klassiker mit Tom Schilling in der Titelrolle verfilmt

Michael Omasta
FALTER:WOCHE, FALTER 31/21 vom 03.08.2021

„Die Liebe ist ein Zeitvertreib, man nimmt dazu den Unterleib“, heißt es in Kästners Roman. Hier kommen sich Fabian (Tom Schilling) und Irene Moll (Meret Becker), eine Zufallsbekanntschaft aus einem Nachtlokal, näher (Foto: LUPA FILM/Hanno Lentz)

Es ist eine Liebesgeschichte in wilden und katastrophalen Zeiten, die Erich Kästner in seinem 1931 erschienenen Roman „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ erzählt: die Geschichte des Germanisten und Werbetexters Dr. Jakob Fabian, der jungen Schauspielerin Cornelia Battenberg und des aus gutem Hause stammenden besten Freundes Stephan Labude.

Das Buch wurde erstmals 1979 von Wolf Gremm für die Leinwand adaptiert. Nun hat Dominik Graf, deutscher Regiegigant, den skandalösen Bestseller von einst mit Tom Schilling, Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch und Meret Becker in den Hauptrollen neu verfilmt. Heraus kam ein dreistündiges Kinostück, das auf platte Aktualisierung ebenso souverän verzichtet wie auf kostümierte Nostalgie. Vor allem jedoch ist „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ ein Film voll Ungestüm und Zärtlichkeit: ein Liebesfilm, ein Berlin-Film, ein Meisterwerk mit – Spoileralarm! – bitterbösem Ende. Das Gespräch mit dem Filmemacher fand per Zoom statt.


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Falter: Herr Graf, Erich Kästner hat sich fast ein Jahr lang mit diesem Buch geplagt, er verwarf etliche Episoden wieder, und sein Verlag änderte schließlich den Titel. Wie schwierig war es jetzt, diesen Dreistünder fürs Kino herauszuwuchten?

Dominik Graf: Ach, ja, vielleicht kommen einem da gerade die etwas maroden Strukturen zugute, dass man mit einem Namen wie Kästner operiert, von dem man sagen kann: Ganz uninteressant für ein großes Publikum ist so ein Autor nicht. Eigentlich kriegt man vom Künstler selber ja Unterstützung, wenn er meint: Es ist eigentlich kein Roman, hat fast keinen Plot, keinen Flow. Sicher war das auch Koketterie, aber es stimmt schon. Das Buch kannte ich natürlich, das habe ich vor 40 Jahren das erste Mal gelesen. Als ich jetzt das Drehbuch von Constantin Lieb bekommen habe, hatte ich das Gefühl: Jede Szene für sich ist eine Geschichte und das Ganze eine Abfolge unterschiedlicher Atmosphären und toller Momente. Ob die insgesamt eine Geschichte ergeben, ist – schon von Kästner her – nicht so wichtig. Für einen Regisseur wie mich, der am liebsten an Details und Stimmungen arbeitet, ist das natürlich ein Geschenk. Ob der Film dann über drei Stunden geht oder über anderthalb, ist mir wurscht. Das ist eher eine Verleihfrage.

Obwohl der Film und die Charaktere recht nah an der Vorlage bleiben, heißt es in den Credits „frei nach Erich Kästner“. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Graf: Wir haben uns doch einige Freiheiten genommen und viel von den metaphorischen Bildern rausgeschmissen, weil sie mir zu wenig Realität hatten. Also diese exemplarischen Bilder: Kommunist schießt nachts auf Faschist, beide liegen angeschossen in der Ecke, jammern – das ist mehr wie eine Weltparabel und nicht so meine Welt. Das kann ich auch, glaube ich, gar nicht. Ich bin schon eher dafür zuständig, wo das, was bei Kästner beschrieben wird, der wilmersdorf-charlottenburgischen mittelständischen Kleinkünstler-Kleinbürger-Realität angepasst wird. Der Filmemacher Jean Eus­tache hat doch einmal diesen wunderbaren Satz gesagt: Man muss das Licht filmen, denn „das Licht ist die Luft der Zeit“. Also ich halte mich lieber damit auf, das Licht zu filmen als Kästner’sche Metaphern.

Eine meiner Lieblingsszenen – sie ist auch im Trailer – zeigt Tom Schilling, der sich auf der Straße eine Zigarette anzündet, ein Typ kommt vorbei und schnappt sie ihm weg. Das steht nicht im Buch, wie ist dieser Moment zustande gekommen?

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Graf: Die Idee kam von Constantin Lieb. Das ist eine Szene, die im Drehbuch durch den ganzen Film überall hingewandert ist – irgendwo war die immer schon einmal. Und nun ist sie am Ende nach Fabians Entlassung. Wir haben gesagt: Na, das ist aber ein bissl hart, dass ihm da noch einer die Zigarette klaut! Aber da, glaube ich, war sie dann richtig, weil sie im Grunde die herbe Niederlage seiner Entlassung noch vertieft. Irgendwie ist sie ja auch lustig, nicht? So ’ne Frechheit!

Fabian hat studiert, träumt von einem Erfolg als Schriftsteller, stattdessen wird er arbeitslos. Diese prekären Verhältnisse, die Kästner beschreibt, sind immer noch hochaktuell.

Graf: Ich weiß auch gar nicht, wie man auf die Idee kommt, dass man als Künstler automatisch in höhere Kreise aufsteigt und wahnsinnig viel Geld verdient. Das war doch schon immer so seit der bürgerlichen Epoche, die ganzen armen Maler, die ihr Zeugs verhökert haben für ’nen Appel und ein Ei, das hinterher Millionen kostete – das gehört ja mit zur Kunstproduktion. Du musst wissen, dass du auch da am Hungertuch nagen kannst. Deshalb haben einem die Eltern immer davon abgeraten.

Was hat es mit der Verwendung der vielen unterschiedlichen filmischen Materialien auf sich?

Graf: Zunächst einmal ging es darum, für den Zuschauer eine Zeit zu etablieren, die außer Rand und Band ist. Dazu gehört dann auch der spezielle Einsatz des Filmmaterials. Man nimmt historische Dokumentaraufnahmen und schneidet sie direkt mit den Schauspielern gegen, die wir mit einer Digitalkamera und gleichzeitig mit Super 8 gefilmt haben, und setzt das alles gleich am Anfang in fast schon exzessiver Weise ein, um dem Zuschauer klarzumachen: Wir leben in diesem Film erst einmal in wirklich bitteren, verzweifelten Zeiten und noch immer erst ein paar Jahre entfernt vom Ersten Weltkrieg. Aber ein bisschen auch als Kontrast zu den langsamen und zärtlichen Szenen, wenn die Liebesgeschichte beginnt. Da hat man dann Zeit und Ruhe, bis auch diese Liebe gefährdet und am Ende in den großen Katastrophenfluss mitgerissen wird. Mir schienen diese Kontraste aber auch durch die gestalterischen Mittel der Stummfilmzeit gerechtfertigt: Splitscreen, entfesselte Kamera, verschieden eingefärbte Bilder gab es ja damals schon – es ist ein Versuch, nah am filmischen Avantgardeschaffen der 20er-Jahre dran zu sein.

Die Gestaltung der Tonebene tut ein Übriges, um diese Zeit, die wie besoffen scheint, heraufzubeschwören.

Graf: Da herrscht natürlich dieses aus Filmen von Robert Altman abgeguckte Prinzip­ der Verwirrung – schon um der Verwirrung willen! Wenn Tom Schilling und Meret Becker am Anfang miteinander tanzen, dann hört man fast die Leute um sie herum lauter als die beiden. Es ist auch wirklich nicht wichtig, ob man jeden Satz versteht, denn das soll alles Leben, Leben, Leben sein!

Warum haben Sie sich entschlossen, im sogenannten Academy-Format zu drehen, das beinahe genauso hoch wie breit und heutzutage selbst schon fast historisch ist?

Graf: Das hat mehrere Gründe, zum Beispiel wegen des Archivmaterials. Das ist normal im Format 4:3 gedreht, ebenso wie Super 8. Wenn man 16:9 dreht, wie heute üblich, muss man diese Aufnahmen rechts und links beschneiden, was ich ganz schrecklich finde. Außerdem ist 4:3 enger, also braucht man manchmal rechts und links ein paar geparkte Autos weniger wegzuräumen.

Da freut sich der Szenenbildner! Sie arbeiten seit zig Jahren mit Claus-Jürgen Pfeiffer zusammen. Was macht das Besondere an dieser Kollaboration aus?

Graf: Der erste gemeinsame Film ist 1998 entstanden, ein Serienkrimi. Seither haben wir schon mehrere Kostümfilme gemacht – den „Roten Kakadu“, „Das Gelübde“, „Die geliebten Schwestern“ – und daneben noch viele zeitgenössische Stoffe, ausstatterisch meistens unglaublich anfordernd. Ich weiß, ich kann mich darauf verlassen, dass er immer auf einem Level arbeitet, das mit dem, was der Kameramann und ich uns vorstellen, komplett konform, wenn nicht sogar inspirierend voraus geht. Beispielsweise bei „Am Abend aller Tage“, diesem Film über den Fall Gurlitt – die Geschichte einer Raubkunstsammlung, vermischt mit Motiven einer Henry-James-Novelle –, da hat Claus-Jürgen mit einigen befreundeten Künstlern in Berlin neue „entartete“ Bilder gemalt, bei denen du nicht mehr unterscheiden konntest: Ist das echt, gab es dieses Bild wirklich? So stand uns quasi ein Sammelsurium von Werken großer, in der Nazizeit verfemter deutscher Maler zur Verfügung.

Sehr gegenwärtig wirkt die Geschichte von Fabians Verlobter. Als er keinen Job mehr hat, lässt Cornelia sich mit einem Filmproduzenten ein. Klingt da bereits die ganze #MeToo-Thematik an, oder wie sehen Sie diese Konstellation?

Graf: Das ist der kapitalistische Saustall, der die Filmindustrie halt nun einmal war. Da musste man sich als Frau, manchmal, glaube ich, auch als Mann, den Chefs schon hingeben, wenn man reüssieren wollte. Fabian lässt auch keinen Moment der Empörung darüber erkennen. Diese Strukturen sind damals, in den 20ern, noch einfach hingenommen worden: Wer das Geld hat, hat die Hosen an – und das war beim Film natürlich genauso. Ich glaube ja auch nach wie vor nicht, dass das Kino an sich als eine Moralanstalt taugt. Das Kinomachen funktionierte immer nach einer fabrikartigen Hier­archie – weil halt auch sehr viel Geld mit im Spiel ist, sowohl was die Kosten betrifft als auch die Einnahmen. Weshalb sich die Kritik gegenüber der Haltung der Bosse und der berühmten Besetzungscouch sicher auch lange Zeit sehr in Grenzen gehalten hat. Man hat es ganz einfach hingenommen. Dieses „Es ist halt so“ führt dann ja auch dazu, dass die beiden ganz naiv den Plan fassen: Wir sind jetzt ein Räuberpaar und nehmen diesen Chef aus Babelsberg aus! Und es ist nicht so, dass Cornelia nicht Unterstützung von ihm kriegen würde: Sie könnten dadurch überleben, aber ihre Liebe überlebt das nicht. So kommt es dann ja auch schnell zum Zerwürfnis und Auseinanderbrechen des jungen Räuberpaars. Eigentlich wollen die beiden die kapitalistischen Umstände zu ihrem Vorteil nutzen, doch sie schaffen es nicht.

In einer Schlüsselszene des Films nehmen Studenten einen Professor in die Mangel: Binnen zweier Minuten wird da ganz subtil die Kompromittierung der Wissenschaft durch die Nazis nachvollziehbar.

Graf: Die Szene ist nicht von Kästner, aber vermutlich in seinem Sinn. „Der Wind dreht sich“, heißt es im Roman einmal.

Wie heißt der Schauspieler dieses alten Universitätsprofessors?

Graf: Michael … Haneke, nein, Hanemann. Der hatte auch eine tolle Rolle als ehemaliger Verfassungsschützer in meinem „Tatort“ „Der rote Schatten“.

Am Ende des Buchs gibt es diesen berühmten Zwischentitel, der die Fiktion transzendiert und sich direkt an die Leserinnen und Leser zu richten scheint: „Lernt schwimmen!“ Doch eigentlich schlägt Ihr Herz wie jenes Kästners für die Nichtschwimmer, oder?

Graf: Absolut. Also zumindest für den Beobachter an sich. Ob der dann gleich untergehen muss, ist wieder eine andere Frage. Fabian trägt zwar stets die Fahne der Anständigkeit und der Moral vor sich her, aber im Grunde macht es ihm wahnsinnigen Spaß, den ganzen Saustall zu beobachten und zu beschreiben und Material zu sammeln für den zweifellos großartigen Roman, den er eines Tages schreiben wird – der dann aber leider mit ihm untergeht.

Wobei der kleine Bub, den Fabian vor dem Ertrinken retten wollte, im Film diese Notizen verbrennt, um sich am Feuer aufzuwärmen. Soll das eine Anspielung auf die Bücherverbrennungen der Nazis sein, denen auch Kästners Werk zum Opfer fiel?

Graf: Ich hatte bei dem Schluss mehr eine Beschreibung von Albert Camus über die „zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ im Kopf. Da ertrinkt einer, gegenüber am Ufer wird gefeiert, die Kinder rufen zwar einmal um Hilfe – „Da ersäuft jemand!“ –, aber dann vergessen sie das offenbar auch wieder, und der Junge, der von der Brücke gesprungen ist und von dem man gefürchtet hat, er ertrinkt, der ertrinkt gar nicht wirklich, sondern ein anderer. Man kriegt irgendwie das Gefühl: So ist es halt, the world goes round and round.F


Dominik Graf
ist 1952 in München geboren und einer der erfolgreichsten Film- und Fernsehregisseure Deutschlands. Er hat bei Serien wie „Tatort“, „Polizeiruf 110“ und der Russenmafiaserie „Im Angesicht des Verbrechens“ (2011) Regie geführt. Zu seinen bekanntesten Kinoarbeiten zählen „Die Katze“ (1988) und „Die geliebten Schwestern“ (2014). Kürzlich zeichnete er zudem als Koautor des Bands „Unter Druck. Filmkultur hinter dem Eisernen Vorhang“ (Alexander-Verlag) verantwortlich

„Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ läuft ab 6.8. in den heimischen Kinos

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